Hegels Vernunft

Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig heißt es in der PHILOSOPHIE DES RECHTS.

Der Satz kann zu einem kolossalen Missverständnis bis hin zur Ablehnung Hegels schlechthin führen.

Um ihn zu deuten, sollte man Hegels tiefsinnige Verwendung des Begriffes “Vernunft” nachvollziehen – als das Vermögen, letzte Wahrheit aus dem Unverträglichen zu schöpfen: einzusehen, daß der Widerspruch eben das Erheben der Vernunft über die Beschränkungen des Verstandes und das Auflösen derselben ist. WISSENSCHAFT DER LOGIK I, 39

Was vernünftig ist, das ist wirklich heißt somit, dass Wirklichkeit die unentwegte Frucht eines Kampfes von Klugheit und Aberwitz ist, welche, einander bedingend, sich und die Welt am Leben halten.

Anderes gesehen, ist die Vernunft eine Funktion oder Weiterung des Begehrens. Ich kann nur verlangen, was mir abgeht, mich unvollständig macht. Insofern umfasst die Vernunft, was ich bin und (noch) nicht bin. Ist mein Verlangen gestillt, erlischt die Vernunft. Aber nichts vermag es zu stillen in Wirklichkeit. Darum ist alles Wirkliche vernünftig.

Die Natur besteht in Widersprüchen, der Mensch aber kann sie denken und gewahrt sie – durch die Vernunft – in sich selbst, begegnet so der Verneinung nicht mehr als etwas Äußerem. Widerspruch entspricht der Logik des Stolzes, der sich – im Ausbilden – untergräbt, indem er sich nicht trennen kann von dem, was ihn verneint.

Das Innesein seiner Aufhebung macht dem Gemüt seine Unendlichkeit bewusst, da es sich nicht ableiten lässt aus der endlichen Welt. Es entspringt einer Sehnsucht nach etwas alle Interessen Sprengendem.

Ein Mensch kann totgeschlagen werden, dieses Äußerliche ist aber zufällig; das Wahrhafte ist, dass der Mensch durch sich selbst stirbt. ENZYKLOPÄDIE DER PHILOSOPHISCHEN WISSENSCHAFTEN II, 74

Die Vernunft erlaubt es dem Gemüt, sich als wesentlich selbstdurchstreichend zu denken, und befreit es so vom Opferstatus gegenüber einer vernichtenden Welt – indem es sich zum Opfer seiner selbst macht.