Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – Hegels „ontologische Tatsachen“

Gleichheit und Solidarität entspringen dem ontologischen Spannungsgrund des Widerspruchs.

Wenn es überhaupt keine spontanes Selbst, keinen Ur-Grund gibt, Stolz zu empfinden, und alles, was uns danach ausmacht, verstrickt ist in sein Gegenteil, trifft und vereint das alle Menschen. Es ist die Isolation ohne die Basis eines verbürgten Selbsts, die der einzelne mit seinesgleichen teilt. Sie ist der Grund für Brüderlichkeit.

Die Allgemeinheit ist nicht denkbar ohne Einmaligkeit, sondern deren Funktion.

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hat die Revolution nicht erfunden, sondern entdeckt. Sie kommen aus der Struktur des Seins. Welche nicht ihr Überleben sichert infolgedessen. Viele Gesellschaften wenden sich lieber dem Gegenteil zu.

Hegel denkt, durch das Aufzeigen ihrer Verwurzelung im Sein werden Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit schließlich unentrinnbar. Egal, wie umtriebig wir ihnen aus dem Weg gehen, sie verfolgen uns.

Hegels Philosophie zeigt uns, wieso diese Werte dermaßen schnell aufgegeben werden. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind von Natur aus traumatische Werte, insofern sie mit der Abwesenheit von substantieller Autorität konfrontieren. Wir können sie nur ausleben, wenn wir darauf verzichten, die Perfektion außerhalb unserer selbst wähnen.

Deswegen wird unter Freiheit am häufigsten leider noch verstanden, dass man sich ihrer entledigt. Da sie in Wirklichkeit jedoch jegliche Autorität aufgibt, kann es zum Beispiel keinen freien Markt geben.

Die Marktwirtschaft unterstellt z. B. eine unsichtbare Hand als substantielle Autorität und gibt damit die Freiheit auf vermittels des Bestrebens, sie zu verwirklichen. Auf die Gesetze des dialektischen Materialismus schaffen keine Freiheit, da sie widerspruchsfrei sind. Ein Gott, der seine Wünsche mitteilt, ohne zu leiden – stiftet Unfreiheit.

Der Versuch, etwas Substantielles in Ansehen zu halten, geht unausweichlich nach hinten los. Wir haben daher nichts zu verlieren durch die Bejahung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als deren Vernachlässigung.

Jeder Versuch, den Widerspruch zu überwinden, bewirkt seine Verschärfung. Wir können uns aber mit ihm versöhnen. Versöhnung ist keine existentielle oder politische Geste, sondern die Erklärung eines göttlichen Risses. Sie bedeutet, die Belanglosigkeit jeder Autorität zuzulassen, die wir verehren. Nur indem wir den Widerspruch – in jeglicher Autorität – zugeben, können wir Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aufrecht erhalten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.