Zu Kreuz kriechen

Das Kreuz weist in vier Richtungen und impliziert dadurch etwas Endloses, nie Aufhörendes, das Gegenteil von Sammlung oder Erhabenheit. Sein Widerspiel ist der Kreis, das Ying-Yang und die darin ausgedrückte Geschlossenheit.

Der Kreis hat im Gegensatz zum Kreuz etwas Tränenloses, Undramatisches.

Was ist der Zweck des Lebens? Liegt er mehr beschlossen in dem, was der Kreis darstellt oder das Kreuz?

Ist es der Kreis, kann ich der Bedeutung nur inne werden durch Besinnung – ist es das Kreuz: durch Tun.

Was ist der Ursprung der Begriffe oder Bestandteile, kraft derer sich unser Denken vollzieht – wo liegt mit anderen Worten die Quelle unseres Bewusstseins: im Kreis oder im Kreuz?

Der Kreis signalisiert uns, dass alle vorgeformt ist, und daher kaum der Mühe wert. Es gibt nichts Neues auf der Welt, nichts, das wir erhoffen dürfen. Wir können bestenfalls der Begriffe inne werden, in denen alles verfasst ist, um die immer gleiche Leier zu gewärtigen.

Das Kreuz signalisiert dagegen, morgen könnten Begriffe erscheinen, die es heute noch nicht gibt – denn Begriffe werden nach ihm erarbeitet, nicht eingesehen. (Aus Erfahrung wird man klug.)

Wir kriechen zu Kreuz, indem die Erfahrung unser aktuelles Sein erweitert und dadurch, was wir sind, aufhebt, im Christentum ausgedrückt durch den Gekreuzigten. Es ist ein Kreuz mit allem, was sich neu einstellt im Hinblick auf das Alte.

So gesehen, ist unsere Persönlichkeit oder Identität eine Summe unserer Erfahrungen (wie es nichts an unserem Körper gibt, das nicht zuvor durch den Magen ging, gibt es nichts an unserer Person, das nicht zuvor durch die Sinne ging), und wir werden ständig neu, indem wir neue Erfahrungen machen. Diese werden nicht durch herrschende Begriffe eingeordnet in Bestehendes und so als immer gleich geoutet, sondern stiften neue Begriffe kraft Erfahrung.

Das Kreuz signalisiert: Bewusstsein entspringt nicht einem Bereich, der erreicht werden kann durch Innewerdung (Meditation), sondern praktischem Tun. Wir kommen zu uns mit jeder Erfahrung, die wir machen, und sind daher am meisten bei uns, indem wir uns – so – verändern.

Die meisten kennen das Gefühl, sich in einem Spiel oder einer Arbeit (in dem Moment dasselbe) zu verlieren, dabei zu vergessen, wie die Zeit verstreicht. Ich denke, das Kreuz steht für dieses Eintauchen, tiefe Sinngefühl im Schöpfen neuer Räume und die Durchstreichung infolgedessen von dem, was einen bisher ausmachte. Daher greift es einerseits aus, bereichert, ist zugleich aber auch ein Instrument der Hinrichtung als Bedingung für die Wiederauferstehung.

Es gibt dazu eine Anekdote aus dem dem Leben Meister Eckharts. Eine Nonne fragt ihn um Rat. Sie steht nach langem Gebet kurz von der Vereinigung mit Gott, da klopft es an der Türe, und ein Bettler möchte eine Suppe haben. Soll sie auf Gott verzichten, um den Bettler zu füttern? Die Antwort Eckharts: Bei dem Bettler handele es sich um Gott.

Nach den Christen teilt sich Gott m. a. W. im tätigen Leben und dessen Entwicklungen mit, die sein wesentlicher Bestandteil sind. Deswegen wohl die auf den ersten Blick merkwürdige Lehre von der Dreifaltigkeit, die Gott mit dem Menschsein und seinem Werden verquickt.

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