Geschichten entstehen nicht als Zeitvertreib am Lagerfeuer, sondern dort, wo Sesshaftigkeit und Vorräte Handeln verzögern und dadurch Raum für gedankliche Simulation, Aufschub und Konsequenzdenken schaffen.
Kategorie: Philosophie
Der Mensch wurde bewusst, als das Jetzt nicht mehr reichte
Bewusstsein ist keine zusätzliche Fähigkeit, sondern die zeitliche Dehnung von Wahrnehmung und Handlung. Es entsteht historisch dort, wo menschliches Handeln nicht mehr im Moment aufgeht.
Präsenz ohne Innenraum
Wittgenstein zeigt, dass der psychische Innenraum keine ursprüngliche Gegebenheit ist, sondern eine grammatische Konstruktion, die erst entsteht, wo unmittelbare Lebenspraxis durch Reflexion unterbrochen wird – das Ich entspringt nicht aus Tiefe, sondern aus Verzögerung.
Wenn die Vergangenheit vor uns liegt und die Zukunft im Rücken
In der Sprache Aymara liegt die Vergangenheit sichtbar vor einem und die unsichere Zukunft hinter dem Rücken – eine Zeitvorstellung, die zeigt, wie stark Sprache unsere Wahrnehmung strukturieren kann.
Penetranz der negativen Reste
Je weniger echte Laster und Gefahren bleiben, desto empfindlicher reagieren wir auf ihre Reste – und verwandeln selbst den harmlosen Schluck Cola in ein gesellschaftliches Bekenntnis.
Von der Kreativität
Ursprung, Tat und Gerinnung bleiben nur dann lebendig, wenn Theorie, Institutionen, Kapital und KI nicht als Quellen missverstanden werden, sondern als Werkzeuge, während Schöpfung letztlich Mut, Freiraum und Liebe braucht.
Die Unschärfe als Weg zum Geist
(Ähnlich etwa, wie eine mittelmäßige Theaterdekoration besser sein kann, als eine raffinierte, gemalte Bäume besser als wirkliche, – die die Aufmerksamkeit von dem ablenken, worauf es ankommt.)
Nichts passiert – überall Öffentlichkeit
Kierkegaard hält unsere Zeit – damals wie heute – für ein Zeitalter lähmender Reflexion, in dem wir statt leidenschaftlich zu handeln endlos reden, vergleichen und konsumieren, und ruft dazu auf, endlich Entscheidungen zu treffen und „das Ding zu tun“.
Alfred Sohn-Rethel – Wie unser Denken vom Handel geprägt wird
Die Grundidee: Erst handeln, dann denken Alfred Sohn-Rethel stellt eine wichtige Frage: Wie kommen wir eigentlich auf Dinge? Die meisten Philosophen dachten: Zuerst haben wir Ideen im Kopf, dann handeln wir. Sohn-Rethel dreht das um: Zuerst handeln wir, und dabei entstehen unsere Denkformen. Sein wichtigstes Beispiel ist der Handel mit Geld. Wenn ich einen Apfel…
Schwerkraft als Ursprung von Sprache, Sinn und Verantwortung
Grammatik, Moral und Bedeutung entstehen nicht aus Regeln oder Symbolen, sondern aus leiblich getakteten Bewegungen im Widerstand der Schwerkraft – weshalb Künstliche Intelligenz nur dann wirklich versteht, wenn sie zu fallen, zu halten und im Gleichgewicht zu handeln vermag.
Leben vor der Theorie – und was danach bleibt
Wer nur dekonstruiert, verliert leicht das Maß – und gerade darin unterscheiden sich Deleuze, Derrida und Foucault von einer Philosophie, die das gelebte Wort und den leibhaften Anderen zum Ursprung nimmt.
WENN MASCHINEN MALEN: KI-KUNST IM SPIEGEL DER PHILOSOPHIE
KI-Kunst kann als echte Kunst gelten, weil sie – trotz fehlender Subjektivität – genügend wesentliche Merkmale der “Kunstfamilie” aufweist und damit als eigenständige, digitale Form kreativer Ausdruckskraft unsere Vorstellung von Kunst erweitert.
Eduardo Lourenço über Fernando Pessoa – eine verständliche Einführung
Eduardo Lourenço sieht in Fernando Pessoa einen genial zerrissenen Dichter, der aus seiner existenziellen Unsicherheit ein poetisches Universum erschuf, in dem Heteronyme, portugiesische Mythen und moderne Sinnkrisen zu einem vielstimmigen Selbstgespräch verschmelzen.
Täuschung oder Teilhabe? Was KI im Diskurs wirklich verändert
Das Zürcher KI-Experiment ist kein bloßer Täuschungsfall, sondern ein philosophischer Fingerzeig darauf, dass unsere Überzeugungen nicht aus einem inneren Kern stammen, sondern in sozialen Sprachspielen entstehen. Ist die KI Teil dieser Bedeutungsordnung geworden?
Warum Ulysses eine moderne Bibel ist
James JoycesUlysses* ist wie eine moderne Bibel, weil der Roman durch schonungslose Selbsterkenntnis und die literarische Verarbeitung biografischer Peinlichkeiten einen spirituellen Raum schafft, in dem Leser wie Autor auf radikale, ungeschönte Weise zu sich selbst finden können.
Walter Benjamin
Der destruktive Geist ist heiter und fröhlich. Seine einzige Bestimmung ist es, Platz zu schaffen.
Die Frau existiert nicht … IV
Freuds Metaphysik zerfällt schließlich in die beiden Urkräfte: den schöpferischen Strom des Lebens und die auflösende Welle des Todes. Der eine formt, ordnet, errichtet Mauern aus Kultur und Hierarchie, während der andere ebnet, berauscht und das Verkrustete ins Meer der Möglichkeiten spült. „Man könnte sich vorstellen, daß gewisse Sätze von der Form der Erfahrungssätze erstarrt…
Vico & Joyce
Basierend auf Giambattista Vicos zyklisch-donnerndem Geschichtskonzept, das Joyce so sehr inspirierte, dass er seine eigene Donnerfurcht damit verband, entwickelt Joyce in seinen Werken keinen linearen Handlungsablauf, sondern verflicht zahlreiche Erzählebenen und grundlegende Lebensthemen wie Mann und Frau, Geburt und Tod, Kindheit und Glauben, Nacht und Schlaf, indem „Zeit“, „Fluss“ und „Berg“ selbst zu Hauptfiguren werden und alles in einer einzigen schöpferischen Absicht aufgeht, ähnlich wie bei Laurence Sterne in *Tristram Shandy*.
Demokratie
Demokratie und Wissenschaft folgen einem ähnlichen Prinzip: Beide erfordern Reflexion, Dialog und Kritikfähigkeit, um Entscheidungen zu treffen, Fehler zu korrigieren und durch sorgfältigen, rationalen Diskurs Freiheit und Gerechtigkeit zu wahren.
Wilhelm von Humboldts Dunkelträume
In seinem Tagebuch für die Zeit vom 18.-23. Juli 1789 beschreibt er den Anblick einer Frau bei der Überquerung des Rheins …
