Freiheit ist etwas Positives – Hegels Kritik der Auflehnung

Nach Hegel heißt das erhabendste Ziel des Lebens FREIHEIT. Sie geht einher mit Vernunft, welche einsetzt durch Überwindung des Selbstbewusstseins.

Selbstbewußtsein verdankt sich zunächst der Anerkennung, zerfällt aber, indem diese prekär wird, in die Gesinnungen des Herren und des Knechtes. Die Furcht, welche den Unterlegenen der beiden in Knechtschaft hält und daran hindert, sein Leben durch Aufstand zu wagen, befreit in Wirklichkeit das Bewusstsein, indem sie die Nichtigkeit des Stolzes erweist und zugibt, wie widersprüchlich es in Wirklichkeit um einen selbst bestellt ist.

Dies Bewußtsein hat nämlich nicht um dieses oder jenes, noch für diesen oder jenen Augenblick Angst gehabt, sondern um sein ganzes Wesen; denn es hat die Furcht des Todes, des absoluten Herrn, empfunden. Es ist darin innerlich aufgelöst worden, hat durchaus in sich selbst erzittert, und alles Fixe hat in ihm gebebt. Diese reine allgemeine Bewegung, das absolute Flüssigwerden alles Bestehens ist aber das einfache Wesen des Selbstbewußtseins, die absolute Negativität, das reine Für-sich-sein, das hiemit an diesem Bewußtsein ist. PHÄNOMENOLOGIE DES GEISTES

Das flüssig Gewordene stellte sich als erworben, nicht substantiell heraus – formbar wie die äußere Welt, welche der Knecht auf Geheiß des Herren nun bearbeitet. Ihr Widerstand setzt sich nicht durch, und die Welt erscheint dem Knecht als unbeträchtlich infolgedessen. Die Herrn bleiben dagegen im Bann ihres Stolzes und seiner Verhältnisse – unfrei, da ihnen der Widerspruch versagt bleibt.

Die reine Negativität des Knechtes gelangt jedoch noch nicht zur Selbst-Bestimmung, bleibt unvollständig, indem sie nicht jenen Stolz negiert, der sie bestimmt.

Der Stoiker, der seine Gedanken beherrscht, ist noch nicht Herr ihres Inhalt, welcher sich fremden Einflüssen verdankt. Solcherart ist die Herausforderung aller rebellischen Freiheit, die sich am Stolz ihres Widerspiels aufrichtet

Das unglückliche Bewusstsein zersetzt die stoische Beziehung zur Welt in einen hysterischen Kampf mit dieser, der nicht gewinnbar ist, da ihn eine Überschätzung des Widerspiels beflügelt.

Wer eine Ordnung nur zurückweist, hat als ihr Kritiker doch einen Platz darin.

Alle Wege zur Freiheit, selbst die negativsten des unglücklichen Bewusstseins, kreisen um eine Möglichkeit, ohne sich ihrer zu bemächtigen. Sie wird wahr in der widersprüchlichen Beschränkung nicht mehr durch Fremdes, sondern durch einen selbst als positiver Ausdruck der Freiheit.

Erst wenn das fähige, begehrende Subjekt sich selber widerspricht, wird es final des Seinsgrunds inne und dadurch frei. Der Knecht verinnerlicht das Gebot des Herren und will spontan, was ihn beschränkt oder Regeln folgen lässt (kalt statt warm duschen).

Die Selbst-Beschränkung durch Fassen eines Planes wird zum positiven Ausdruck der Freiheit, die Hegel im Übergang vom Selbstbewusstsein zur Vernunft schafft. Selbstbewusstsein verharrt der Welt gegenüber, während Vernunft sich in ihr verwirklicht durch Aktualisierung ihres Widerspruchs.

Vernunft billigt die Form, welche die Welt annimmt, und fühlt sich frei kraft ihrer. Die Freiheit entspringt der Schranke, die jemand sich auferlegt. Nur das unfreie Subjekt erlebt diese Schranke als etwas, dessen sie sich entledigen möchte.


Je mehr wir das Allgemeine zurückweisen gegenüber dem Besondere, desto verhafteter bleibt es diesem. Sie sind unterschiedliche Seiten derselben Medaille. Der Weg zu echter Einmaligkeit aber führt nur über das Allgemeine. Es durchdenkend bis zum Ende, stoßen wir auf den Widerspruch als unhinterfragbaren Grund, indem wir ein Loch ausmachen in der Nahtlosigkeit. Kein Gemeinwesen kann es beispielsweise einrichten, dass jeder in ihm seinen Platz findet. Wer herausfällt, ist einmalig infolgedessen.

Das Allgemeine zerfällt in Besonderheiten, die es konstellieren. Das Einmalige ist der Teil, der nicht ins Mosaik passt, ohne dieses aber nicht herausgestellt werden könnte. Das Allgemeine artikuliert das Einmalige als seinen Widerspruch.

Die äußerste Freiheit besteht in der Tatsache, dass ein Subjekt sich selbst entgegentritt, also die nötige Negativität nicht außer sich erfährt, sondern spontan. Negativität stiftet Freiheit schließlich nur, wenn sie aus einem selbst kommt.

… die Idee hat um der Freiheit willen, die der Begriff in ihr erreicht, auch den härtesten Gegensatz in sich; ihre Ruhe besteht in der Sicherheit und Gewißheit, womit sie ihn ewig erzeugt und ewig überwindet und in ihm mit sich selbst zusammengeht. WISSENSCHAFT DER LOGIK II 549

Hegels Begriff der Freiheit erfordert von dem, der ihrer teilhaftig werden möchte, nur einen Einstellungswechsel: sich selbst gegenüber fremd zu werden.

Marx dagegen führt die Unbedingtheit wieder ein über eine ungebrochen positive Zukunft. Damit versklavt er den Menschen erneut, denn er entrückt ihm, worüber er verfügte, und rechtfertigt sein Opfer.

Bei Kierkegaard bleibt Gott vor der Entweihung durch seinen Tod am Kreuz verschont und residiert somit auf Kafkas Schloss, dessen Erreichen allein einen frei werden lassen kann. Hierin wähnt Kierkegaard im Gegensatz zu Hegels absolutem Wissen das Wahrzeichen der Freiheit.

Kierkegaard ersetzt den Herrn oder Zauberer von Oz durch Gott und verankert den Menschen im unglücklichen Bewußtsein. Vernunft und Erlösung durch Beschränkung zur Erfüllung des Widerspruches spielen keine Rolle mehr.

Das Subjekt ist frei durch sein Nichtwissen um Gott, der so zur Substanz wird. In Christus bekommt Gott nach Kierkegaard kein Unbewusstes.

Kierkegaards gibt dem Subjekt, nicht wie Hegel, etwas zu tun: den Sprung in den Glauben, zu einem unerschwinglichen Preis.

Der Rebell bewegt sich wie der Hofnarr oder moderne Künstler im Bannkreis der Herrschaft, ohne Lächerlichkeit durch Einmut zu riskieren. Seine hohe Meinung von ihr bleibt unversehrt. Er ist unfrei, ohne es zu merken, durch sein Schwelgen in Vorstellungen von Macht (statt Beschränkung). Daraus entsteht ein Mensch, dem es unmöglich ist, sich umzugestalten, bei gleichzeitiger oder dank Überzeugtheit seiner Radikalität. Echter Fortschritt besteht daher in der Überwindung des rebellischen Gestus hin zu einem befreiten Menschen dank Vernunft und ihrer Vermittlung des Widerspruchs.

Rebellion ist eine Strategie des Unbedingten, sich wieder einzuschleusen in die moderne Welt.