Vom Neid

Gier ist die Triebfeder der Kapitalismus, Neid jene des Sozialismus. Hinter jeder Revolution steckt Neid, die unschöne Anhäufung enttäuschter Hoffnungen, unbefriedigten Talents, von Misserfolgen und verwundeten Bestrebungen. Neid hängt eng zusammen mit Vornehmtuerei, blüht auf in Schadenfreude. Demokratische Einrichtungen entwickeln den Neid am erfolgreichsten im menschlichen Herzen. 

Sollte man als alter Mann sich noch über irgendetwas aufregen?

Wirkt eigentlich immer, ob zurecht oder unrecht, unappetitlich – wenn etwa die bessere Vergangenheit hervorgeholt und wie eine blaugeäderter Maßstab an die Gegenwart gehalten wird, damit dieselbe erblassen soll. Wer auf der Schlußstrecke seines Lebens viel zu meckern hat, macht einen Strich durch die Jahre davor und läuft Gefahr, schließlich mit leeren Händen dazustehen. Fröhliche…

Wie heute alles eine Frage der Macht ist

Ich bin noch sehr katholisch erzogen worden von meiner Großmutter, die selber, weil sie die Beichte fürchtete, nie in die Kirche ging, so wenig wie sonst irgendjemand in meiner Familie. Ich dagegen wurde, nicht zuletzt aus Preisgründen, fast 10 Jahre auf ein katholisches Internat gesteckt und war als Teenager jeden morgen in der Messe. Die…

Reality TV

Unscheinbare Leute, die verzweifelt nach etwas Anerkennung suchen und sich nach einer Flucht aus ihrer faden Normalität sehen, opfern sich vor einem Millionenpublikum auf dem Altar restloser Entwürdigung, wo ihnen schmierige Prominente die Leviten lesen.   In “Wetten dass . . .” hatte man auch als Benachteiligter noch eine Chance zu zeigen, was man drauf…

Entering a dark age of innovation

Wie jeder, der keine Ahnung von Technik hat, glaube imgrunde auch ich, dass alle möglichen Erfindungen uns eine alternative Zukunft voll Sonnenenergie liefern werden, die den Lebensstandard, welchen wir heute genießen, sicherstellen. Aber die Wissenschafts- und Technologie-Geschichte gibt überhaupt keinen Anlass zu solchem Optimismus. Die meisten Erfindungen wurden1873 gemacht, seitdem nimmt ihre Anzahl ab. Man…

Warum der Neoliberalismus den Klimawandel leugnet

Wenn ich versuche, hinter der mir auf Anhieb unverständlichen Leugnung des Klimawandels einen tieferen oder heimlichen Sinn zu entdecken, spekuliere ich, in erster Linie soll damit die Notwendigkeit staatlicher Eingriffe abgewehrt werden. Warum? Wegen einer ultimativen Markt-Gläubigkeit, die weit über das Marktverständnis der klassischen Ökonomie hinaus geht. Für die Neoliberalen ist der Markt kein Ort…

Moderne Sklaverei

Ein Flasche Benzin enthält die Arbeitskraft von 50 Sklaven, die unseren Kleinwagen 120 Minuten schieben. Die Steckdosen in unseren Wohnungen liefern die Arbeitsleistung von ca. 30 Sklaven. Waschmaschine, Öfen, Mikrowelle, Boiler, Eisschrank, Geschirrspüler verrichten einst von Sklaven geleistete Arbeit, wobei sie ca. 25mal soviel Energie verbrauchen. Ein heutiger Bauer mit all seinem Gerät verfügt über…

Begabung

In einer so hoch entwickelten Menschheit, wie die jetzige ist, bekommt von Natur jeder den Zugang zu vielen Talenten mit. Jeder hat angeborenes Talent, aber nur wenigen ist der Grad von Zähigkeit, Ausdauer, Energie angeboren und anerzogen, so daß er wirklich ein Talent wird, also wird, was er ist, das heißt: es in Werken und Handlungen entladet.

Verklärungen des Anti-Kolonialismus

Die Dekolonialisierung nach dem II. Weltkrieg nahm eine erhebliche Last von den Schultern der Akademie. Der Niedergang des Weltreiches ihrer Nation eliminierte zugleich die Notwendigkeit, dieses zu rechtfertigen. Faktisch wurden die meisten europäischen Nationen nach dem II. Weltkrieg selber Kolonien – ihr Weltreich zerschlagen, ihre Wirtschaft abhängig von jener der USA oder UdSSR, sie selber…

Klima-Tod ist eine Weiterung der Emanzipation

Wenn ich mir eine kleine Flasche mit Öl vorstelle, daneben ein Auto, und ich soll dieses Auto 20 Kilometer weit befördern. Mit Muskelkraft würde das, sagen wir mal, drei Monate dauern; wenn Steigungen dazwischen liegen, doppelt bis dreifach so lange. Mit dem raffinierten Öl im Tank schaffe ich’s im Bruchteil einer Stunde. Ähnliche Betrachtungen habe…

Frei macht einen erst das Trauma des Misserfolgs . . .

. . . denn wie sonst ist es überhaupt möglich, die Erfahrung echter Ungebundenheit zu machen? Was anders als Demütigung vermöchte einen zu lösen von den substantiellen Vorstellungen, die man über sich hegt? Mit dem Hinschmelzen derselben erst wird eine Person frei von allem, was sie festlegte. Dies Bewußtsein hat die Furcht des Todes, des…

Über die Merkmale des Despotismus

Ich will mir vorstellen, unter welchen neuen Merkmalen der Despotismus in der Welt auftreten könnte: Ich erblicke eine Menge einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gemüt ausfüllen. Jeder steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller anderen fremd gegenüber: Seine Kinder…

Identität geht vorüber

Ehrgeiz ist der Tod des Denkens, denn er pocht auf das Ich und dessen dessen Besitztümer: Theorien, Vorstellungen, Träume, Urteile, Wissensstücke – Inbegriff von Identität. Ist aber Identität nicht ein Trugbild? Klar, zwei Steine z. B. können nicht identisch sein, sonst wär’ es einer. Dass aber ein Ding mit sich selbst identisch sein soll, ist…

Wer nicht genau sieht, sichert sich einen Vorsprung

Herkunft des Logischen. – Woher ist die Logik im menschlichen Kopfe entstanden? Gewiß aus der Unlogik, deren Reich ursprünglich ungeheuer gewesen sein muß. Aber unzählig viele Wesen, welche anders schlossen, als wir jetzt schließen, gingen zugrunde: es könnte immer noch wahrer gewesen sein! Wer zum Beispiel das »Gleiche« nicht oft genug aufzufinden wußte, in betreff der…

Wir müssen reden . . .

“Wenn der Dialog der letzte Ausweg ist, ist die Situation nicht mehr zu retten.” – Davila “Und wenn dich jemand eine Meile nötigt, so geh mit ihm zwei.” – Matth. 5:41

Hegel über emotionale Intelligenz

Wenn sonst die leere Möglichkeit, sich etwas auf eine andere Weise vorzustellen, hinreichte, um eine Vorstellung zu widerlegen, und dieselbe bloße Möglichkeit, der allgemeine Gedanke, auch den ganzen positiven Wert des wirklichen Erkennens hatte, so sehen wir hier ebenso der allgemeinen Idee in dieser Form der Unwirklichkeit allen Wert zugeschrieben, und die Auflösung des Unterschiedenen…

Hegel: Entwicklung durch Widerspiel

Es ist übrigens nicht schwer, zu sehen, daß unsre Zeit eine Zeit der Geburt und des Übergangs zu einer neuen Periode ist. Der Geist hat mit der bisherigen Welt seines Daseins und Vorstellens gebrochen und steht im Begriffe, es in die Vergangenheit hinab zu versenken, und in der Arbeit seiner Umgestaltung. Zwar ist er nie…

Von Milch, Reiselust und Zombies

Der Todestrieb im Menschen, ergänzt um die Fähigkeit, über das Säuglingsstadium hinaus von Milch zu leben, hat uns an den Rand der Klimakatastophe gebracht. Es gibt etwas Ruheloses am Boden unserer Existenz, das zusammengefasst erscheint im Sinnbild des Untoten. Ein Zombie lebt weiter ohne lebendigen Körper, kann daher keine Funktion desselbe sein. Er versinnbildlicht eine…

Welche Farbe haben meine Augen?

Diese Frage können nur Leute stellen, die es für ein Kompliment halten würden, von jemand zu hören: „Die unterhaltsamste Fläche der Erde ist für mich die deines Gesichtes.“ Der Mensch ist sein Körper, zusammengefasst in seinem Gesicht und dieses wiederum zusammengefasst in seinen Augen, in deren Ausdruck, nicht in der Farbe. Wer diese bemerkt, gleicht…

Warum es auch in Europa so gut wie keine guten Filme mehr zu sehen gibt (auch nicht von Lanthimos)

Unsere Leistungsgesellschaft lässt ausschließlich Helden-Geschichten zu – Filme und TV-Stücke, die auf die eine oder andere Art vom Sieg der Gerechtigkeit träumen.Wieso lässt die Erfüllung „immer noch“ auf sich warten? Warum werden Erfolge nicht greifbar? Warum entscheiden die Menschen sich nicht für das offensichtlich Richtige, wenn es in ihrer Macht steht?Weil es, lautet die Antwort,…

Der Schüchterne weiß etwas . . .

. . . das der Nicht-Schüchterne nicht weiß: dass unser Selbst sich nämlich nicht darstellen lässt – dass es Schwachsinn höheren Grades erfordert, nicht schüchtern zu sein – dass gerade die Unvertretbarkeit unseres Selbsts der einzige Anhaltspunkt ist, den wir für seine Bedeutung haben.

Warum es keine Psychosynthese gibt, nur Psychoanalyse

Die Psychoanalyse versöhnt mit dem Halbfertigen, predigt die Erlösung durch Abstieg. In dem Entdecken seines Zerfallenseins erlebt sich das Selbst neu als Mensch. Der psychoanalytische Abbau würdigt das Stückwerk – nicht die Glätte – als Wesen des Daseins. Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen 107: “Je genauer wir die tatsächliche Sprache betrachten, desto stärker wird der…

Glaube vs. Unglaube

Christlicher Glaube bedeutet nach dem heiligen Paulus vor allem nicht die Vertiefung des menschenmöglichen Seins, Tuns oder Erkennens. Dasselbe stirbt vielmehr durch Christus am Kreuz. Die Auferstehung danach bedeutet kein Wiedererstarken, sondern Anderswerden; die Vergebung der Sünden verzeiht nichts, sondern sieht vollkommen ab von solcher Möglichkeit des Scheiterns; das Reich Gottes verwirklicht keine politischen Hoffnungen,…

Alles halb so wild

The great source of both the misery and disorders of human life, seems to arise from overrating the difference between one permanent situation and another… Some of those situations may, no doubt, deserve to be preferred to others: but none of them can deserve to be pursued with that passionate ardour which drives us to…

ACEDIA . . .

. . . das sogenannte “Mönchslaster”, ist als “Trübsinn, Teilnahmslosigkeit, Verdrossenheit, geistliche Trägheit” seit Hippokrates bekannt. Bonaventura fasst die acedia als Todsünde auf und Dante lässt die Todsünder in der Hölle sagen: “Da wir im Innern Unlustnebel trugen.” (Inf. VII 123) Caesarius von Heisterbach fasst acedia von der Traurigkeit her: “Acedia ist die aus einer…

Die Heldenreise hat etwas Kindliches . . .

 . . . wie die ganze von ihr inspirierte Dramaturgie. Im Moment gibt kaum einen Film, kaum eine TV-Serie, die nicht – im Kern – dem allgegenwärtigen Denken an die Kindheit verpflichtet ist mit ihren Themen wie der Suche nach seinen Ursprüngen, dem Gefühl von Verlassenheit und Schikane sowie darauf antwortenden Vorstellungen eigener Großartigkeit. Die…