Wie heute alles eine Frage der Macht ist

Ich bin noch sehr katholisch erzogen worden von meiner Großmutter, die selber, weil sie die Beichte fürchtete, nie in die Kirche ging, so wenig wie sonst irgendjemand in meiner Familie. Ich dagegen wurde, nicht zuletzt aus Preisgründen, fast 10 Jahre auf ein katholisches Internat gesteckt und war als Teenager jeden morgen in der Messe. Die Alternative lautete „Studium“, also Nachkauen der Hausaufgaben oder sich in irgendeinem profanen Sinne weiter zu bilden. Da war mir das Geleier irgendeines senilen Paters in der Hauskapelle lieber. Messen können sehr langweilig sein, aber sie sind nie bedeutungslos wie so vieles, das man für die Schule auswendig lernen musste.
 
Die spirituelle Erziehung meiner Jugend hat sich später dann an nichts mehr entwickeln können, weil zwei andere, gewaltige und irgendwie verwandte Lehren in die Mitte rückten, welche inzwischen alles beherrschen, was noch ernst genommen wird: das Banausentum und der Vorbehalt.
 
Unter Banausentum verstehe ich jene superschlaue und supersinnliche Geisteshaltung, die der Reihe nach zu den verschiedensten Formen des Lebens drängt und dahin führt, sich allen diesen Formen anzupassen, ohne sich einer zu überlassen. Eine supernachsichtige Haltung, die unduldsam nur dem gegenüber wird, was einen radikal und definitiv in Anspruch nehmen möchte.
 
Auf dem Sockel des Vorbehalts ragt in meinem populären Gemüt Woody Allen mit seiner unerschrockenen Nachricht, alle Zeit- oder Raumgebilde, Sachen des Lebens, seien unbedingt hinfällig, liefern weder Sinn noch festen Halt: die Dinge verblassen vor dem Nichts, dem Abgrund des Seins usf. Man klammert sich tunlichst an das Übergangsmoment ihres Erscheinens als „Offenbarung der Hinfälligkeit“. Deswegen darf mit solchen Dingen dann auch nach Gutdünken gespielt werden – als bloßer Schein sind sie der ungebundenen Macht des Ichs anheimgestellt.
 
Schwarzmalerei wie Banausentum wirken auf den ersten Blick cool, ergreifen aber, wenn man sich ihnen nähert, panisch Partei: für die Herrschaft des Ichs. So ist während der Zeit meines Erwachsenwerdens und danach – eigentlich mein ganzen Leben – alles zu einer Frage der Macht geworden. Nur in Spuren schwebt noch der Weihrauch aus den Messen meiner Kindheit und klingen ihre Schellen nach in meiner Erinnerung, die eine ganz andere Welt versprachen, bedeutender und nicht vorübergehend. Wahrscheinlich habe ich deswegen auch noch solchen Zugang zu den Filmen Terrence Malicks, die vielen mittlerweile verschlossen sind, ja widerlich vorkommen, weil sie die Unduldsamkeit des Ichs herausfordern.

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