Walter Benjamins Begriff der Geschichte

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm. W. BENJAMIN

AUCH DIE TOTEN WERDEN VOR DEM FEIND, WENN ER SIEGT, NICHT SICHER SEIN schreibt Walter Benjamin geheimnisvoll in seinem Jahrhunderttext „Über den Begriff der Geschichte“. Es bestehe nämlich „eine geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem.“ Wir seien „auf der Erde erwartet worden“ – uns sei „wie jedem Geschlecht, das vor uns war, eine schwache messianische Kraft mitgegeben“. Benjamin versucht, denke ich, zu sagen, dass wir als Menschen alle an einem apokalyptischen Erlösungsprojekt teilhaben, das bis jetzt unentwegt verloren hat, deswegen aber nicht erledigt ist, solange die Überlieferung lebt. Verloren wäre es erst, wenn wir dessen, was uns winkt, nicht mehr eingedenk sind. Das wäre dann so, wie wenn man das Lebenswerk eines Toten fälschte und ihn in Verruf brächte.


WALTER BENJAMIN eröffnet den XIV Abschnitt seines fabelhaften Textes Über den Begriff der Geschichte mit einem Zitat von Karl Kraus aus Worten in Versen I: „Ursprung ist das Ziel.“ Dann schreibt Benjamin: „Die Geschichte ist Gegenstand einer Konstruktion, deren Ort nicht die homogene und leere Zeit sondern die von Jetztzeit erfüllte bildet. So war für Robespierre das antike Rom eine mit Jetztzeit geladene Vergangenheit, die er aus dem Kontinuum der Geschichte heraussprengte. Die französische Revolution verstand sich als ein wiedergekehrtes Rom. Sie zitierte das alte Rom genau so wie die Mode eine vergangene Tracht zitiert. Die Mode hat die Witterung für das Aktuelle, wo immer es sich im Dickicht des Einst bewegt. Sie ist der Tigersprung ins Vergangene. Nur findet er in einer Arena statt, in der die herrschende Klasse kommandiert. Derselbe Sprung unter dem freien Himmel der Geschichte ist der dialektische als den Marx die Revolution begriffen hat.“

Benjamins Text fasziniert mich, ich übersetzte ihn daher einmal so, wie ich ihn gerade verstehe. Zunächst das Zitat von Kraus: Abzuzielen ist darauf, dass etwas anfängt. Dann Benjamin: Echte Geschichtsschreibung thematisiert nicht, was wo wann geschah, sondern den Ton, den es heute damit anschlägt. Für Robespierre bezog sich der Konvent auf den römischen Senat: der eine wäre ohne den anderen witzlos gewesen. So wie Mode eingedenkt, indem sie Trends von heute in der Vergangenheit aufspürt. Sie fasst das Vergangene auf und an, wo es uns augenblicklich angeht. Nur leider meistens im Hinblick auf die Geschäfte der Mächtigen. Genauso gut könnte sie deren Opfern inne sein.


B. schlägt, wenn ich ihn richtig deute, vor, die Geschichte als „Komödie“ zu verstehen, in deren Verlauf das Menschsein unausgesetzt versucht, glücklich zu werden im Einklang mit einer Natur, die weder bedrohlich ist noch ausgebeutet wird. Die jederzeit mögliche Erlösung springt ins Auge, wenn man die Vergangenheit als etwas Veränderliches nach ihr absucht in ihrem Anspruch an die Gegenwart – wie einen Traum oder Prousts verlorene Zeit als Quelle der Bedeutung im Hier und Jetzt. Der vorige Satz ist zwar richtig, aber kaum zu verstehen, oder? Ich suche nach einem einfachen Bild, der ihn erklärt. Im Krimi z. B. wir die Vergangenheit durchsucht – und verändert sich, indem die Spuren, welche auf den Täter zeigen, ins Auge springen. Das hat Auswirkungen auf die Gegenwart. Ebenso liegen in der Geschichte, meint Benjamin, Hinweise verstreut, welche, wenn man sie wahrnimmt und zusammenschaut, die Erlösung von dem versprechen, was uns bedrückt.

Ich zitiere den II. Paragraphen des Textes, auf den ich weiter untern zeige [meine Deutungen in eckigen Klammern]:

»Zu den bemerkenswerthesten Eigenthümlichkeiten des menschlichen Gemüths«, sagt Lotze, »gehört – neben so vieler Selbstsucht im Einzelnen die allgemeine Neidlosigkeit jeder Gegenwart gegen ihre Zukunft.« [Es ist nicht möglich, dass wir etwas verpassen, das noch eintreten soll.] Diese Reflexion führt darauf, daß das Bild von Glück, das wir hegen, durch und durch von der Zeit tingiert ist, in welche der Verlauf unseres eigenen Daseins uns nun einmal verwiesen hat. Glück, das Neid in uns erwecken könnte, gibt es nur in der Luft, die wir geatmet haben [als Verlust erleben wir nur etwas, das uns zu Lebenszeit hätte zuteilwerden können], mit Menschen, zu denen wir hätten reden, mit Frauen, die sich uns hätten geben können. Es schwingt, mit andern Worten, in der Vorstellung des Glücks unveräußerlich die der Erlösung mit. Mit der Vorstellung von Vergangenheit, welche die Geschichte zu ihrer Sache macht, verhält es sich ebenso. [Der Sinn von Geschichte erschließt sich uns nicht als Chronik der Entwicklung von Herrschaftsverhältnissen, sondern indem wir ein Eindenken der menschlichen Glücksansprüche hegen, deren Schicksal sie vorführt.] Die Vergangenheit führt einen heimlichen Index mit, durch den sie auf die Erlösung verwiesen wird. [Jedes vergangene Ereignis besteht im mehr oder weniger Glücken.] Streift denn nicht uns selber ein Hauch der Luft, die um die Früheren gewesen ist? ist nicht in Stimmen, denen wir unser Ohr schenken, ein Echo von nun verstummten? haben die Frauen, die wir umwerben, nicht Schwestern, die sie nicht mehr gekannt haben? [Den Menschen geht und ging es immer um dasselbe Glück.] Ist dem so, dann besteht eine geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem. Dann sind wir auf der Erde erwartet worden. [Unsere Vorfahren wollten auf jeden Fall, das etwas Freudiges eintritt.] Dann ist uns wie jedem Geschlecht, das vor uns war, eine schwache messianische Kraft mitgegeben, an welche die Vergangenheit Anspruch hat. [Die Ahnung des menschlichen Glücks – diesen Anspruch stellt die Vergangenheit an uns.] Billig ist dieser Anspruch nicht abzufertigen. Der historische Materialist weiß darum.


BENJAMINS FLASCHENPOST

Letzte Zeit lenkt mich immer wieder Walter Benjamin von der Arbeit ab, z. B. seine merkwürdige Geschichtsphilosophie, welche die Ereignisse nicht auffasst entsprechend ihrem Vorfallen, sondern nach ihrer Möglichkeit. Benjamin redet in diesem Zusammenhang von einer „Flaschenpost“, welche die Vergangenheit uns schickt.

Flaschenpost?

In solcher befindet sich eine Botschaft, die nicht gefunden werden muss, um etwas zu bedeuten. Im Gegenteil berührt uns eine nie entdeckte Flaschenpost umso mehr.

Was hat das mit Geschichte zu tun?

Hier hilft es, sich an eine missglückte Liebesgeschichte zu erinnern, die wohl jeder mal erlebt hat. Man hatte z. B. einen Korb bekommen, die Welt war für einen untergegangen. Wäre man damals gefragt worden, hätte man geantwortet, sie wird nie wieder gut. Dann wurde sie aber doch gut. Heißt es. Benjamin ermutigt uns, zurückzublicken auf den Moment, der unser Glück hintertrieb, und der echten Möglichkeit inne zu werden, die er enthielt. Es ist denkbar und wahrscheinlich sogar der Fall, dass etwas wirklich aus dem Ruder lief und danach nie mehr in nährende Fahrwasser kam. Das einmal abgetriebene Glück veranschaulicht Benjamin im Bild der Flaschenpost, die auch ohne anzukommen eine wichtige Botschaft enthält.

Ihr Inhalt gibt uns, wenn wir ihn nachvollziehen, einen Maßstab, nach ähnlichen Momenten in der Vergangenheit – nicht nur unserer, sondern der Menschheit – auszuschauen. Dem entspringt ein neues Bild von Geschichte, welche nun nicht mehr die Taten der Sieger aufzählt, sondern die Unglücksfälle vermerkt, nicht um etwas zu bejammern, sondern kraft ihrer das Gold eines glücklichen Lebens zu ahnen, welches in seinem Scheitern durchaus von seiner Möglichkeit zeugt und uns damit ermutigt.

Diese Haltung ist letztlich religiös, da zuversichtlich im Hinblick auf unsere Erlösung. Die Spuren derselben seit dem Bestehen der Menschheit wären nach Benjamins Verständnis oder Vorschlag der eigentliche Inhalt von Geschichte.

(Shakespeares Wintermärchen oder Der Sturm.)

Ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte: Während der Terrorherrschaft der Roten Khmer häuften sich schließlich die Massaker an der vietnamesischen Minderheit Kambodschas. Ich erinnere mich an die Erzählung eines Kaders (in einem Dok.film): Sie hatten schon das Massengrab ausgehoben, die Dorfbevölkerung wurde, um Kugeln zu sparen, mit Eisenstangen totgeschlagen und in die Grube geworfen. Es war Mitternacht, da klammerte sich eine junge Frau an den Kader und versprach, ihn zu heiraten, wenn er sie leben ließe. Sie schilderte weiter, welche Vorteile er und sie beide davon hätten usf. Das Erlebnis hatten den Kader, der als alter Mann davon erzählte, sichtlich erschüttert. Wahrscheinlich war des das wichtigste seines Lebens. Die Frau erschlug er trotzdem, sonst wäre er selber dran gewesen. – Die Episode veranschaulicht einen Moment, der nach Benjamin der eigentliche Gegenstand von Geschichte ist oder sein sollte.


WIR WURDEN AUF ERDEN ERWARTET, schreibt Walter Benjamin in „Über den Begriff der Geschichte“.

Dieser Gedanke scheint mir in den Zeiten dystopischer TV-Serien wert, dass man ihn vertieft.

Ist ein Mensch vorstellbar, der für die noch Ungeborenen ein schlechteres Los wünscht? Dass es den Generation nach ihm nicht mehr so gut geht wie ihm selber?

Mir fällt kein Beispiel eines solchen Menschen – auch aus der Literatur nicht – ein. Wir wollen als Menschen auf jeden Fall eine besser Zukunft für unsere Nachfahren.

Wenn dies der Fall ist, dann haben auch unsere Vorfahren das Beste gewünscht für uns und sich wie wir aufgeopfert für etwas, das sie nicht genießen würden.

Dem Menschen wohnt daher, schreibt Benjamin, eine „schwache messianische Kraft“ inne; er kann selber die Erlösung nicht zustande bringen, sich aber vorstellen, dass es eine geben könnte. („Es gibt unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns.“ – Kafka). Deswegen liegt ihm am Glück derer, die ihm nachfolgen.

Interessant an dieser Überlegung finde ich, wie sie uns mit der Vergangenheit verbindet. Wir wurden von den damals lebenden Menschen erwartet, die unser Glück gewollt hatten. Nicht nur vor 50 oder 100 oder 500, sondern auch vor 5.000 Jahren.

In dieser Vorstellung liegt eine völlig andere Geschichtsschreibung, als wir sie bis heute kennen. Sie wendet sich den „Schmieden unseres Glücks“ zu und nicht jenen, die ihnen das Leben Hölle machten.

(So ein Geschichtsbegriff würde übrigens auch andere bzw. das Gegenteil unserer heutigen TV-Serien bedeuten, wo diese historisch werden.)

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