Wie geht Utopie

Erleuchtung wirkt nicht aus dem Verstand, sondern über diesen hinaus. Aber worin zeigt sich der Einfall, wenn nicht in der Schöpfung neuer Begriffe, also im Aus- oder Umbau des Verstandes? Begriffe bilden Lebensform; neue Lebensformen entstehen nicht durch Denken oder Bewegungen des Verstandes, sondern durch Geistesblitz – Dichtung. Der Zustrom neuer Lebensform liegt in der…

Tango-Plot

1. Zentrales Gegensatzpaar Zwei Hauptfiguren mit stark kontrastierenden Eigenschaften, Lebenshaltungen oder sozialen Rollen. Sie sollen auf den ersten Blick unvereinbar erscheinen – z. B. kühl vs. impulsiv, erfahren vs. naiv, regeltreu vs. anarchisch. 2. Vieraktstruktur I. Prolog: Begegnung oder Vorgeschichte Zeige eine erste Begegnung oder eine angespannte Vorgeschichte, die den Grundkonflikt etabliert. Verzichte auf Erklärungen –…

Plot vs. Charakter im Erzählen

Während Plot universellen Gesetzmäßigkeiten folgt und Strukturen schafft, die unabhängig von Zeit und Mode funktionieren, ist Charakterverliebtheit stärker an ihre Epoche und die individuellen Ausdrucksformen ihrer Figuren gebunden. Im Plot geht der Autor dem eigenen Ich voraus, indem er größere Zusammenhänge herstellt und dem Geschehen eine unverrückbare Ordnung gibt. Charaktergetriebenheit bewegt sich in den Konventionen…

Charaktere

Charakterensemble Bevor Drehbuchautor*innen die individuellen Charaktere seines Films entwerfen, erleben sie in ihrer Vorstellung – bewusst oder intuitiv – eine Auferstehung der gesamten Gruppe von Figuren, die den zentralen Konflikt ausfechten. Selbst das brillanteste Talent schafft seine Drehbücher nicht aus dem Nichts. Echte Autor*innen wissen, dass der Kern ihrer Werke entweder ein Stück aus dem…

Mode & need …

Das unverstandene mode-need-Schema in Dramaturgie verwechselt oft die Rolle von Neigung und Zweck, wobei echte Erzählkraft entsteht, wenn eine krasse Neigung einen klugen Zweck überwindet.

Plotten und zersetzen

KI-generierte Texte stellen keine Gefahr für das fiktionale Schreiben dar, da dieses – letztlich – auf den Durchbruch des Unbewussten (Überraschung, Sex, Epiphanie, nenn’s, wie du sonst noch möchtest) aus ist. In einer guten fiktionalen Geschichte wird eine Maske heruntergerissen, um einen zu ergötzen mit dem, was sich darunter befindet. Das nicht anders zu erreichen…

Komödie

In ihrem Buch The Odd One In (MIT Press 2008 – Der Geist der Komödie: morale provisoire #4 Berlin 2014) stellt die Philosophin Alenka Zupančičs eine originelle Komödien–Theorie vor, die ich im folgenden, so wie ich sie verstanden habe, zusammenfasse. Ihr Leitgedanke scheint mir zu sein, dass der Phallus und seine Parodien in Tragödie und…

Krimi & Komödie …

… behandeln beide die Aushebelung eines vorherrschenden Verständnisses. Das per Krimi wieder eingerenkt, durch Komödie aber entwickelt wird. In der Komödie versteht der Zuschauende, anders als im Krimi, die ganze Zeit, was Sache ist; verständnislos sind die Personen auf der Leinwand, weil sie z. B. Menschen oder Dinge verwechseln, nichts gebacken kriegen. Wenn sie endlich…

Komödie vs. Tragödie

Hegel hielt interessanterweise die bisher verachtete Komödie für eine höhere Kunstform – als die Tragödie. Wie kann das sein? Am weitesten kommen wir hier, denke ich, über den Begriff “Unsterblichkeit”. In der Tragödie erringen die Held*innen sie durch ihren Tod. Die wahren Helden der Komödie aber sind bereits unsterblich, nicht kaputtzukriegen wie der Roadrunner oder…

Der Detektiv ist eine Frau

Gender bezeichnet eine Rolle, die wir zufällig spielen, Geschlecht dagegen die Art und Weise, wie wir uns vergnügen – es gibt nur zwei: die schweinische und die durchtriebene. Die beiden ergänzen sich nicht, sondern schließen einander aus. Schweinische klingt “männlich”, durchtrieben “weiblich”. Es gibt aber, das macht die Sache komplizierter, “schweinische” Frauen und “durchtriebene” Männer….

Die griechischen Tragödien …

… spielen, sobald es um Inzest, Vatermord oder Bürgerkrieg geht – in Ödipus also etwa, Antigone oder den Bakchen – alle in Theben. Dort braute sich jeder Mist zusammen und wollte gerächt sein. Nur dass die Autoren und Zuschauer der subventionierten Aufführungen damals alle Athener waren, die in einem ständigen Kriegszustand mit Theben lebten. Die…

Erzählung und Zunge

Die Zunge ist ein übersinnlicher Muskel, im Leib hat er allein nur ein Ende oder, könnte man auch sagen, ein “virtuelles” zweites Ende. Ohne dieses gäbe es keine Geschichten, die einer Frucht der Sprache, also vor allem Zunge sind. Die Zunge ist das in uns, was nach dem anderen Ende sucht. Deswegen wollen Geschichten immer…

Rechtfertigung des Widerspiels

In de Sades Juliette spekuliert der mörderische “Papst Pius”, die Natur sei eine rein schöpferische Kraft, Urgrund des Seins, aus dem sie eine Vielzahl von Formen hervorbringe, mineralische, pflanzliche und tierische. Der Wunsch der Natur nach immer neuen und anderen Nachkommen sei unerschöpflich. Sind einzelnen Formen jedoch einmal geschaffen, hat die große “blinde Mutter” kein…

Schopenhauer zur Dramaturgie des Widersachers

… wie die schlechten Poeten, welche, wann sie Schurken oder Narren darstellen, so plump und absichtsvoll dabei zu Werke gehen, daß man gleichsam hinter jeder solcher Personen den Dichter stehn sieht, der ihre Gesinnung und Rede fortwährend desavouiert und mit warnender Stimme ruft: ‚dies ist ein Schurke, dies ist ein Narr; gebt nichts auf das,…