Es ist nicht die Aufgabe der Kunst, Probleme zu lösen

Manchmal sündige ich, gehe aber nie so weit, dem Künstlerkredo überhaupt abzuschwören, und bestehe Kollegen gegenüber darauf: Ein Schriftsteller darf keine Probleme lösen! Dafür sind Fachleute zuständig. Sie befassen sich mit dem Bauern- oder Finanzwesen, den Weiterungen der Trunksucht oder den Frauenleiden. Der Künstler selbst darf seine Bilder nicht kommentieren. Seine Disziplin ist genauso beschränkt wie die eines jeden Fachmanns. Daran halte ich fest! Nur, wer noch nie geschrieben und keine Ahnung von Charakteren hat, kann sich in dem Irrglauben wiegen, von ihm würden vor allem Antworten und keine Fragen erwartet. Der Autor beobachtet, sortiert und stellt bestimmte Dinge fest am Leitfaden einer Herausforderung, ohne sie bleibt er blind… Freilich kann dem Künstler an etwas liegen, trotzdem bleibt es zweierlei, Antworten zu geben und Herausforderungen zu schildern. Nur letzteres ist Gesetz. ANNA KARENINA löst keine Probleme und befriedigt trotzdem dadurch, dass alles Fragliche deutlich wird. Das ist der Prüfstein: Tritt das Fragliche vollendet hervor?

Tschechow: Brief an S. Souvorine, Moskau, den 27. Oktober 1888

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