Ein Streifzug durch die Apparate der Gnade

Evangelikale Politik mobilisiert kurzfristig über Ereignisse, doch die katholische Verwaltungskultur übersetzt Glauben verlässlich in Verfahren—und politisch setzt sich am Ende jene Seite durch, die Strukturen und Verfahrensschutz beherrscht.

Von der Kreativität

Ursprung, Tat und Gerinnung bleiben nur dann lebendig, wenn Theorie, Institutionen, Kapital und KI nicht als Quellen missverstanden werden, sondern als Werkzeuge, während Schöpfung letztlich Mut, Freiraum und Liebe braucht.

Wieso das Christentum zur Weltreligion werden konnte – und warum seine Heilszeitenlehren bis heute wirken

Das Christentum wurde in einer von Ungleichheit und Sinnkrisen geprägten Epoche zur Weltreligion, weil es als narrative „kostenlose Hoffnung“ soziale Blockaden in Verheißung verwandelte – eine Dynamik, die sich in der modernen Heilszeitenlehre fortsetzt, indem sie enttäuschten Gesellschaftsschichten eine Rolle im göttlichen Geschichtsplan zuschreibt.

Katholizismus

Der Katholizismus, oft als weltfremd belächelt, war in Wahrheit ein Versuch, durch spirituelle Disziplin und institutionelle Innovation Ordnung in eine chaotische Welt zu bringen – von der Askese bis zur Diplomatie.

Vom Nationalgott zur Weltreligion

Aus einer ursprünglich national gebundenen Religion entstand über das Christentum und den Islam ein universaler Monotheismus, der – jeweils auf eigene Weise – auf jüdischen Grundlagen aufbaute, sich davon ablöste, imperiale Strukturen übernahm oder selbst hervorbrachte und so zu einem prägenden Modell religiöser Weltordnung wurde.

Co-Autoren der Schöpfung – Schreiben als göttlicher Akt

Das biblische Gottesbild – verkörpert durch einen sprechenden, lernfähigen und revidierenden Schöpfer – zusammen mit der Figur des poetischen Königs David und einer mutmaßlich weiblichen Erzählinstanz begründet eine literarische Revolution, in der Autorität nicht durch Gewalt, sondern durch Sprache, Selbstreflexion und fortdauernde Interpretation entsteht.

Bibel als Apologie König Davids

Die Bibel ist kein einheitlich offenbartes Gotteswort, sondern ein vielschichtiges Macht- und Identitätsdokument, das in einem historischen Spannungsfeld entstand, politische Interessen literarisch verarbeitet und bis heute kulturell wirksam ist.

Warum Ulysses eine moderne Bibel ist

James JoycesUlysses* ist wie eine moderne Bibel, weil der Roman durch schonungslose Selbsterkenntnis und die literarische Verarbeitung biografischer Peinlichkeiten einen spirituellen Raum schafft, in dem Leser wie Autor auf radikale, ungeschönte Weise zu sich selbst finden können.

Kirche – noch in 2.000 Jahren

Maurice Blondel strebt eine Harmonisierung von integraler Philosophie und Christentum an, um eine auf natürlichen und übernatürlichen Prinzipien basierende, friedvolle Zivilisation zu entwickeln, die die Herausforderungen der modernen Gesellschaft und deren Säkularisierung überwindet.

Feindesliebe – oder was das Christentum zur einzigen Religion macht

Im Gegensatz zu Religionen, die durch Offenbarungen an Propheten wie Moses oder Mohammed geprägt sind und deren heilige Texte eine Repräsentation des Übernatürlichen darstellen, betont das Christentum die unmittelbare Begegnung mit dem Göttlichen im Mitmenschen, insbesondere in Situationen der Feindseligkeit und Traumatisierung.

Was ist Gott?

Von den abrahamitischen Religionen bleibt das Christentum die progressivste, indem es Gott – über den Heiligen Geist – in die Gemeinschaft der Gläubigen verlegt. Dies kann allerdings zu einer Überschätzung des Menschen führen. Hat es auch. Denn der Mensch ist nicht vollendet, auch als Gruppe nicht. Es geht dem Subjekt, immer etwas ab. Dieser Spielraum,…

Typisch deutsch

Dieser Text erkundet die tiefe Verbindung zwischen deutschem Denken, geprägt durch Philosophen wie Fichte, Schelling und Hegel, und dem Einfluss des Protestantismus, wobei er die Unterschiede zur griechischen Philosophie und die Auswirkungen auf politische Bewegungen wie die Grünen sowie das russische Denken hervorhebt.

Der Zuhälter-Charme absoluter Religionen

Im Gilgamesch-Epos gibt es an zentraler Stelle das gewaltige Gebet der Mutter des Helden an die Göttin Ishtar: Herrin, die du der Himmel geworden bist Und groß wie die Erde, die du an ihrem Kreis Aufgehst wie Shamash und mit ihm untergehst, Herrin, die du der Morgenstern bist und der Stern Dieses Abends, die du…

Christentum | Islam

Wenn ich die beiden Religionen vergleiche, hat die eine einen Krüppel als Gott, die andere einen Superstar. Die eine ist eine Sklavenreligion, die andere eine Herrenreligion. Müssen sie sich demzufolge gegenseitig durchstreichen? Die Christen leben in einer letztlich unfertigen Welt, einer Art Trümmerhaufen, den ihr Gott erst geschaffen hat und den er selbst nie ganz…

Gleichheit – sät Gewalt?

Ich folge gerade den Gedanken René Girards in einem Blitzkurs zum bitteren Ende, der eine Art Zen-Rückzug vor der Welt empfiehlt, damit diese nicht zugrunde geht. Girard leitet das alles aus der von ihm unterstellten Tatsache ab, dass wir nichts spontan machen, sondern alles lernen. Wir werden also zu Menschen, indem wir Vorbilder nachahmen, zunächst…

Psychoanalyse und Katholizismus

Es gibt ja diese Interviewantwort von Lacan, die “einzig echte Religion” sei “die römische”. Als Sohn einer strengkatholischen Mutter (sein kleiner Bruder wurde Mönch …) sollte Lacan also einen heimliches Kirchenprogramm mit seiner “Rückkehr zu Freud” verfolgt haben? Nach der Seinslehre der Psychoanalyse kommt der Mensch, weil er zu früh geboren wird, uneinheitlich oder ohne…

Warum das Christentum auch verhasst ist

Hat mit seinem Menschenbild zu tun, zusammengefasst im Dogma der Erbsünde. Die Vorstellung dahinter: dass der Mensch ein Mängelwesen ist, eine Art Krüppel, angewiesen auf Prothesen. Die schlimmste Sünde ist folglich der “Hochmut”, also Auffassung, man sei nicht verkrüppelt. Denn erst dieses Eingeständnis macht die Beschaffung und Optimierung von Prothesen möglich, die allerdings niemals die…