Vom Wesen der Identität

In seiner WISSENSCHAFT DER LOGIK hat Hegel etwas Ultimatives zu sagen über das, was uns je besonders macht, unsere IDENTITÄT: daß sie darin besteht, Trennung als solche zu sein oder in der Trennung wesentlich, d. i. nichts für sich, sondern Moment der Trennung zu sein. II, 42 Damit meint er, dass Identität keine Eigenschaft ist,…

Wesen des Christentums nach Hegel

Da nun der Mensch überhaupt dieser Prozeß ist, die Negation des Unmittelbaren zu sein und aus dieser Negation zu sich selbst, zu seiner Einheit zu kommen, so soll er also seinem natürlichen Wollen, Wissen und Sein entsagen. Dieses Aufgeben seiner Natürlichkeit wird angeschaut in Christi Leiden und Tod und in seiner Auferstehung und Erhebung zur…

Frei macht einen erst das Trauma des Misserfolgs . . .

. . . denn wie sonst ist es überhaupt möglich, die Erfahrung echter Ungebundenheit zu machen? Was anders als Demütigung vermöchte einen zu lösen von den substantiellen Vorstellungen, die man über sich hegt? Mit dem Hinschmelzen derselben erst wird eine Person frei von allem, was sie festlegte. Dies Bewußtsein hat die Furcht des Todes, des…

Grausamer Grund der Kreativität

. . . das Sein der endlichen Dinge als solches ist, den Keim des Vergehens als ihr Insichsein zu haben; die Stunde ihrer Geburt ist die Stunde ihres Todes. – HEGEL Logik Dionysos: Sinnlichkeit und Grausamkeit. Die Vergänglichkeit könnte ausgelegt werden als Genuß der zeugenden und zerstörenden Kraft, als beständige Schöpfung. – NIETZSCHE Wille zur…

Hegels Philosophie in zwei Sätzen

Es kömmt nach meiner Einsicht, welche sich durch die Darstellung des Systems selbst rechtfertigen muß, alles darauf an, das Wahre nicht als Substanz, sondern ebensosehr als Subjekt aufzufassen und auszudrücken. Zugleich ist zu bemerken, daß die Substantialität sosehr das Allgemeine oder die Unmittelbarkeit des Wissens als diejenige, welche Sein oder Unmittelbarkeit für das Wissen ist,…

Hegels Haupt-Gedanke

In der Tat hat das nicht spekulative Denken sein Recht, das gültig. PHÄNOMENOLOGIE DES GEISTES 61 Der tägliche Verstand reicht aus, um sein Leben zu bewältigen. Treibt man, was er sagt, auf die Spitze, wird man geistreich. In seiner unbestimmten Unmittelbarkeit ist . . . [das Sein] nur sich Selbst gleich und auch nicht ungleich…

Hegel als Psychoanalytiker

Wenn dann weiter bei löblichen Leistungen anderer, um dieselben zu verkümmern, von Heuchelei gesprochen wird, so ist dawider zu bemerken, daß der Mensch sich zwar im einzelnen verstellen und manches verbergen kann, nicht aber sein Inneres überhaupt, welches im decursus vitae unfehlbar sich kundgibt, dergestalt daß auch in dieser Beziehung gesagt werden muß, daß der…

Hegels Vernunft

Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig heißt es in der PHILOSOPHIE DES RECHTS. Der Satz kann zu einem kolossalen Missverständnis bis hin zur Ablehnung Hegels schlechthin führen. Um ihn zu deuten, sollte man Hegels tiefsinnige Verwendung des Begriffes “Vernunft” nachvollziehen – als das Vermögen, letzte Wahrheit aus dem…

Von der Persönlichkeit der Dinge – Hegels originelle Ontologie

Die Stelle, welche Hegels gesamte Philosophie zusammenfasst, steht in der Vorrede zur PHÄNOMENOLOGIE DES GEISTES: Es kömmt nach meiner Einsicht . . . alles darauf an, das Wahre nicht als Substanz, sondern ebensosehr als Subjekt aufzufassen und auszudrücken. Zugleich ist zu bemerken, daß die Substantialität sosehr das Allgemeine oder die Unmittelbarkeit des Wissens als diejenige,…

Zur Innigkeit von Liebe und Begriff

Die Liebe ist daher der ungeheuerste Widerspruch, den der Verstand nicht lösen kann, indem es nichts Härteres gibt als diese Punktualität des Selbstbewußtseins, die negiert wird und die ich doch als affirmativ haben soll. GRUNDLINIEN DER PHILOSOPHIE DES RECHTS § 158 Der Verliebte macht einen Strich durch seine Person. Er verleiht dem Geliebten mehr Bedeutung…

Raum und Zeit als primärer Verblendungszusammenhang – Hegels Kritik der Erfahrung

Erst nehmen wir die Dinge wahr, wie sie in Raum und Zeit erscheinen, dann stellen wir Überlegungen zu ihnen an – glaubt man heut’ in der Regel und denkt nicht weiter darüber nach. Bestenfalls hält man noch die Meinung für richtig, durch Geistesanstrengungen würde der erste Eindruck nachträglich frisiert und ein ideologisches (notwendig falsches) Bild der Wirklichkeit erzeugt. Hegel erkennt das…

Vom wirklichen Ende der Geschichte

Für Hegel besteht die Geschichte in einer mählichen Zunahme und Entfaltung von Freiheit, allerdings nicht im liberalen oder romantischen Sinn der Besiegung gesellschaftlicher Einflüsse. Hegels Freiheit hat nichts Ursprüngliches, sondern entspringt der Befragung des unmittelbaren Eindrucks der Welt, weil der Mensch als Geist nicht ein Unmittelbares ist, sondern wesentlich ein in sich Zurückgekehrtes. Diese Bewegung…

Freiheit ist etwas Positives – Hegels Kritik der Auflehnung

Nach Hegel heißt das erhabendste Ziel des Lebens FREIHEIT. Sie geht einher mit Vernunft, welche einsetzt durch Überwindung des Selbstbewusstseins. Selbstbewußtsein verdankt sich zunächst der Anerkennung, zerfällt aber, indem diese prekär wird, in die Gesinnungen des Herren und des Knechtes. Die Furcht, welche den Unterlegenen der beiden in Knechtschaft hält und daran hindert, sein Leben…

Singularität kann nie besonders, nur allgemein sein

Die Singularität ist kein Paradigma, sondern Anzeichen des Widerspruchs. Je mehr wir das Allgemeine zurückweisen gegenüber dem Besondere, desto verhafteter bleibt es diesem. Sie sind unterschiedliche Seiten derselben Medaille. Der Weg zu echter Einmaligkeit aber führt nur über das Allgemeine. Denn indem wir dieses durchdenken bis zum Ende, stoßen wir auf den Widerspruch als unhinterfragbaren…

Marx’ Abweichung ins bürgerliche Lager

Laut Marx entstammen die Veränderungen in der menschlichen Geschichte nicht dem Streben nach immer mehr Freiheit, sondern einem Kampf um Güter zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Materielle Bedingungen und nicht Ideale treiben uns zum Handeln. Hegels Philosophie liefert den Grund für ein politisches Programm der Befreiung durch den Widerspruch und nicht infolge seiner Überwindung. Die freie…

Gesellschaftlicher Fortschritt – Aufgabe der Philosophie nach Hegel

Um noch über das Belehren, wie die Welt sein soll, ein Wort zu sagen, so kommt dazu ohnehin die Philosophie immer zu spät. Als der Gedanke der Welt erscheint sie erst in der Zeit, nachdem die Wirklichkeit ihren Bildungsprozeß vollendet und sich fertig gemacht hat. Dies, was der Begriff lehrt, zeigt notwendig ebenso die Geschichte,…

Gegen totale Demokratie – Hegels radikales Plädoyer für den Monarchen

Dieses “Ich will” macht den großen Unterschied der alten und modernen Welt aus, schreibt Hegel in den GRUNDLINIEN DER PHILOSOPHIE DES RECHTS (449) und so muss es in dem großen Gebäude des Staates seine eigentümliche Existenz haben. Leider aber wird die Bestimmung nur als äußere und beliebige angesehen. “Ich will” steht hier für den Monarchen,…

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – Hegels “ontologische Tatsachen”

Gleichheit und Solidarität entspringen dem ontologischen Spannungsgrund des Widerspruchs. Wenn es überhaupt keine spontanes Selbst, keinen Ur-Grund gibt, Stolz zu empfinden, und alles, was uns danach ausmacht, verstrickt ist in sein Gegenteil, trifft und vereint das alle Menschen. Es ist die Isolation ohne die Basis eines verbürgten Selbsts, die der einzelne mit seinesgleichen teilt. Sie…

Vom Paradies auf Erden

Widerspruch prägt das Wesen einer Gesellschaft und ist der Treibsatz hinter jeder ihrer Bewegungen. Wer das nur erkennt, versteht auch die Fruchtbarkeit solcher Grundspannung. Ihre Unbedingtheit leitet Hegels politische Vorstellungen. Sie setzen nicht auf Äußerlichkeiten, um den Widerspruch zu bewältigen. Erst wenn [das Subjekt] . . . die Hoffnung aufgegeben, auf eine Äußerliche, d. h….

Der reaktionäre Respekt vor anderen Kulturen

Die tolle Hochachtung vor “Kulturen” hat etwas Touristisches und ist womöglich das eigentlich abzuschüttelnde Erbe des Kolonialismus. Oft im Gewand von Befreiungs-Anliegen, liefert sie den Vorwand für eher bedrückende gesellschaftliche Beziehungen. Ungleichheit geht zurück auf die Ablehnung von Universalität und Feier des Unterschieds. Sobald man sich abwendet vom Allgemeingültigen dem Besonderen zuliebe, verlässt man den…

Rassissmus

In seiner ÄSTHETIK (I 456-7) äußert sich Hegel über die Kunst der Ägypter: Die Aufgaben bleiben ungelöst, und die Lösung, die wir geben können, besteht deshalb auch nur darin, die Rätsel der ägyptischen Kunst und ihrer symbolischen Werke als diese von den Ägyptern selbst unentzifferte Aufgabe aufzufassen. Er macht mit anderen Worten keinen Unterschied zwischen…

“Das Wahre ist das Ganze.”

Die wahre Gestalt, in welcher die Wahrheit existiert, kann allein das wissenschaftliche System derselben sein, heißt es in der PHÄNOMENOLOGIE, ein sogenannter Grundsatz oder Prinzip der Philosophie, wenn es wahr ist, schon darum auch falsch ist, weil er Grundsatz oder Prinzip ist. Nur die Vorstellung eines umfassenden Systems ohne Anfangsgrund ermöglicht es Hegel, die Unausweichlichkeit…

Warum nur der Staat uns frei machen kann

Als Einrichtung, die Grenzen setzt, stellt der Staat die ultimative Freiheit sicher, findet Hegel. Man muss sehen, wie er zu diesem Schluss kommt, um nicht anders zu können, als ihm recht zu geben. Das stärkste Missverständnis, was sich der richtigen Erkenntnis sofort in den Weg schiebt, kommt vom Bild des “totalitären Staates”, der seine Kinder…

Hegel über emotionale Intelligenz

Wenn sonst die leere Möglichkeit, sich etwas auf eine andere Weise vorzustellen, hinreichte, um eine Vorstellung zu widerlegen, und dieselbe bloße Möglichkeit, der allgemeine Gedanke, auch den ganzen positiven Wert des wirklichen Erkennens hatte, so sehen wir hier ebenso der allgemeinen Idee in dieser Form der Unwirklichkeit allen Wert zugeschrieben, und die Auflösung des Unterschiedenen…

Hegel: Entwicklung durch Widerspiel

Es ist übrigens nicht schwer, zu sehen, daß unsre Zeit eine Zeit der Geburt und des Übergangs zu einer neuen Periode ist. Der Geist hat mit der bisherigen Welt seines Daseins und Vorstellens gebrochen und steht im Begriffe, es in die Vergangenheit hinab zu versenken, und in der Arbeit seiner Umgestaltung. Zwar ist er nie…

Hegel übers Rechtbehalten

Wenn auch jener Teil, es sei durch die Kraft der Wahrheit allein oder auch durch das Ungestüm des andern, zum Stillschweigen gebracht ist, und wenn er in Ansehung des Grunds der Sache sich überwältigt fühlte, so ist er darum in Ansehung jener Forderungen nicht befriedigt, denn sie sind gerecht, aber nicht erfüllt. Sein Stillschweigen gehört…

Wahrheit nach Hegel

Sie ist als Subjekt die reine einfache Negativität, eben dadurch die Entzweiung des Einfachen, oder die entgegensetzende Verdopplung, welche wieder die Negation dieser gleichgültigen Verschiedenheit und ihres Gegensatzes ist; nur diese sich wiederherstellende Gleichheit oder die Reflexion im Anderssein in sich selbst – nicht eine ursprüngliche Einheit als solche, oder unmittelbare als solche, ist das…

Geschichtenerzählen nach Hegel

Den besten Storytelling-Rat habe ich noch bei Hegel gelesen, nach seinen Rezepten kann eine Geschichte nicht misslingen. Bloß ist H. erst mal vollkommen unverständlich. Deutet man aber sein Gesagtes, kommt ein Aha heraus. Hier eine entscheidende Stelle aus der Vorrede zur Phänomenologie des Geistes: „Indem die wahre Gestalt der Wahrheit in die Wissenschaftlichkeit gesetzt wird…

Man kann nur auf eine Philosophie einsteigen, die man von vornherein für richtig hält

Der lebendige Geist, der in einer Philosophie wohnt, verlangt, um sich zu enthüllen, durch einen verwandten Geist geboren zu werden. Er streift vor dem geschichtlichen Benehmen, das aus irgendeinem Interesse auf Kenntnisse von Meinungen auszieht, als ein fremdes Phänomen vorüber und offenbart sein Inneres nicht. Es kann ihm gleichgültig sein, daß er dazu dienen muß,…

Phänomenologie des Bewußtseins

Hegel nennt sein Buch erst Wissenschaft der Erfahrung des Bewußtseins. Damit ist Bewußtsein nicht phänomenologisch, sondern als Weise des Erfahrens gemeint. Nicht, wie ich mein oder Bewußtsein schlechthin zum Gegenstand mache, sondern wie es mich subjektiv (widerständig) in einen Verlauf bindet. Wissenschaft der Erfahrung der Zögerns – dieses nicht der Inhalt, sondern die Form meines…

Ferrero Hegel

Zunächst eine Stelle aus der Vorrede Hegels zu seiner Phänomenologie des Geistes: Denn die Sache ist nicht in ihrem Zwecke erschöpft, sondern in ihrer Ausführung, noch ist das Resultat das wirkliche Ganze, sondern es zusammen mit seinem Werden; der Zweck für sich ist das unlebendige Allgemeine, wie die Tendenz das bloße Treiben, das seiner Wirklichkeit…

Felix Culpa

“So braucht der Christ Ironie, um den Teufel zu züchtigen”, lese ich gerade bei Hamann, ein merkwürdiger deutscher Autor und Freund Immanuel Kants, der sich Sorgen um dessen Seelenheil machte, während dieser Hamann für unbedacht hielt. Hamann fasste Gott als einen Ironiker auf, der sich “sabbernd” seiner Schöpfung nähert, um, so maskiert, diese zu sich…

Hegels & Wittgensteins Kernpunkte

HEGEL fasst sein ganzes Denken inmitten der Vorrede zur Phänomenologie des Geistes zusammen in folgendem Satz:  ‚Es kömmt nach meiner Einsicht, welche sich durch die Darstellung des Systems selbst rechtfertigen muß, alles darauf an, das Wahre nicht als Substanz, sondern ebensosehr als Subjekt aufzufassen und auszudrücken.‘  WITTGENSTEIN sagt an ähnlich versteckter Stelle mitten in der…

WOVON MAN NICHT SPRECHEN KANN, DARÜBER MUSS MAN SCHWEIGEN …

So lautet der notorische Schlusssatz der Logisch-philosophischen Abhandlung – Wittgenstein bezieht sich damit auf Ethik, Ästhetik und Logik: Sinnvolle Aussagen lassen sich nur über die Welt treffen, nicht jedoch über das, was diese erschafft oder was in ihrem Kontext nahegelegt wird. „Wenn etwas gut ist, so ist es auch göttlich“, schreibt Wittgenstein in seinen Vermischten…

Hegel kann man endlos nachspüren.

Dass er – zumindest mir – nie ganz einleuchtet, lässt mich immer wieder neugierig zu seinen Sätzen zurückkehren. Z. B. folgeden aus der Phänomenologie des Geistes: Die lebendige Substanz ist ferner das Sein, welches in Wahrheit S u b j e k t, oder, was dasselbe heißt, welches in Wahrheit wirklich ist, nur insofern sie…

DER LETZTE DEUTSCHE Glosse von Botho Strauß | Deutung

Der Debattenbeitrag wurde am 2. Oktober 2015 im SPIEGEL veröffentlicht und anschließend in den Feuilletons der deutschen Zeitungen, wie ich fand, eher unverständig rezensiert. Ich liefere deswegen hier m|eine Deutung, die – Abschnitt für Abschnitt – den Haupt-Gedanken Strauß’ nachzeichnet und würdigt. “Manchmal habe ich das Gefühl, nur bei den Ahnen noch unter Deutschen zu…

Deutsche vs. französische Philosophie

Die Rivalität zwischen Deutschland und Frankreich entspringt dem Dreißigjährigen Krieg und der aus ihm erwachsenen Überkompensation kriegsbedingter Armut und Provinzialität in Deutschland durch Verachtung des französischen Lebensstils. Die Protagonisten der Aufklärung in Frankreich entstammten dem Adel, während in Deutschland sich die Romantik aus wesentlichen ärmeren sozialen Schichten speiste, was beitrug zur Verachtung des angeblichen französischen Materialismus…