Monadologie – in leichter Sprache

Meine Übersetzung von G. W. Leibniz‘ Monadologie aus dem französischen Original in verständliches Deutsch.

Leichte Sprache ist eine speziell geregelte einfache Sprache. Die sprachliche Ausdrucksweise des Deutschen zielt dabei auf die besonders leichte Verständlichkeit. WIIKIPEDIA

1. Dieser Text handelt von Monaden. Monaden sind Einheiten. Sie verleihen Vollkommenheit. Einheiten sind ohne Teile.

2. Es muss Einheiten geben, weil Körper aus Teilen bestehen. Ohne Einheit würden Körper zerfallen.

3. Was keine Teile hat, hat auch keine Ausdehnung. Es lässt sich nicht halbieren. Deswegen sind Monaden die eigentlichen Atome der Natur.

4. Einheit kann nicht zerfallen. Monaden sind daher unsterblich.

5. Sie können auch nicht entstanden sein. Weil sie keine Teile haben.

6. Monaden können nur auf einmal anfangen oder aufhören zu existieren. Sie verdanken sich einem Schöpfungsakt. Nur der kann sie wieder zurücknehmen. Körper dagegen entstehen neu durch Zusammensetzung. Sie zerfallen wieder in ihre Teile, wenn sie sterben.

7. Monaden sind nicht zu beeinflussen. Sie sind ja unsichtbar. Man kann nicht bei ihnen anklopfen, sie umstimmen oder ärgern. Wonach einer von ihnen ist, bestimmt sie allein. Sie kann das auch niemand mitteilen. Monaden haben keine Fenster.

8. Monaden müssen sich unterscheiden. Denn die Natur ist in Bewegung. Und Monaden sind ihre Einheiten. Deswegen muss alle Bewegung auf Monaden zurückgehen. Wenn alle Monaden gleich wären, würden alle dasselbe tun. In dem Fall würde sich nichts bewegen. 

9. Es muss sich jede einzelne Monade von jeder anderen Monade unterscheiden. Denn in der Welt gibt es keine zwei Wesen, die vollkommen gleich sind. Jedem ist anders zumute.

10. Es ist davon auszugehen, dass Monaden sich wie jedes geschaffene Wesen verändern – die ganze Zeit.

11. Jede einzelne Monade macht eine Karriere. Auf die kein Einfluss genommen werden kann.

12. Eine Monade kann sich nur entwickeln, wenn etwas in ihr fähig ist, sich zu verändern.

13. Die ganze Zeit muss es anders werden, aber die Einheit intakt lassen. Denn echter Wandel geschieht nach und nach: etwas verändert sich – etwas bleibt, wie es ist. Deswegen muss eine Monade über Vielfalt verfügen. Ohne deswegen in Teile zu zerfallen!

14. Die Vielfalt einer Monade wird immer wieder vereint von ihren Vorstellungen. Die Vorstellungen einer Monade können auch unbewusst sein. Der Philosoph René Descartes und seine Anhänger lehnen unbewusste Vorstellungen ab. Sie glauben, dass Pflanzen und Tiere keine Vorstellungen haben. Sie irren sich. Wenn Vorstellungen nur bewusst sein könnten, ließe sich nämlich die Ohnmacht nicht vom Tod unterscheiden.

15. Den Wechsel von einer Vorstellung zur nächsten bewirkt das Grundwollen einer Monade. Es wird nie ganz zufrieden mit einer Vorstellung. Immer strebt es zur Nächsten.

16. Um zu wissen, was in einer Monade los ist, brauchen wir nur in uns selbst zu gehen. Schon der kleinste Gedanke vereint dort eine Vielfalt von Dingen. Wer zugibt, dass unser Bewusstsein eine Einheit ist, muss auch zugeben, dass Monaden mannigfaltig sind.

17. Vorstellungen greifen nicht ineinander. Wer sie wie Baugruppen auffasst, dem bleiben sie unverständlich. Man könnte ja mal so tun, als ob es Getriebe gäbe, die etwas vorstellen. Jetzt nimmt man sie unter die Lupe. Aber überall sieht man nur Zahnräder, die einander keine Wahl lassen. So geht kein Vorstellen. Vorstellungen vereinen, aber betreiben nichts. Ihr Wesen liegt in der Nahtlosigkeit des Übergangs.

18. Einheiten oder Monaden könnte man auch Strebungen nennen. Ihnen ist nach Vollendung. Dabei stehen sie unter Dampf. Unsichtbare Maschinen.

19. Kennzeichnend sind Vorstellungen und Grundwollen. Kann man Monaden deswegen Seelen nennen? Noch nicht. Seelen werden sie erst, wenn ihre Merkmale deutlicher wurden und Erinnerung eine Rolle spielt. Bloß mit unbewussten Vorstellungen oder Grundwollen bleiben Monaden Strebungen. 

20. Ohnmächtige oder traumlos Schlafende sind ohne Erinnerung oder bewusste Vorstellung. In solchen Momenten zieht sich ihr inneres Maß zusammen auf das einer Strebung. Beim Auftauchen aus der Benommenheit dehnt es sich wieder zur Seele.

21. Auch unbewusste Einheiten bleiben gespannt. Einheit kann nie aufhören, immerzu stellt sie etwas vor. Bleibt es zu undeutlich, schwindet das Bewusstsein. Seine Vorstellungen sind dann wie im Taumelgefühl nicht mehr auseinander zu halten. Wenn der Tod naht, wird einem so schwindelig.

22. Jeder innere Zustand einer Einheit ist die nahtlose Folge seines Vorgängers. Dabei ist ihm bereits nach dem nächsten. Jede Gegenwart geht schwanger mit der Zukunft.

23. Wenn das Gemüt erwacht, geht seine erste Vorstellung hervor aus ihrer unbewussten Vorgängerin. Denn eine Vorstellung kann nur auf eine Vorstellung folgen. Wie eine Bewegung nur durch eine Bewegung verursacht werden kann.

24. Es gibt schwächliches Wollen, das niemals bewusst wird. So in dem Fall einfacher Strebungen.

25. Eine gewisse Verstärkung gelingt durch die Vorstellung natürlicher Organe, die Licht und Schall einsammeln, um deren Wirkung durch Anhäufung zu steigern. Ähnliches gilt für Geruch, Geschmack, Haptik und andere Sinne. Wie ein Sinnesorgan wirkt, indem man sich es vorstellt, wird noch erklärt.

26. Das Gedächtnis bewahrt eine gewisse Aufeinanderfolge der Vorstellungen. Es bereitet damit die Vernunft vor. Aber es erreicht sie noch nicht. Nicht jedes Wesen mit Erinnerung ist bereits vernünftig. Das kann man zum Beispiel bei Tieren sehen. Ihnen fallen Vorstellungen auf, weil sie wiederkehren. Sie erzeugen dann die Gefühle von damals. Zum Beispiel den Schmerz im Fall eines Stocks. Der Hund, dem er einfällt, winselt und läuft dann davon.

27. Eine Vorstellung besticht, weil sie entweder wuchtig ist oder das Fass zum Überlaufen bringt. Heftige Anmut aus heiterem Himmel vermittelt mitunter dasselbe wie ein steter Tropfen nach langer Erwartung.

28. Wer seine Vorstellungen nur erinnern kann, bleibt ein Tier. Wie alles, was bei dem verharrt, was sich einmal bewährt hat. Also die meisten. Für sie geht die Sonne nur auf, weil sie immer aufgegangen ist. Sie können sich nicht vorstellen, warum.

29. Damit es nicht beim Gewohnten verharrt, muss das Grundwollen zulegen. Es macht sich dann ein Bild der letzten Dinge, von den Wahrheiten der Vernunft oder Wissenschaft – erhebt sich zur Vorstellung Gottes. So entfalten sich Geist und Bewusstsein.

30. Die tiefen Wahrheiten müssen vielmehr gedacht statt beobachtet werden. Sie ergründen, was „Ich“ bedeutet und verwandte Vorstellungen wie „Sein“, „Einheit“, „Zerlegbarkeit“ oder „Körperlosigkeit“. Sie stellen fest, was begrenzt ist und dem gegenüber unbegrenzt. So kommen sie schließlich auf Gott.

31. Richtiges Denken folgt dabei zwei Regeln. Die erst ist die Regel des Widerspruchs. Ihr gemäß muss man alles verneinen, was einen Widerspruch enthält – und alles für wahr halten, was einen Widerspruch verneint.

32. Die zweite ist die Regel vom zureichenden Grund. Ihr gemäß entspringt die Wahrheit Beweisen. Auch, wenn diese geheim bleiben.

33. Es gibt daher zwei Sorten Wahrheit: vernünftige und tatsächliche. Die vernünftige Wahrheit ist notwendig, ihr Gegenteil unmöglich. Die tatsächliche Wahrheit ist zufällig, ihr Gegenteil möglich. Ist eine Wahrheit notwendig, kann man sie zerlegen. So erreicht man ihre Gründe.

34. Mathematiker kommen auf ihre Wahrheiten durch Zerlegung – in Bestimmungen, Grundsätze und deren Begleiter.

35. Übrig bleibt zum Schluss das Allereinfachste. Man kann es nicht mehr zerlegen, nur noch herzeigen. Es ist, was es ist. Wer das nicht sieht, ist von Sinnen.

36. Einen zureichenden Grund erfordern die Tatsachen. Das sind all die Dinge und Vorstellungen der Welt. Man kann sie nie ganz beweisen. Es sind einfach zu viele. Und ständig geht es weiter – hin und her – bis zu den Bewegungen, mit denen ich das hier gerade schreibe. Und unendliche viele kleine Vorstellungen und zufällige Neigungen nehmen mich dabei ein.

37. Hat man einen Zufall bewiesen, war’s ein anderer Zufall, der ihn bekräftigte. Jetzt muss er wieder untermauert werden – mit dem nächsten Zufall. Man kommt nie ans Ziel. Der zureichende und letzte Grund muss außerhalb der Beweiskette liegen. Sie mag noch so eindrucksvoll werden.

38. Der zureichende Grund muss eine notwendige Einheit sein, die alles vollkommen einbettet. Wir nennen sie Gott.

39. Diese Einheit ist ein hinreichender Grund für alles, wie es besteht und vereint ist. Deswegen kann es nur einen Gott geben.

40. Seine Einmaligkeit ist notwendig. Ohne sie gäb’ es nur Zufälle. Sie vereint alles. Nichts kann unabhängig von ihr bestehen. Sie ist daher grenzenlos. Ihr Gegenteil ist unmöglich. Ihre Existenz verneint einen Widerspruch, muss daher wahr sein: Sie besteht, weil sie möglich ist.

41. Gott ist vollkommen. Denn Vollkommenheit bedeutet uneingeschränktes Bestehen. Dort wo alle Möglichkeiten des Seins gegeben sind, herrscht Vollkommenheit. Nämlich bei Gott. In ihm ist sie ganz und gar. Unendlich.

42. Alles, was es gibt, ist unvollkommen. Aber nicht 100%. Teilweise ist es vollkommen. Seine Vollkommenheit kommt von Gott, der es auf den Weg gebracht hat. Die Unvollkommenheit kommt vom Dasein, von seiner Beschränkung. Nichts in der Welt kann ohne Beschränkung bestehen, ohne Unvollkommenheit. Wir spüren die Unvollkommenheit im eigenen Körper. Sie besteht in seiner Lethargie.

43. Gott ist die Quelle dieser Welt. Aber er weiß auch um alle anderen Möglichkeiten. Sie bilden sein Bewusstsein. Ohne Gottes Bewusstsein – aus allen Möglichkeiten – wäre nichts nötig.

44. Die Möglichkeiten des Seins müssen, weil es auftaucht, vorliegen. Sie walten in der notwendigen Anwesenheit von etwas, das darin besteht, möglich zu sein.

45. Gott ist diese notwendige Anwesenheit aller Möglichkeiten. Möglichkeiten können sich nicht widersprechen oder verhindern. Deswegen ist Gott ungehemmt und widerspruchsfrei. Dass es ihn gibt, beweist das notwendige Bestehen der Möglichkeiten. Aber auch die Zufälligkeit der Welt beweist, dass es Gott gibt. Denn indem etwas vorkommt, dessen Gegenteil möglich wäre, ist Gott der einzig zureichende Grund für sein Bestehen. Weil nur seine Existenz nicht weiter erklärt werden muss, sondern notwendig ist. Dem zu widersprechen wäre absurd.

46. Gott ist ungehemmt und widerspruchsfrei, weil er alle Möglichkeiten beherrscht. Er kann sie aber nicht herstellen. Das haben nämlich René Descartes und nach ihm Pierre Poiret behauptet. Damit verkennen sie Gottes Vollkommenheit. Diese besteht nicht darin, Möglichkeiten als Inhalte seines Bewusstseins zu schaffen, sondern wahrzumachen. Gottes Macht oder Liebe zeigt sich im Wert seiner Schöpfung, nicht im Erfinden ihrer Möglichkeiten.

47. Gott ist Ur-Einheit. Er blitzt die Monaden aus als seine Parodien. Sie lassen nicht nach infolge von dem, was sie von Gott wiederholen. Damit kämpfen sie an gegen die Borniertheit, die sie zu Geschöpfen macht.

48. Gott ist fähig. Er verfügt über alle Möglichkeiten des Seins. Und er ist willens, die besten davon wahr werden zu lassen. Diese Vermögen Gottes wiederholt die Monade. Sie hat es drauf. Stellt sich alles Mögliche vor. Zeigt Flagge. Damit eifert sie ihren Schöpfer nach, ohne dessen Vollkommenheit zu erreichen. Ihr Ziel bleibt, ihm möglichst ähnlich zu werden.

49. Monaden tun sich untereinander hervor. Was sich dabei auswirkt, sind ihre Vorstellungen. Eine Monade wird umso mächtiger, je deutlicher ihre Vorstellungen sind. Mit der Undeutlichkeit ihrer Vorstellungen aber wächst ihre Ohnmacht.

50. Eine Monade übertrumpft eine andere Monade, wenn sie deren Vorstellungen verdeutlicht.

51. Der Einfluss, den die Monaden aufeinander ausüben, ist körperlos. Er kommt durch die Entscheidung Gottes zustande. Die möglichen Monaden konkurrieren als Gottes Gedanken um seine Entschiedenheit. Jede möchte vor jeder anderen berücksichtigt werden. Einmal verwirklicht, können sie sich nicht mehr beeinflussen. Aber die Stelle, die Gott ihnen dann zugewiesen hat, verdankt sich dem Eindruck, den ihre Möglichkeiten auf ihn machte. Dabei spielen Deutlichkeit und Umfang des Vorstellungsvermögens eine Rolle. Die unschärferen oder trägeren Monaden werden von Gott den schärferen oder wacheren Monaden beigeordnet. Darin besteht die Auswirkung von Monaden aufeinander. Die eine bestimmt nicht den Inhalt, aber die Stellung der anderen.

52. Gott hat die Monaden einander zugeordnet. Alle Monaden schreiten voran, ohne sich darin zu beeinflussen. Ihr Entfaltungen bleiben immer spontan. Aber Gott hat sie dermaßen angeordnet, dass ihr Chor seine Zwecke erfüllt. Die unschärferen Monaden unterstützen dabei die Absichten der deutlicheren. Wobei die Deutlichkeit relativ ist. Eine dominante Monade wirkt in anderen Zusammenhängen unscharf; nun ist sie selber dienlich.

53. Gottes Bewusstsein besteht aus allen Möglichkeiten. Diese Möglichkeiten können so oder so wahr werden. Einmal entsteht diese Welt, einmal jene. Auf solche Art sind unendlich viele Welten möglich. Jede entspricht einer besonderen Zusammensetzung alle Möglichkeiten und schließt damit alle anderen Welten aus. Gott hat sich für die bestehende – damit gegen alle anderen Welten – entschieden. Dafür hat er einen Grund gehabt.

54. Gottes Grund besteht darin, dass diese Welt von allen zur Verfügung stehenden die bestmögliche ist. Deswegen hat er ihr unter allen Kandidatinnen den Vorzug gegeben.

55. Unsere Welt verdankt sich Gottes Scharfsinn, der sie als die beste aller Möglichkeiten erkannte. Sie verdankt sich ferner seiner Güte; denn er musste sie nicht schaffen. Und sie verdankt sich seiner Macht, die alles wahr machen kann, was möglich ist.

56. Gott hat die Monaden in ein solches Verhältnis gesetzt, dass ihre Entfaltung die beste aller Welten bewirkt. Daran ist jede Einheit der Schöpfung beteiligt. Jede bedeutet und spiegelt dadurch die Mitwirkung aller anderen.

57. Jedes Foto von Venedig ist anders. Weil es von einer anderen Stelle aufgenommen wurde. Aber alle Fotos zeigen dieselbe Stadt. Ebenso ist jede Monade anders. Aber alle vergegenwärtigen dasselbe Universum. Jede gemäß ihrer Rolle im Schöpfungsplan Gottes.

58. Darin besteht die größtmögliche Vielfalt. Zusammen mit der größtmöglichen Ordnung. Mithin die größtmögliche Vollkommenheit.

59. Kann man Gott ein gewaltigeres Loblied singen? Seine Schöpfung ist so restlos aufeinander abgestimmt, dass jede ihrer Einheiten jede andere ausdrücken muss. Man kann versuchen, dies abzustreiten. Aber schafft auch nur einer, es zu widerlegen?

60. Um die bestmögliche Welt zusammenzusetzen, musste Gott jede Stelle bedenken als Wirkpunkt für die passende Monade. Das Wesen eine Monade liegt im Vorstellen. Jede stellt sich die Welt vor, mehr oder weniger deutlich. Klarer macht sie sich dabei, was näher liegt oder aus der Ferne ihre Teilnahme erregt. Alles auf einmal berücksichtigt nur Gott. Nicht, was eine Monade vergegenwärtigt ist beschränkt, sondern ihr Ausschnitt davon. Jeder Monaden ist nach Welt zumute, begrenzt und verschieden ist sie nur durch das Ausmaß ihrer Verdeutlichung derselben.

61. In der Welt aber ist alles besetzt. Es gibt keine Stelle, an die nicht etwas geschoben oder gedrückt werden könnte, wofür  etwas anderes Platz machen muss, das seinerseits schiebt, drückt – und so weiter. Jeder Körper wird nicht nur gereizt von denen, die ihn berühren, sondern muss gleich auch umsetzen, was ihn bewegt. Jede Bewegung gelangt so in jeder Weite, auch die entfernteste. Deswegen trifft jeden Körper alles, was sich in der Materie zuträgt. Entsprechend könnte jemand, der dies überblickt, aus jeder Stelle ablesen, was insgesamt geschieht. Ja selbst, was einmal geschah oder geschehen wird. In dem Augenblicke beobachtet er, was sich in zeitlicher oder räumlicher Ferne tut. „Sympnoia panta“ (alle Dinge konspirieren), sagte Hippokrates. Die einzelne Monade aber überblickt nur ihre Vorstellungen, wo diese deutlich sind. Was tiefer in sie gefaltet ist, bleibt verworren. Es geht ins Unendliche.

62. Jede Monade ahnt so das Universum. Genauer stellt sie sich aber einen persönlichen Leib vor, dessen Wollen sie ist. Als Körper ist dieser mit aller Materie verschränkt. So spiegelt er die Welt. Die Monade hat daran Anteil durch seine Vergegenwärtigung als Leib, der mit ihr in die mechanische Welt bewegt und erleidet.

63. Ihren Körper stellt eine Monade sich vollkommenen als Leib vor. Bei einfachen Strebungen ist er nur etwas Werdendes. Bei entwickelteren Monaden treten Erinnerungen hinzu, die Vorstellung wird vielfältiger. Aber egal, ob in primitiver oder fortgeschrittener Gestalt: immer wird ein Organismus vergegenwärtigt. Denn jede Monade ahnt das ganze Universum. Deswegen hängt in ihren aufsteigenden Vorstellungen jeder Punkt mit jedem zusammen.

64. Ein Organismus ist ein göttlicher Automat. Er übertrifft jede von Menschen angefertigte Maschine. Denn solche Maschinen sind nie durch und durch automatisch. Im Zahn eines Messingrades zum Beispiel befinden sich Teile oder Bruchstücke, die nicht notwendig maschinell sind. In Organismen gehört alles zum Automaten, auch der unscheinbarste Fetzen. Darin besteht der Unterschied zwischen Natur und Technik, zwischen der Kunstfertigkeit Gottes und jener des Menschen.

65. So ist die Welt das unendlich herrliche Kunstwerk Gottes, vollkommen gegliedert und mit jeder ihrer spontanen Einheiten in der Lage, einzustehen für das große Ganze.

66. Woraus erhellt, dass noch im geringsten Endchen Materie mit seiner Welt auch alles Lebendige in ihr – Pflanzen, Tiere, Menschen – vergegenwärtigt wird.

67. In jeder Vorstellung eines Stückchens Materie schwingt ein Garten voller Blumen und ein Teich voller Fische mit. Und mit jedem Zweig dieses Gartens, mit jeder Gräte des Fisches, mit seiner Körperflüssigkeit werden ebenso der dazu gewusste Teich oder Garten vorgestellt.

68. Das Erdreich in dem Garten, die Luft zwischen seinen Pflanzen oder das Wasser in dem Teich zwischen den Fischen ist freilich weder Pflanze noch Fisch. Sie gehören aber zu ihrer Vorstellung. Denn Vorstellen heißt vereinen.

69. So kann es keinen toten Punkt in der Vorstellung des Universums geben. Denn jede einzelne bedeutet alle anderen. Alles ist wohlgeordnet. Chaotisch wirkt nur die Oberfläche. Wie die eines entfernten Teiches, die nur zu wimmeln scheint, weil man noch nicht gleich die Fische erkennt.

70. Schon die primitivsten Lebewesen sind vollkommen bestrebt. Auf tierischer Stufe kommt dann Vorsicht hinzu. Als Monaden aber binden sie immer schon weitere Organismen in ihre Einheit, denen – wie ihnen auch – nach Vollkommenheit ist. 

71. Keinesfalls aber klammert sich das monadische Vorstellen dabei an eine bestimmte Körpermasse, in der die immer selben Unter-Organismen aneinanderkleben und zu Diensten stehen. Denn die vorgestellten Körper sind fließend. Organismen gesellen sich zu ihnen, während andere sie wieder verlassen. Nur die innere Ordnung bleibt erhalten.

72. So verändern sich Körper. Nicht auf einmal, sondern – wie Vorstellungen – sachte, Stück für Stück. Nie sind sie ihrer Einheit beraubt. Diese kann ihnen sowenig abhandenkommen wie ihr Grundwollen. Nur Gott kann anders als körperlich wollen.

73. Da ein Körper seine Monade oder Einheit niemals verliert, kann er weder gezeugt werden noch sterben. Was wir Zeugung nennen, ist ein Zulegen der Körpermonade. Sie verdeutlicht ihre Vorstellungen. Stirbt der Körper dagegen, lässt sie ihre Vorstellungen wieder unscharf werden. Auf niedrigerem Niveau vergegenwärtigt sie weiter die Reste des Körpers, die wir für tot halten.

74. Organismen voller Vorstellungen und Grundwollen können nicht einfach entstehen oder gezeugt werden. Sie müssen immer schon da sein, vorgeformt wie ein Baum in seinem Samen. Nicht nur der organische Körper ist vor seiner Zeugung vorhanden, sondern, in ihn gefaltet, auch all seine Vorstellungen, das Lebewesen schlechthin. Durch die Zeugung bildet es sich nur weiter aus – in einen Körper neuer Art. In der Natur geschieht das selbst ohne Zeugung, wenn Würmer zu Fliegen werden und aus Raupen Schmetterlingen kriechen.

75. Monaden, deren Vorstellung beschieden ist, deutlicher zu werden, vergegenwärtigen dafür als  Leib den Körper von Tieren. Diese kommen zur Welt, pflanzen sich fort und gehen zugrunde. Monaden, die’s drauf haben, noch deutlicher zu werden, vergegenwärtigen die Körper von Menschen.

76. Nicht einmal die Tiere haben somit einen natürlichen Ursprung, sondern gehen einher mit dem Zu- und Abnehmen ihrer Monaden. Weswegen es strenggenommen keinen Tod, nur ein Schrumpfen der Körper gibt. Dieses erhellt aus den Wahrheiten, die bis jetzt hier ausgebreitet worden sind.

77. Man kann daher sagen, dass nicht nur die Monade als unverrückbare Stelle des Universums, sondern der Organismus schlechthin unzerstörbar ist, mag seine körperliche Maschine auch teilweise untergehen oder die organische Hülle wechseln.

78. Diese Grundgedanken stellen endlich die Mittel zur Verfügung, um die Verbindung oder Einmütigkeit von Vorstellung und organischem Körper zu erklären. Beide haben ja unmittelbar nichts miteinander zu tun. Überein stimmen sie trotzdem durch die im Vorhinein eingerichtete Harmonie. Denn beide vertreten dasselbe Universum.

79. Die Monade will etwas erreichen. Für ihren vergegenwärtigten Körper. Sie stellt sich vor, sein Wille zu sein. Der Körper wird unmittelbar nicht von dem Willen der Monade, sondern durch seine Verschränktheit mit der Materie des Universums bewegt, dessen Stöße er empfängt und weitergibt. Beide Reiche aber, das zielstrebige der Monade und das getriebene des Körpers, gehen Hand in Hand.

80. René Descartes hat vollkommen richtig erkannt, dass Vorstellungen sich nicht unmittelbar auf Körper auswirken können. Denn dadurch würden die Kräfte im Reich der Materie vermehrt. Deren Summe aber muss immer gleich bleiben. Descartes glaubte, dass wenigstens die Richtung von Körpern durch Grundwollen verändert werden konnte. Weil ihm noch nicht das Naturgesetz bekannt war, nach dem auch die Veränderung von der Richtung Kräfte umsetzt. Wäre ihm diese Wahrheit bekannt gewesen, hätte auch er auf die Lehre von der im Vorhinein eingerichteten Harmonie kommen müssen.

81. Ist diese Harmonie eingerichtet, bewegen sich die wirklichen Körper, als hätten sie keinen Willen, und die Vorstellungen von ihnen entwickeln sich, als gäbe es keine Körper. Unsichtbar aber stehen sie in Wechselwirkung miteinander.

82. Die Monaden entwickeln unterschiedlich verschwommene Auffassungen des Universums und ihrer Körper darin. Monaden, deren Vermögen das Zeug zu vernünftiger Schärfe hat, vergegenwärtigen zunächst Samentierchen als ihren Körper mit niederem Reizempfinden. Nur jene unter ihnen, deren Grundwollen weiter zur Zeugung gelangt, erreichen mit der zunehmenden Vielfalt der Vorstellung ihres sich daraus entwickelnden Körpers die Deutlichkeit von begrifflich urteilendem Erfassen sowie den Vorzug des Geistes.

83. Die begrifflich urteilende Monade des menschlichen Bewusstseins vergegenwärtigt die Welt beinahe wie Gott. Sie kann die Architektur des Universums nachvollziehen. Auch ist sie in der Lage, Arbeitsproben davon anzufertigen. Wie eine kleine Gottheit kann sie kreativ sein in ihrem Bereich.

84. Ihre Vorstellungen treten in eine Gemeinschaft mit den Vorstellungen Gottes. Denn sie belebt dieselbe Vernunft. Gott wird so weniger fremd erlebt. Mehr wie ein wohlgesonnener Herrscher oder wie ein Vater, der es gut meint mit seinen Kindern.

85. Indem alle vernünftigen Vorstellungen sich verdeutlichen und zusammentun, entsteht der vollkommenste Staat mit dem vollkommensten Herrscher.

86. Gottes Güte und Wohlwollen können sich nur erfüllen durch seine Entfaltung in andere moralische Wesen, nämlichen allen vernünftigen Monaden. Nur in dieser Beziehung wird Gottes Größe voll verwirklicht. Eine Welt ohne begrifflich urteilendes Erfassen – ohne moralisch bewegtes Grundwollen – wäre ganz unter der Würde Gottes. So wie ein König an Erhabenheit verlöre, wenn er über Steine statt über Lebewesen herrschte.

87. Die im Vorhinein eingerichtete Harmonie vertaktet alle Bewegungen in der Vorstellung einer Monade mit jenen der materiellen Welt. Was die Monade will, findet statt in den Regungen ihres Körpers. Diese Entsprechung ist ein Abkömmling der noch herrlicheren Übereinstimmung zwischen Gottes Vorstellung des Nonplusultra und seiner Schöpfung der mechanischen Welt. Gottes Absicht verdeutlicht sich im höher entwickelten Grundwollen des Menschen als Sehnsucht nach Vollkommenheit.

88. Indem moralisches Wollen und Mechanik einander entsprechen, geht jede Gesinnung einher mit der ihr gerechten Praxis. Was immer geschieht, wird begleitet und gerichtet von jener Vollkommenheit, deren Umsetzung entscheidet über Gelingen oder Misserfolge des Daseins.

89. Unsere Körper-„Automaten“ werden in einer Weise durch die Mechanik der Welt bewegt, die den Plan ihrer Bestmöglichkeit umsetzt. Gottes Anspruch geht dabei aufs Ganze. Vollkommen soll nicht das einzelne Leben, sondern das Universum schlechthin werden. Die einzelne Monade trägt dazu bei. Teil an der Vollkommenheit hat sie durch ihre Vorstellung des Universums. Der Lauf der Weltgeschichte ist von Gott dermaßen eingerichtet, dass jedes moralische Wesen mechanisch erfahren muss, was ihm zukommt. Die Geschichte des Universums steuert so auf ein glückliches Ende zu, indem, was gut ist, schließlich belohnt, sein Gegenteil zu Verantwortung gezogen wird. Ein jüngstes Gericht gibt es nicht. Denn die im Vorhinein eingerichtete Harmonie stellt die Vollendung im mechanischen Diesseits sicher. Wenn nicht heute, dann morgen.

90. Tieren kann es gut gehen, aber nur höhere Wesen verfügen durch bewusst sinnliches Wahrnehmen und begrifflich urteilendes Erfassen über die Fähigkeit zur Verwirklichung von Glück. Dieses besteht nicht im Erreichen eines dauerhaften Zustandes, sondern im Fortschreiten, Streben, einem Grundwollen des Nonplusultra. Zum Schluss wird es keine gute Tat ohne Belohnung und keine böse ohne Züchtigung geben. Gut wird ein Mensch durch seine Zufriedenheit mit dem Plan Gottes. Mit der ihm darin zugedachten Rolle. Sie erlöst die innere Sehnsucht, wenn das eigene Wollen dem mutmaßlichen Begehren Gottes zur Verfügung gestellt wird, um die bestmögliche Welt zu vollenden. Und sie pflichtet allem bei, was Gottes geheimer Wille den Umständen entsprechend eintreten lässt. Denn würde sie die Ordnung des Universums endlich verstehen, müsste sie finden, „dass es die Wünsche der Weisesten übertrifft und unmöglich besser eingerichtet sein kann.“ Immerzu wird die Welt so vollkommener, als sie früher gewesen war. Was sich abrundet, sind nur nicht die gegenwärtigen Verhältnisse, sondern der Lauf der Dinge schlechthin in seiner geschichtlichen Gesamtheit. Diesen hier und jetzt vollenden zu wollen, würde die Güte der Entwicklung seit Anbeginn der Schöpfung schmälern.

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