Von der Persönlichkeit der Dinge – Hegels originelle Ontologie

Die Stelle, welche Hegels gesamte Philosophie zusammenfasst, steht in der Vorrede zur PHÄNOMENOLOGIE DES GEISTES:

Es kömmt nach meiner Einsicht . . . alles darauf an, das Wahre nicht als Substanz, sondern ebensosehr als Subjekt aufzufassen und auszudrücken. Zugleich ist zu bemerken, daß die Substantialität sosehr das Allgemeine oder die Unmittelbarkeit des Wissens als diejenige, welche Sein oder Unmittelbarkeit für das Wissen ist, in sich schließt.

Tatsächlich, sagt er damit ungefähr, ist die Welt nicht nur voller Gegenstände, sie haben auch eine Persönlichkeit. Was er damit meint, kommt heraus in folgendem Abschnitt aus seinen VORLESUNGEN ÜBER DIE PHILOSOPHIE DER RELIGION (Teil 3 DIE VOLLENDETE RELIGION):

Daß ich einen Apfel esse, ist, daß ich seine organische Selbstständigkeit vertilge und ihn mir assimiliere. Daß ich dies tun kann, dazu gehört, dass der Apfel an sich – schon vorher, ehe ich ihn anfasse – in seiner Natur diese Bestimmung habe, ein zu Zerstörendes zu sein und zugleich ein solches, das an sich ein Homogenität mit meinen Verdauungswerkzeugen hat, daß ich ihn mit mir homogen machen kann.

Ein Apfel kann nichts Substantielles sein, insofern er sich als verwundbar erweist im Hinblick auf seinen Verzehr. Er hat dadurch so etwas wie eine Persönlichkeit: man setzt sich mit ihm auseinander. Seine Materialität ist so unsicher oder schwankend wie der Inhalt menschlichen Bewusstseins, ohne freilich – wie dieses – auf Begehren zurückzugehen. Dasselbe gilt für alles Sein bis hinunter zu den Steinen, denn auch sie haben keinen Bestand, sondern werden mählich von dem, was sie nicht sind, ihrer Umgebung, verändert. Nur aus einem dermaßen kompromittierten Sein konnte – nach Hegel – hervorgehen, was sich spontan in Frage stellt: das Subjekt. Der sprechende Mensch kann erscheinen, weil das Sein nicht in sich ruht. Denn hätte es Grund zum Stolz, tät’ sich kein Loch in ihm auf fürs Hervortreten der Sprache.

Das Wunde unseres Gemütes hat somit eine ontologische Wurzel.

Es ist dies eine zu große Zärtlichkeit für die Welt, von ihr den Widerspruch zu entfernen, ihn dagegen in den Geist, in die Vernunft zu verlegen und darin unaufgelöst bestehen zu lassen. In der Tat ist es der Geist, der so stark ist, den Widerspruch ertragen zu können, aber er ist es auch, der ihn aufzulösen weiß. Die sogenannte Welt aber (sie heiße objektive, reale Welt oder, nach dem transzendentalen Idealismus, subjektives Anschauen und durch die Verstandeskategorie bestimmte Sinnlichkeit) entbehrt darum des Widerspruchs nicht und nirgends, vermag ihn aber nicht zu ertragen und ist darum dem Entstehen und Vergehen preisgegeben. WISSENSCHAFT DER LOGIK I, 276

Hegel gründet seine Philosophie auf die Abwesenheit jeglicher Basis, indem er Prämissen und Grundsätze zurückweist, nur den Widerspruch gelten lässt. Die Vernunft überwindet den Widerspruch nicht, sondern begreift seine Notwendigkeit. Auch wo Widerspruch das Denken begrenzt oder behindert, kann es die Grenze doch auffassen als das, was es ermöglicht und darum nicht überwunden werden muss.

Geist ist für Hegel das Imstandesein des Gedankens, Widerspruch nicht als zu überwindendes Hindernis, sondern als Quelle des Seins aufzufassen.