Vom Wesen der Identität

In seiner WISSENSCHAFT DER LOGIK hat Hegel etwas Ultimatives zu sagen über das, was uns je besonders macht, unsere IDENTITÄT: daß sie darin besteht, Trennung als solche zu sein oder in der Trennung wesentlich, d. i. nichts für sich, sondern Moment der Trennung zu sein. II, 42


Damit meint er, dass Identität keine Eigenschaft ist, also nicht verstanden oder bewirkt werden kann. Denn alles, was sich von einer Person festellen lässt – dass sie z. B. dieses oder jenes Geschlecht hat, diese oder jene Größe, Augenfarbe, Gesinnung, Geschmacksvorliebe, Anzahl von Kindern usf. – lässt sich von anderen auch sagen. Ein Eskimo ist ein Eskimo dadurch, dass es auch andere Eskimos, also etwas gibt, das er auch nicht ist. Ein guter Mensch ist gut dadurch, dass es auch schlechte Menschen gibt.


Hegel unterscheidet hier Verstand und Vernunft.


Verstand setzt uns die Welt auseinander – in eine Vielfalt von Eigenschaften. Vernunft erkennt danach (so Hegel), die Verschiedenheit als negatives Merkmal von Identität, dadurch unserers Selbstbewußtseins. Wir sind angesichts dessen, was uns durch den Kopf geht, von diesem verschieden; es macht uns nicht aus, indem es auch anderen durch den Kopf gehen kann. Wir kommen zu uns, indem wir Unterschiede machen, die herausstellen, was wir nicht sind.


Vernunft kehrt nach Hegel ein, wenn unser Bewusstsein gelten lässt, dass alle Wirklichkeit nicht anders ist als es, wir der Welt also nicht mehr unähnlich gegenüber stehen, sondern deren Sein so widersprüchlich oder negativ auf uns bezogen erleben wie die Auseinandergesetztheit unseres Gemüts.


Das Streitsüchtige, Niezufriedene, Unterschiede Herauswerfende und wieder Verwerfende ist die nur negativ mögliche Folie einer prinzipiell unerreichbaren, daher ewig ersehnten Identität. Jedes Pochen auf das, was einen ausmache, kann nur hohl klingen und ist doch alles, was wir haben. Wie Kleider welchseln die Unterschiede, welche uns markieren, mit der Mode, und treffen nie, was uns unverwechselbar macht. – Worin besteht, so gesehen, eigentlich Respekt oder Anerkennung?

P. S. Wittgenstein stellt dasselbe fest, wenn er in der LPA sagt, die Logik der Tatsachen lasse sich nicht vertreten. Denn sie setzt die Dinge auseinander, ohne durch sie erklärt werden zu können.

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