Die Welt als Stottern Gottes

Wenn ich die Monadologie nochmal durchgehe, verdankt sich die Welt einer Art „Stottern“ Gottes: sie existiert infolge eines gewissen Nichtgelingens, welches stückweise eingeholt wird. Das ist dann das Wesen der Geschichte. Die logischerweise im Ende, also Verschwinden der Welt gipfelt. Denn die Welt kann nur bestehen, indem etwas „noch nicht so weit“ ist. Signalisiert das…

Penis-Wahn

Das auseinandersetzende Denken und Sprechen bleibt gleichwohl im Banne dessen, dem es entkommen möchte – infolge der Zwangsvorstellung einer Superrolle, die alles, wonach einem ist, wirklich wahr werden lässt. Immer am Ziel ihrer Wünsche, widersteht sie jeglicher Auseinandersetzung oder »Entmannung«. So gelingt es der Vernunft niemals ganz, die Einbildung zu verwinden. Ohne auseinandergesetzt zu werden,…

„Die Frau existiert nicht …“

Lacans Aussage bleibt nur verblüffend, wenn man die ungewöhnliche Bedeutung seiner Geschlechts-Auffassung nicht nachvollzieht und meint, „Existenz“ sei etwas Echtes. Nach Lacan verdankt dieser Begriff sich aber einem Aberglauben, der Voraussetzung dafür ist, dass wir etwas Bestehendes wahrnehmen.

Je größer die Ungewißtheit, umso größer die Bereitschaft zu teilen …

In seinem 1970-Interview antwortet Orson Welles, dass er sich als Alternativ-Karriere die eines Anthropologen vorstelle (cf. https://www.youtube.com/watch?v=9NTOSevzp4w ). Cavett, der Moderator, liebäugelt statt dessen mit der Philosophie, aber Welles meint, die Philosophie sei erledigt, die Anthropologie „spannender“. Was ich nach der Lektüre des Hauptwerks des bedeutendsten Vertreters der Theorie des Kulturmaterialismus bestätigen kann.

Habermas zu dem Ukraine-Krieg und seinen Folgen

In einem Gastbeitrag für die »Süddeutsche Zeitung« hat der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas sich zur Diskussion um die deutsche Reaktion auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine geäußert.

Habermas arbeitet heraus, wie die jüngere Generation im Westen keine militärischen Begriffe mehr kennt und daher auf das Geschehen juristisch reagiert, wofür es nur eine vorgestellte, aber keine wirkliche Grundlage gibt.

Am fruchtbarsten fand ich Habermas Bild der Ukraine als Teenager im Vergleich zum „erwachseneren“ Europa. In der Begeisterung für die Sache der Ukraine schwelt, wenn sie z. B. aus Deutschland kommt, immer auch etwas „Berufsjugendliches“, also mehr das eigene Alter und dessen Pflichten Verwerfende. Habermas plädiert stattdessen für eine Unterstützung der Ukraine, die von gegenseitigem Respekt und Wissen um das Alter geprägt ist, welches das eigene Werden erreicht hat.

Habermas meint, dass der Westen, also auch die westlichen Jugendlichen, „alt“ in dem Sinne vor „weiter entwickelt“ sind, indem sie die Welt in juristischen Kategorien deuten — während die Ukrainer, also auch die ukrainischen Großväter, „jung“ sind in dem Sinne von „noch am Anfang stehend“, indem sie Welt in militärischen Kategorien deuten. Das bürokratischere Gemüt des Westens sehnt sich nach der verlorenen Unmittelbarkeit der Entstehung seiner Voraussetzungen und beutet so den Freiheitskampf der Ukraine für seine eigenen Träume aus.

Der Geschlechtstrieb ist unbestimmt

Männer wie Frauen suchen in erster Linie Genuss. Wobei es sein mag, dass beider Organe nur im Koitus völlig zur Auswirkung kommen können – was sie aber nicht von Haus aus oder nur dunkel zu wissen scheinen. Damit es zur Befruchtung kommen kann, müssen zwei eher unbestimmte Begierden zusammenkommen.
Der Sieg über das Unorganische, den Tod, ist eine Folge der Verschwendung in der Natur.

Die Überholung der Schildkröte

Lacan meint, Achilles überhole die Schildkröte „im Realen“, Blondel dasselbe, wenn er von „der Tat“ redet, die etwas fertigbringt, was die reine Berechnung nicht schafft. Der Grenzwert der Unedlichkeitsrechnung ist eine fiktionale, also „nicht bestehende“ oder „nichtige“ Größe. Lacan und seine Gefolgschaft (Derrida …) nimmt das dann an der Unendlichkeit der Signifikantenreihe auseinander und wundert…

Kriegsverbrechen

Meine Großmutter hatte mir früher von Bombenangriffen erzählt, Nächte, welche die Familie in Luftschutzkellern durchzittert hatte. Meine Mutter musste als 15jährige Leichen nach solchen Angriffen von der Straße schleppen, wovon sie sich innerlich einen Leben lang nicht erholt hatte. Meine Großmutter war mehrfach vergewaltigt worden. Sie wäre aber nie auf den Gedanken gekommen, von „Kriegsverbrechen“…

Whataboutismus

Der Neologismus beschimpft lediglich eine Wahrheit, an die man (noch) nicht gewöhnt ist. Man kann sie ablehnen, aber nicht verwerfen.

Unterschied zwischen den Geschlechtern

Trotzdem mache ich einen sogar rigorosen Unterschied zwischen den Geschlechtern, die ich für unterschiedliche Formen des „seelischen Vampirismus“ halte = der Art und Weise, die Abwesenheit dessen zu verarbeiten, wonach uns als Menschen immerzu ist. Der/die Menschende ist nach meiner Beobachtung und inzwischen auch Auffassung unabhängig von dem Geschlechtsteil entweder „männlich“ oder „weiblich“, etwas Weiteres…

Über-Ich und Moralapostel

Das Über-Ich ist nun mal eine Triebgestalt, die ihr Mütchen “im Interesse der Allgemeinheit” kühlt. Die Nummer gleicht dann der dünnen Spiel-Handlung in einem Pornofilm und verrät sich auf Facebook häufig durch die obszöne Verwendung von Stimmung verspritzenden Bildschriftzeichen unter Beiträgen, die es “nicht fassen können” oder die Wortkette “immer noch nicht” wiederholen. Es bleibt…

Anaximander

Woher die Dinge ihre Entstehung haben, dahin müssen sie auch zugrunde gehen nach der Notwendigkeit; denn sie müssen Buße zahlen und für ihre Ungerechtigkeiten gerichtet werden gemäß der Ordnung der Zeit. 

Blick

Eines der fruchtbarsten Konzepte in dem romantischen Gedankengestrüpp Lacans. Er bedeutet nicht, was unsere Perspektive versammelt, sondern etwas in dem Gesichtsfeld, das dessen Ordnung oder Macht zerstört, das „bucklicht Männlein“ in dem Volksgedicht:   Will ich in mein Gärtlein gehn, will mein Zwiebeln gießen; steht ein bucklicht Männlein da, fängt als an zu niesen.  …

Männlich | weiblich – Maskenformen

Je mehr eine Maske als Maske zu erkennen ist, desto weiblicher wirkt ihr Träger. Schminke ist davon der ultimative Ausdruck. Die Maske (Form des Bewusstseins) setzt nur einen Leib, nicht aber dessen weitere Merkmale voraus. Je weniger sie als Maske zu erkennen ist, desto männlicher macht sie die sie tragende Person.

Nietzsches Beitrag zum Wesen des Geistes

Unbewusstes Morgenröte 119 Erleben und Erdichten. – Wie weit Einer seine Selbstkenntniss auch treiben mag, Nichts kann doch unvollständiger sein, als das Bild der gesammten Triebe, die sein Wesen constituiren. Kaum dass er die gröberen beim Namen nennen kann: ihre Zahl und Stärke, ihre Ebbe und Fluth, ihr Spiel und Widerspiel unter einander, und vor…

Bewusstsein als politisches Organ

Was den Aberglauben der Logiker betrifft: so will ich nicht müde werden, eine kleine kurze Tatsache immer wieder zu unterstreichen, welche von diesen Abergläubischen ungern zugestanden wird – nämlich, daß ein Gedanke kommt, wenn »er« will, und nicht wenn »ich« will; so daß es eine Fälschung des Tatbestandes ist zu sagen: das Subjekt »ich« ist die Bedingung…

Psychoanalyse und Katholizismus

Es gibt ja diese Interviewantwort von Lacan, die „einzig echte Religion“ sei „die römische“. Als Sohn einer strengkatholischen Mutter (sein kleiner Bruder wurde Mönch …) sollte Lacan also einen heimliches Kirchenprogramm mit seiner „Rückkehr zu Freud“ verfolgt haben? Nach der Seinslehre der Psychoanalyse kommt der Mensch, weil er zu früh geboren wird, uneinheitlich oder ohne…

Ma-ma | Pa-pa – vom Wesen der Sprache und Selbstwerdung

In unseren ersten Worten zeigt sich etwas Wiederholendes, Festhaltendes: „Ma-ma“ – „Pa-pa“. Es entspricht dem Ausschnitt, den wir immer nur von der Welt gewahren, der Tatsachen, dass wir keine Augen im Hinterkopf haben. Indem wir etwas ausmachen, heben wir es ab von seiner Umgebung – die es dadurch bedeutet. Wörter oder „Signifikaten“ treiben dies nur…

Wesen der Verdrängung

Freud: Zum psychischen Mechanismus der Vergesslichkeit Freud_Vergesslichkeit Einen mächtigen Zuwachs an Interesse aber gewinnt das hier erläuterte Beispiel, wenn man erfährt, dass es uns geradezu als Vorbild für die krankhaften Vorgänge gelten darf, denen die psychischen Symptome der Psychoneurosen – Hysterie, Zwangsvorstellen und Paranoia – ihre Entstehung verdanken. … vermittels ähnlich oberflächlicher Assoziationen bemächtigt sich …

Pierre ist nicht da

Aber man muß beachten, daß es in der Wahrnehmung immer Konstituierung einer Form auf einem Hintergrund gibt. Kein Objekt, keine Gruppe von Objekten ist speziell bestimmt, sich als Hintergrund oder als Form zu organisieren: alles hängt von der Richtung meiner Aufmerksamkeit ab. Wenn ich in dieses Cafe eintrete, um dort Pierre zu suchen, bildet sich…

Die Faszination klassischer Literatur

„Aber die Schwierigkeit liegt nicht darin, zu verstehn, daß griechische Kunst und Epos an gewisse gesellschaftliche Entwicklungsformen geknüpft sind. Die Schwierigkeit ist, daß sie für uns noch Kunstgenuß gewähren und in gewisser Beziehung als Norm und unerreichbare Muster gelten“ schreibt Karl Marx – überraschend als Theoretiker der Literatur – in seiner Einleitung zur Kritik der…

Kunst-Theorie Karl Marx‘

Bei der Kunst bekannt, daß bestimmte Blütezeiten derselben keineswegs im Verhältnis zur allgemeinen Entwicklung der Gesellschaft, also auch der materiellen Grundlage, gleichsam des Knochenbaus ihrer Organisation, stehn. Z.B. die Griechen verglichen mit den modernen oder auch Shakespeare. Von gewissen Formen der Kunst, z.B. dem Epos, sogar anerkannt, daß sie, in ihrer Weltepoche machenden, klassischen Gestalt…

The Lady Eve …

… scheint mir unübertroffen. Der Wirrkopf (Screwball) wird hier gespielt von Peter Fonda, der ständig über seine eigenen Füße stolpert. Seine Partnerin macht ihn zum kompletten Narren, verliebt sich dabei aber in ihn. Kann sich eine Frau also nur in einen Mann verlieben, den sie durch den Kakao zieht? Das ist es nicht, und Peter…

Metonymie & Metapher

Es ist eben wie mit der Familienähnlichkeit: wir können sie in jedem Gesicht eines Mitgliedes wahrnehmen, es aber nicht als Paradebeispiel für etwas allen Gemeinsames vorzeigen, da dieses letztlich in einem Muster liegt, das durch etliche Bestandteile zustande kommt. Gleich dem Bild, welches in einem Mosaik, in jedem seiner Teile, anwesend ist, ohne in irgendeinem…

Das Patriarchat …

… die Herausforderung, vor die es einen stellt, wird deutlicher, wenn wir stattdessen „Ordnung“ sagen. Diese wiederum ist keine rein begriffliche Größe, sondern hängt von den materiellen Verhältnissen ab, die sie einrichtet. Verändern sich diese, verändert sich avec die Ordnung. Es ist deswegen richtig und falsch von einer „Krise des Patriarchats“ zu reden, denn faktisch…

Die Kastrationsangst des ostdeutschen Mannes

Psychoanalytisch ist der Term „Kastration“ natürlich sinnbildlich aufzufassen, drückt aber vor allem emotional gut aus, worum es geht. „Alle Frauen sind kastriert, aber nicht nur“, las ich neulich bei Lacan, und: „Alle Männer sind kastriert, außer einem“ – der im unbewussten DDR-Männergemüt in Wandlitz lebte. Ich erinnere mich noch gut an die ratlosen Kamera-Bewegungen, welche…

Warum das Christentum auch verhasst ist

Hat mit seinem Menschenbild zu tun, zusammengefasst im Dogma der Erbsünde. Die Vorstellung dahinter: dass der Mensch ein Mängelwesen ist, eine Art Krüppel, angewiesen auf Prothesen. Die schlimmste Sünde ist folglich der „Hochmut“, also Auffassung, man sei nicht verkrüppelt. Denn erst dieses Eingeständnis macht die Beschaffung und Optimierung von Prothesen möglich, die allerdings niemals die…

Joan Copjec LIES MEIN BEGEHREN

Die Autorin bringt in ihrem Klassiker das psychoanalytischen Mantra in Stellung, um Kritiker von Ideologie und Zwängen mit einer übersehenen Freiheitschance zu konfrontieren. Die Kapitel ihres Buches nehmen dabei vor allem Ansichten Foucaults aufs Korn im Hinblick auf etwas Überschüssiges, das er Punkt für Punkt vernachlässige und das nicht in den Ordnungen oder Neurosen der…

Unbelastet von den Beschuldigungen des Irrtums

Nach Descartes gibt es ja eine Instanz, die über jegliche Aussage hinausgeht, die ein Subjekt machen kann, und deswegen unbelastet bleibt von allen Beschuldigungen des Irrtums. Entsprechend die heutige Vorstellung von Demokratie mit einer Menschlichkeit als Basis, die durch die Verschiedenartigkeit der Bürger, die daran beteiligt sind, nicht verfälscht werden kann. Was diesen Bürger ausmacht,…

Verschwörungstherorien …

… betrachten die Welt wie eine Leinwand oder Gardine vor einer ungeheuren Wirklichkeit, die sich dahinter verbirgt. Der ultimative Einblick bleibt letztlich verwehrt. Immerhin bringen ihn Löcher, die in den Schutzschirm gestoßen werden, näher. Deswegen verstärken gerade die widersinnigsten Behauptungen, die das Gewebe der Wirklichkeit massiv einreißen, die Hoffnungen auf den Durchbruch. Das Verhalten ist…

Was „Geschlecht“ wirklich ist – und warum es nur zwei davon gibt (die sich nicht vertragen)

Der Gender-Vormarsch sieht vieles richtig, nur eine Hauptsache, die ihm obendrein den Namen gibt, ist, wenn auch nicht 100%, so doch im entscheidenden Punkte verkehrt. Denn das Geschlecht ist nicht wie Klasse oder Rasse ein kultureller Oberton, der sozusagen mit der Mode geht, sondern eine unvergleichliche Weise, mit Welt und Leben fertig zu werden und…

Was ist denn dann „Geschlecht“?

Ich habe in der Auseinandersetzung mit J. Butlers Gender Trouble gefunden, dass „Geschlecht“ nicht auf derselben Stufe wie „Rasse“ oder „Klasse“ stehen, sich deswegen nicht entwickeln kann, also eine kulturübergreifende Alterität ausmacht. Die aber worin besteht? Spontan fällt mir als Antwort ein: Im voneinander abweichenden Verhältnis zur Schokolade! Da gibt es eindeutig ein „weibliches“ und…

Warum ich Nichtrauchern mißtraue

Ich rauche schon lange nicht mehr, würde mich deswegen aber nicht als Nichtraucher bezeichnen. Aufgehört habe ich mit dem Rauchen aus derselben Ursache, die meinen lebenslangen Abstand von Drogen bewirkte – Ekel vor Abhängigkeit. Die wenigen Erlebnisse, die ich in meiner Jugend mit Drogen hatte, waren dermaßen genussvoll, dass ich augenblicklich einen Riegel vorgeschoben hatte….

Warum hält Lacan Homosexualität für „pervers“?

Ich versuche mir immer mal wieder einen Reim auf die Lacansche Terminologie und das Gedankengebäude dahinter zu machen, etwa: dass die seelische Ordnung des Menschen entweder “hysterisch”, “obsessiv” oder “pervers” sein muss. Zur Veranschaulichung wird dann von Lacan noch gesagt, Frauen seien in der Regel “hysterisch”, Männer “obsessiv” und z. B. Homosexuelle “pervers” – weil…

objet a als Ungeheuer

Lacan hat den Begriff objet a geprägt für den Gegenstand eines endlosen Grundwollens. Das objet a ist Ausdruck für die Unvollständigkeit der Welt – etwas, das es nie gibt. Außer im Horror-Film, wo es verkörpert wird durch das Ungeheuer. Das Ungeheuer stellt etwas dar, dass es nicht gibt. Diese Widersprüchlichkeit macht es unheimlich. Der Begriff,…

Psychoanalyse | Wittgenstein

Die Psychoanalyse unterscheidet zwei Sprachspiele: Bewusstes und Unbewusstes. Sie ordnen z. T. selbe Gegenstände einander verschieden zu. Lacan setzt nur Verstand gleich mit Bedeutung. Die unterbrochen werden kann, indem unwissende Sprachspiele dieselben Gegenstände reklamieren. Für Wittgenstein ist dagegen jedes Sprachspiel gleich maßgebend, Bewusstsein also nur ein Sonderfall der Bedeutung. Wissen muss falsifizierbar, Verstand optimierbar sein,…

Freud | Lacan

Bei der Psychoanalyse geht es immer um Sex. Dabei weiß diese Lehre kaum etwas über Sex, könnte also keine Ratschläge geben. Vielmehr stellt sie fest, wie Sex zustande kommt, nämlich als etwas Überflüssiges, das den Menschen – nach Freud – sogar unmenschlich macht. Freud beobachtet, dass Sex aus dem besteht, was übers Ziel hinausschießt. Egal,…

Impfgegnerschaft & Geburtstrauma

Wenn ich die Beiträge jener, die gegen’s Impfen sind, in meinem Nachrichtenstrom nach etwas durchgehe, das sie gemeinsam haben, find‘ ich im Regelfall eine starke Zurückweisung von, for lack of a better word, Abkühlung. Am meisten machen sie sich Sorgen über Persönlichkeit und sehen deren Entäußerung als lauter Missbrauch an. Sollten Impfgegnernde somit eingeordnet werden…

Sex

„Nichts ist abstoßender“, schreibt Davila, „als das, was der Dummkopf ‚eine harmonische und ausgeglichene sexuelle Aktivität‘ nennt. Die hygienische und methodische Sexualität ist die einzige Perversion, die die Dämonen ebenso verabscheuen wie die Engel.“ Was will der Philosoph uns damit sagen? Ich hole Freud zur Hilfe: „… man müsste sich, so befremdend das auch klingt,…

Das Begehren ist das Begehren des anderen …

Dieser Kernsatz Lacans könnte missverstanden werden im Sinne Girards: dass wir uns nur begeistern können für etwas, das andere möchten: indem sie darauf brennen, wird auch uns danach – so entstehen dann Konflikte usf. Nach Lacan ist uns  dabei jedoch mehr nach dem inneren Fiebern – von anderen. Wetteifernd, würden wir jemand sogar gewinnen lassen,…

Zombiehafte Endlosigkeit

Die Nachrichtenströme der sozialen Medien vermitteln etwas Hoffnungsloses, indem wir nie ihr Ende einrollen können.  Sie sind – im wahrsten Sinne des Wortes – untot. Ähnlich der virtuelle Raum der Videospiele, in dem sich immer noch eine Umgebung hinter derjenigen auftut, die wir gerade durchqueren. Die endlosen Fernsehserien, Walking Dead! Ist das endlich die nomadische…

Novissima Sinica

Nach dem Untergang des Osmanischen Reiches könnte sich mit China erstmals wieder eine Weltmacht mit einem nicht westlichen kulturellen Erbe zu Wort melden. Es ist ja das uns fremde Gedanken- und Wertesystem des Konfuzianismus, das Leibniz in seiner Novissima Sinica in Relation setzte zu einem europäischen Gedanken- und Wertesystem, das er für dringend reformbedürftig hielt…

Geek culture

I have always had a soft spot in my heart for geek culture, because at core, geeks care deeply about something, and I think it’s incredibly cool. Maybe it goes back to my adolescence, which I spent engrossed in fantasy novels and serial mysteries. In middle school, my clique of friends dubbed itself the „Multiplying…

Kunst soll . . .

. . . weniger der „Gesellschaft einen Spiegel vorhalten“ (wär‘ eher was für Journalisten) als die Menschen lehren, ihre Spieltalente zu entdecken. Kultur besteht bestenfalls darin, möglichst viele Ernstfälle in den Spielfall zurückzuverwandeln, den Möglichkeitssinn absolut zu strapazieren, um einer Fanatisierung des Wirklichkeitswillens entgegenwirken und gefahrfrei an die Grenze zu gehen. Virtuosen gehen ja gerne…

La Rochefoucauld BETRACHTUNGEN

Mittelmäßige Geister verurteilen gewöhnlich alles, was über ihren Horizont geht. Wie es das Kennzeichen großer Geister ist, mit wenig Worten viel zum Ausdruck zu bringen, so haben die kleinen Geister hingegen die Gabe, viel zu reden und nichts zu sagen. Wir sprechen fast nur denen gesunden Menschenverstand zu, die unserer Meinung sind. Jedermann beklagt sich…

Monadologie – in leichter Sprache

Meine Übersetzung von G. W. Leibniz‘ Monadologie aus dem französischen Original in verständliches Deutsch. Leichte Sprache ist eine speziell geregelte einfache Sprache. Die sprachliche Ausdrucksweise des Deutschen zielt dabei auf die besonders leichte Verständlichkeit. WIIKIPEDIA 1. Dieser Text handelt von Monaden. Monaden sind Einheiten. Sie verleihen Vollkommenheit. Einheiten sind ohne Teile. 2. Es muss Einheiten…

Kann man „Monade“ durch „Sprache“ ersetzen?

1. La Monade, dont nous parlerons ici, n’est autre chose qu’une substance simple, qui entre dans les composés ; simple, c’est-à-dire sans parties. Hier führt das Wort „entrer” in die Irre. Es ist nicht falsch, aber so ungeschickt, wie wenn man sagte „Eine Melodie ist etwas, das zu Tönen tritt” – was irgendwie stimmt, aber…

Die Monadologie des Gilles Deleuze

DELEUZE interessiert sich weniger als die meisten französischen Philosophen seiner Zeit für Sprache, hingegen besonders für Metaphysik. Seine Philosophie ähnelt in dieser Hinsicht der Naturlehre Schellings, z. B. in ihrer Auffassung des Wesens von Begriffen. Unter diesen werden, wenn ich Deleuze richtig lese, keine geistigen Vorlagen verstanden, die der Wirklichkeit gegenüber stehen, denen entsprechend sie…

Hässlichkeit verschlingt die Zukunft

Schönheit ist immer zerbrechlich, strahlt Unbestand aus und damit das Neue, durch das sie ersetzt werden soll.  Hässlichkeit wirkt dagegen robust, muss die Zukunft nicht fürchten, weil sie sie verschlungen hat. Der hässliche Stolz ist zeitlos, versperrt die Verheißung und muss sich im Kreis drehen. Wo nichts zerbrechen will, kann auch nichts werden.

Walter Benjamin | Über den Begriff der Geschichte

»Zu den bemerkenswerthesten Eigenthümlichkeiten des menschlichen Gemüths«, sagt Lotze, »gehört – neben so vieler Selbstsucht im Einzelnen die allgemeine Neidlosigkeit jeder Gegenwart gegen ihre Zukunft.« Diese Reflexion führt darauf, daß das Bild von Glück, das wir hegen, durch und durch von der Zeit tingiert ist, in welche der Verlauf unseres eigenen Daseins uns nun einmal…

Maschine Mann | k. I. der Frauen

Der Unterschied zwischen einer Maschine und einem Organismus besteht darin, dass es im letzterem nichts Überflüssiges gibt. Wenn wir irgendwo ein Teil finden, können wir jedes Mal erkennen, ob es zu einem Organismus, nicht aber immer, falls es zu einer Maschine gehört. Denn in Maschinen gibt es Elemente, denen man die Maschine nicht ansieht, weil…

The Aphorisms of Nicolas Gomez-Davila — “Escolios a Un Texto Implícito”.

Nicolás Gómez Dávila (1913-1994), catholic conservative writer of the XXth century.    To compromise is to sacrifice a distant good to an immediate urgency. (I, 13)    With God there are only individuals. (I, 16)    Every goal other than God dishonors us. (I, 18)    An “ideal society” would be the graveyard of human…

Von der Zurückgezogenheit

Wie sehr hatte doch Descartes recht mit seiner Devise Bene vixit, bene qui latuit (Derjenige hat gut gelebt, der im Verborgenen gelebt hat) oder auch mein Großvater, der auf seinem Arbeitstisch Ama nesciri (Liebe es, nicht bekannt zu sein) eingeschrieben hatte, oder Monsignore Rivet, als er mir, nachdem er mich trotz gewisser Befürchtungen meiner Eltern…

Against Lacanism I A Conversation with André Green

Conversation held in Green’s office in Paris, 17.5.94. Published in Journal of European Psychoanalysis – No. 2 – Fall 1995-Winter 1996.                                                                                                                                             …

Die geheimnisvolle Tiefe der Tatsachen

„Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische“, schreibt Wittgenstein in seiner Logisch-philosophischen Abhandlung, „sondern dass sie ist.“ Wir können jeden Gegenstand in seine Bestandteile zerlegen oder mit anderen zusammenstellen, vermessen, um zu bestimmen, was es mit ihm auf sich hat – dadurch wird aber nicht erklärt, warum es ihn gibt. Egal, wie sehr man…

Die Philosophie des Maurice Blondel – Blick über die Hauptgedanken

„Ja oder nein: Hat das menschliche Leben einen Sinn? Hat der Mensch eine Bestimmung?“ beginnt Blondel sein Hauptwerk L᾽Action – lässt es enden mit dem Satz: „Es ist.“ Der Philosoph nimmt an, dass unserer Leben auf Erden bedeutend ist durch eine Bestimmung, deren Sinn sich schrittweise herausstellt, nachdem wir ihn uns eingehandelt haben. Denn die…

„Emotionale Intelligenz“?

Ob eine tiefere Kenntnis sich nun dem Kopf verdankt oder dem Bauch, eines bleibt gleich: der Ausschluss von Zweifel.  Auch die „emotionale Intelligenz“ betont ja nicht etwa Schattenhaftigkeit, sondern behauptet im Gegenteil, ihren Gegenstand gänzlich zu durchdringen. Wofür es keinerlei Anhaltspunkt gibt.  Erkennen ist an sich begrenzt und endlich.  Statt Bauchgefühl würde Aufmerksamkeit – im…

Was fasziniert stolze Frauen an Schwächlingen?

Dass sie sich beherrschen lassen, wäre die erste, spontane Antwort. Aber sie knechten diese Männer ja nicht herum, putzen sie eher heraus, behängen sie mit Schmuck wie eine Prostituierte ihren Zuhälter oder ein Primitiver seinen Fetisch, dem er übernatürliche Kräfte zuschreibt trotz seiner Mickrigkeit. Fetische sind nie imposant, im Gegenteil. Ihre merkwürdige Übernatürlichkeit verdanken sie…

Arbeitswerttheorie

KARL MARX bleibt Ausleger Abrahamitischer Religion, wenn ich die seinem Denken zentrale „Arbeitswerttheorie“ betrachte . Der Mensch, verstehe ich diese, sei die einzige Quelle echten Wertes und legitimer Besitzer der Früchte seiner Arbeit: was wir gemacht haben, gehört unbedingt uns. So wie (das sagt Marx zwar nicht, daher kommt aber, denke ich, die Vorstellung) die…

Kann ein kontingenter Satz etwas über die Wirklichkeit sagen, wenn er falsch ist?

Besteht sein Falschsein darin, dass die Verbindung zur Wirklichkeit nicht zustande kommt, er kontaktlos ihr gegenüber zerfällt? Ist das überhaupt vorstellbar? Oder nimmt er eine zwar negative, trotzdem aber doch Bestimmung vor? In dem Fall verfinge nämlich eine interne, also nicht-kontingente Relation. Kontingenz bestünde dann in der Bestimmungsweise, negativ oder positiv, nicht aber in der…

Blondel über die Entstehung von Begriffen | Motiven

Das intellektuelle Licht trägt auf diese Weise die vitale Kraft in sich und benutzt diese. Das Motiv ist tatsächlich nur der Niederschlag und die Synthese von tausend lautlosen Aktivitäten; gerade dies ist der Grund seiner natürlichen Wirkkraft. Es tritt nicht plötzlich in Erscheinung, sozusagen aus heiterem Himmel und spontan hervorgebracht. Es ist von einer Menge…

Wahre Liebe

Abzuwehren ist hier die Vorstellung der Interessengemeinschaft oder Sinnlichkeit – durch jene des Unendlichen des fremden Subjekts als Grundlage von Gemeinschaft. Die dafür nötige Dezentrierung des Willens aber ergänzt nicht den Egoismus um Altruismus, sondern wechselt den Standpunkt, der nicht das Produkt seiner vorhergehenden Bestimmungen ist, sondern diese überragt und seine eigenen Bedingungen mit sich…

Sag‘ bloß?

Virtuos kann nur sein, wer die Zweifel erwürgt hat. Virtuosität nimmt deswegen nie gefangen. Weil sie nichts riskiert, immer im voraus schon weiß, was Sache ist. Das spekulative oder theoretische Pendant der Virtuosität ist die Ironie (Facebook-Seuche . . . ). Sie signalisiert die unbedingte Herrschaft des Ichs, das sich von jeder äußeren Regel gelöst…

Tun

Der Hauptgedanke von Maurice Blondels L‘ Action – Die Tat, ein philosophisches Buch, das mich seit 2 Jahren beschäftigt, ist, dass Denken dem Tun entspringt, nicht umgekehrt. Etwas Neues kommt in die Welt, indem wir uns die Hände schmutzig machen, nicht spekulieren. Das kann leicht missverstanden werden  als die Aufforderung, seinen Worten Taten folgen zu…

Vorteil der Naivität

Der Naive hat in der Regel mehr Erfahrungen gemacht als der Blasierte, ist auch weniger betrogen als dieser, indem er nicht den Anspruch erhebt, sich von nichts trügen zu lassen, da er weiß, dass alles Trug ist.

Moral

Was unterscheidet Moral von Verstand? Wenn ich drüber nachdenke: das Opfer. Verstand erschöpft sich in den Möglichkeiten, die ich habe. Er lässt sich vergrößern, unendlich vergrößern, wenn ich drüber nachdenke. Ich könnte täglich etwas lernen, je älter ich werde, desto mehr. Der Verstand hat keine natürliche Grenze. Die Moral besteht dagegen darin, dass ich eine…

Claudio Monteverdi

Ich weiß, dass meine Arbeit unvollendet ist, denn aller Anfang ist schwer. Deswegen bitte ich meine Nachfolger, meine besten Absichten anzuerkennen, die aus ihrer feinfühligen Feder Verbesserungen erwarten. Denn es ist leicht, auf bereits Erfundenem aufzubauen. Lebet glücklich!

Die Frau gibt es nicht . . .

. . . ist der herausfordernder Witz von Lacans quantischer „Formel der Sexuierung“.   Was er damit aber eigentlich sagen will: Männer tragen Toupets – Frauen Schminke.   Was ist der Unterschied?   Das Toupet will über etwas hinwegtäuschen, die Schminke stellt etwas vor. Schminke ist insofern ehrlicher im Hinblick auf einen Mangel als Toupet….

Kultureller Marxismus

. . . ist so ein Reizwort, das sich aus Blüten wie der Gender-Theorie entwickelt hat. Gewissermaßen geht es bei dem Streit dann darum, ob es das Paradies gegeben hat oder nicht. Das rechte oder konservative Lager nimmt an, die Erzählung vom Garten Eden beschreibe in verklausulierter Form eine „30.000 Jahre alte“ Tatsache, aus der…

Verliebtheit

Was einen an einer anderen Person magisch und unausweichlich anzieht, jene kaum fassbaren, merkwürdig partiellen Gründe, wird Projektion genannt, weil der Mitmensch dabei nicht erkannt, sondern besetzt wird. Aber gibt es eine andere Verliebtheit als jene, in dem anderen etwas zu vermuten, das man einmal verloren hat? Kann Verliebtheit daher nie auf Gegenseitigkeit beruhen, sondern…

Deleuze & Wittgenstein

Der schwere Angriff Deleuzes auf Wittgenstein (im Abécédaire) könnte meiner Meinung nach auf ein Missverständnis zurückgehen, besonders der Logisch-philosophischen Abhandlung (Tractatus), die als argumentum ad absurdum gelesen werden muss, um ihre eigentliche Wirkung zu entfalten. Wittgenstein entwickelt im Tractatus das Schema nicht nur eines naturwissenschaftlichen, sondern auch jedes vorstellbaren metaphysischen Systems – als Parodie. Man…

Warum Facebook mehr Feinde als Freunde (imgrunde gar keine Freunde) schafft.

The imaginary register, nahm ich gestern in einer akademischen Hördatei wahr, was successfully toxified … Herrlich schräger Satz, der aber dann doch viele Gedankenverbindungen bei mir auslöste. Der Sprecher wollte wohl sagen, dass leider das „Gesichtsfeld tabuisiert“ worden sei durch die Ideologiekritik, um die es in dem Beitrag ging. Ideologiekritik wiederum setzt Täuschungen oder „Lügen“…

Anti | Ödipus

Kritik an der Psychoanalyse entzündet sich am Begriff des Begehrens. Die Psychoanalyse meint, dass Begehren Ausdruck eines unbehebbaren Mangels, eines „Lochs in der Seele“ ist – ihre Kritiker dagegen deuten das Begehren als Hinweis echter Möglichkeiten im Hier und Jetzt. Der Psychoanalytiker könnte etwa sagen, dass Rauchen einsteht für etwas sonst nicht zu Habendes, sein…

Rassismus ist der Grund des Bewußtseins

Man muss sich dafür einen Konflikt vorstellen, am besten einen prototypischen – im Fitness-Studio beispielsweise – wenn die Person auftaucht, die den Spind genau neben dem eigenen belegt hat, obwohl alle anderen frei sind, und verlangt, dass man ihr Platz macht. Die Gefühle, die man dann beherrschen muss, sind die erste echte Antwort jedes Menschen…

Illusion und Chance der Hysteriker*innen

Nur weil im Innersten etwas fehlt, kommen wir ins Neue! Wie schwierig dieses innere Fehlen zu ertragen ist, zeigen die Hysteriker*innen, die – außen perfekt – heimlich zittern, es werde entdeckt, dass sie zuinnerst leer (nichts weiter als „eine Mogelpackung“) sind, und dem phallischen Traum nach mehr Macht nachhängen. Dabei würden doch gerade in der…

Nietzsche | Freud

NIETZSCHE & FREUD, wenn sie auch viel gemeinsam haben, unterscheiden sich doch erheblich im Hinblick auf ihre Erklärung der Bindungskraft des Wortes. Nietzsche denkt, wir gehorchen aus Angst, Freud denkt, wir gehorchen aus Freundschaft. Die Gründe für beider Gegensatz finde ich faszinierend. Nietzsche geht davon aus, dass unser Bewußtsein das Ergebnis eines Dressuraktes ist, voll…

Wahrheit entspringt eher dem Irrtum als der Verwirrung

…truth will sooner come out from error than from confusion. Francis Bacon Eine falsche Hypothese ist besser als gar keine, denn daß sie falsch ist, ist gar kein Schade, aber wenn sie sich befestigt, wenn sie allgemein angenommen, zu einer Art von Glaubensbekenntnis wird, woran niemand zweifeln, welches niemand untersuchen darf, dies ist eigentlich das…

Gefühle sind Gedanken sind Gefühle

EMOTIONEN werden ja gern gegen Gedanken oder Ideen ausgespielt. Aber gehört nicht zu jedem Gefühl eine mehr oder weniger abstrakte Vorstellung, die von ihm durchwirkt ist? Es gibt überhaupt kein Gefühl ohne einen Gedanken. Wie Denken signalisert somit Fühlen immer eine Abwesenheit. Wenn ich mich z. B. auf etwas freue, dann doch solange nur, wie…

Nietzsches Posthumanismus

Was kann allein unsre Lehre sein?— Dass Niemand dem Menschen seine Eigenschaften giebt, weder Gott, noch die Gesellschaft, noch seine Eltern und Vorfahren, noch er selbst (—der Unsinn der hier zuletzt abgelehnten Vorstellung ist als „intelligible Freiheit“ von Kant, vielleicht auch schon von Plato gelehrt worden). Niemand ist dafür verantwortlich, dass er überhaupt da ist, dass er so und so beschaffen ist,…

Ertrag und Begabung des Todestriebs

Siegmund Freud  Der Todestrieb durchstreicht das Lustprinzip, denn Lust besteht im Abbau von etwas, worauf dem Todestrieb ankommt: Erregung. Der Todestrieb zerstört um der Zerstörung willen. Wir gewinnen unmittelbar nichts, indem wir ihm nachgehen. Trotzdem nimmt er uns gefangen, wir opfern ihm alles. Beim Fort-da-Spiel von Freuds Enkelsohn ist der zweite Akt, der Wiederkehr des…

Nicolas Gomez Davila

Aus der Trivialität der Existenz können wir nicht durch die Türen entkommen, sondern über die Dächer. Ersetzen wir all die Definitionen der „Menschenwürde“, die lediglich ekstatische Stoßgebete sind, durch eine einfache und schlichte: alles langsam tun. Die Idee der „freien Entfaltung der Persönlichkeit“ scheint ausgezeichnet, solange man nicht auf Individuen stößt, deren Persönlichkeit sich frei…

Philosophie als Funktion der Lebensform

Daß die einzelnen philosophischen Begriffe nichts Beliebiges, nichts Für-sich-Wachsendes sind, sondern in Beziehung und Verwandtschaft zueinander emporwachsen, daß sie, so plötzlich und willkürlich sie auch in der Geschichte des Denkens anscheinend heraustreten, doch ebensogut einem Systeme angehören als die sämtlichen Glieder der Fauna eines Erdteils: das verrät sich zuletzt noch darin, wie sicher die verschiedensten…

Truth emerges more readily from error than from confusion. – Francis Bacon

…die Priesterinnen zu Dodona haben im Wahnsinn vieles Gutes in privaten und öffentlichen Angelegenheiten unserer Hellas zugewendet, bei Verstande aber Kümmerliches oder gar nichts. – Sokrates im Phaidros No supposition seems to me more natural than that there is no process in the brain correlated with associating or with thinking; so that it would be…

Subjektivität . . .

. . . kommt nämlich von subiugare: unterjochen. Als Subjekt bin ich vergattert, und subjektiv bedeutet: eingespannt. Zu meiner persönlichen Meinung bin ich gekommen, ihr angemessen.

Blondels Haupt-Gedanke

Mir scheint, dass das proton pseudos [der fundamentale Betrug] sowohl der dogmatischen Metaphysik als auch des kritischen Idelismus wie der spinozischen und hegelschen Ethik darin lag, entweder die gekannte Wahrheit oder die formelle Intention als hinreichende Lösung für das Problem des Lebens zu betrachten, ohne dem Leben selbst das vorzubehalten, was es an nicht-mitteilbarer Belehrung…

Wenn der Künstler in einem auflebt . . .

. . . wird man, egal auf welchem Gebiet, zu einem erfinderischen, erpichten, kühnen, sich selbst ausdrückenden Wesen. Man wird interessant in den Augen der anderen. Man stört, erregt, erleuchtet und öffnen Weisen zum besseren Verständnis. Wo die Nichkünstler das Buch zuschlagen, öffnet der Künstler es und zeigt, dass es mehr Seiten zu entdecken gibt….

Warum Ideologie (notwendig falsches Bewußtsein) der Anschauung von Raum und Zeit entspringt

Gottfried Wilhem Leibnitz: „Nicht nur geschieht nichts in der Welt, das absolut irregulär wäre, sondern man könnte sich etwas derartiges gar nicht vortäuschen. Denn nehmen wir an, zum Beispiel, dass jemand ganz zufällig eine Menge Punkte aufs Papier aufbringt, wie sie es tun, die die lächerliche Kunst der Geomantrik praktizieren, so sage ich, dass es…

Vom Neid

Gier ist die Triebfeder der Kapitalismus, Neid jene des Sozialismus. Hinter jeder Revolution steckt Neid, die unschöne Anhäufung enttäuschter Hoffnungen, unbefriedigten Talents, von Misserfolgen und verwundeten Bestrebungen. Neid hängt eng zusammen mit Vornehmtuerei, blüht auf in Schadenfreude. Demokratische Einrichtungen entwickeln den Neid am erfolgreichsten im menschlichen Herzen. 

Vom Sinn der Sakramente

Nach Maurice Blondels Hauptthese bringt das Handeln das Denken hervor, nicht umgekehrt. Wir können durch Denken nie so weit kommen, wie durch Tun: Um zu wissen, woran man sich zu halten hat, muss man trotzdem vorwärts gehen.   Blondel untersucht weiter, wieso die Menschen zuerst handeln – nämlich aus einer Unruhe des Herzen: um etwas…

Über das Wesen der Liebe

So enthüllt sich eine Art von Wechselseitigkeit oder sozusagen Einheit zwischen der echten Liebe und dem aktiven Leiden. Denn wenn uns nicht der Schmerz erzieht, gelangen wir nicht zur selbstlosen und mutigen Tat. Die Liebe wirkt auf die Seele wie der Tod auf den Leib: Sie versetzt den Liebenden in das Geliebte und das Geliebte…

Gedanken hängen nicht vom Gehirn ab

Keine Annahme scheint mir natürlicher, als daß dem Assoziieren oder Denken kein Prozeß im Gehirn zugeordnet ist; so zwar, daß es also unmöglich wäre, aus Gehirnprozessen Denkprozesse abzulesen. Ich meine das so: Wenn ich rede oder schreibe, so geht, nehme ich an, ein meinem gesprochenen oder geschriebenen Gedanken zugeordnetes System von Impulsen von meinem Gehirn…

Vom Tun

Es ist ganz klar, dass wir als Menschen handeln, ununterbrochen. Selbst wenn wir uns passiv wähnen, tut sich doch etwas – hat es für uns Folgen. Wenn ich etwas absichtlich tue, kommt nur ungefähr dabei heraus, was ich mir vorstellte. Keine Praxis ist so genau wie das Denken. Ich kann deswegen nicht aufgrund rein von…

Wie heute alles eine Frage der Macht ist

Ich bin noch sehr katholisch erzogen worden von meiner Großmutter, die selber, weil sie die Beichte fürchtete, nie in die Kirche ging, so wenig wie sonst irgendjemand in meiner Familie. Ich dagegen wurde, nicht zuletzt aus Preisgründen, fast 10 Jahre auf ein katholisches Internat gesteckt und war als Teenager jeden morgen in der Messe. Die…

Walter Benjamins Begriff der Geschichte

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der…

BENJAMINS SPRACHBEGRIFF stellt eigentlich die gesamte seitherige Sprachphilosophie heraus als Verirrung.

Benjamin möchte wohl sagen, dass die Sprache sich zur Welt eher wie ein Teil zum Ganzen verhält, daher nicht dessen Spiegel sein kann (nichts reflektiert). Wenn ich etwas sage, besteht dessen Witz nicht darin, dass etwas weiter geschieht oder erhellt; Sprechen wird bedeutend nicht durch etwas, für das es ein-, sondern mit dem es zusammensteht….

Wittgensteins Utopie

Man kann einen alten Stil gleichsam in einer neuen Sprache wiedergeben; ihn sozusagen neuaufführen in einer Weise, die unserer Zeit gemäß ist. Man ist dann eigentlich nur reproduktiv. Das habe ich beim Bauen getan. – Was ich meine, ist aber nicht ein neues Zurechstutzen eines alten Stils. Man nimmt nicht die alten Formen & richtet…

Fiat-Geld als Begriff schlechthin

Die Börsen sausen mal talwärts in atemberaubendem Tempo. Wer immer dort investiert ist, verliert sein Vermögen. Auch der Preis des angeblichen Rettungsankers Gold wird mit in die Tiefe gerissen. Bei gleizeitig explodierender physischer Nachfrage und Engpässen bei Prägeanstalten und Edelmetallhändlern. Man kann Gold also nirgends kaufen, gleichzeitig aber fällt der Preis – unentwegt. Wie ist…