Nur was schwierig ist, macht uns frei – Hegels aufrührerische Spekulation zum Staat

Indem der Geist nichts will als frei sein und keinen anderen Zweck hat als seine Freiheit, so ist der Staat nun der Spiegel, worin er seine Freiheit als ein Wirkliches, als eine Welt vor sich hat. VORLESUNGEN ÜBER DIE PHILOSOPHIE DES GEISTES 263


Frei, würde man ja eher meinen, ist man dort, wo der Staat sich nicht einmischt. Aber diesen Bereich gäbe es gar nicht, höre ich Hegel sagen, wenn es den Staat nicht gäbe.


Der Staat selber ist Zwang, ganz klar. Dadurch entstehen aber auch die zwanglosen Gebiete, das Privatleben, die Berufs- und Niederlassungsfreiheit usf.


Hegel meint gar nicht mal, dass der Staat, wie wir ihn kennen, uns frei macht, sondern staatsähnliche Strukturen. Die Verbrecherwelt liefert manchmal so ein Negativ des Staates, zum Beispiel in der Serie SPORANOS oder in dem Gangsterfilm HEAT. Wichtig ist, dass es einen Kodex gibt, dem man sich willenlos unterwirft. Nur dadurch, signalisiert einem Hegel, wird man frei.


Also nicht etwa dadurch, dass einen jemand anerkennt oder respektiert. Das ist zwar nötig für die Freiheit, reicht aber nicht aus, um restlos frei zu werden.


Damit ich frei sein kann, muss es einen Zwang in meinem Leben geben. Etwas, das ich fertig bringe gegen meine Neigungen. Ich muss heißhungrig in einen Supermarkt gehen können, die Taschen voller Geld, und imstande sein, nichts zu kaufen – dann erst bin ich frei. Denn mein Wille ist dann in der Lage, auch den Widerspruch zu meistern.


Hegel redet ständig vom Widerspruch. Dass die Welt im Kern widersprüchlich sei, nicht aufgrund eines Fehlers, sondern essentiell: der Widerspruch sei das Wesen des Seins.


Nur, wer den Widerspruch in sein Leben zu bauen versteht, kann deswegen frei werden.


Meine intensivste Bekanntschaft mit dem Staat war die Wehrpflicht. Man konnte sich dem Kommando damals entziehen, indem man den Staat verließ, nach Westberlin zog. Man hatte dann keinen deutschen Pass mehr. Aus Sicht derjenigen, die in Westdeutschland blieben, wurden diejenigen, die nach Berlin auswichen, dadurch weniger frei – da sie ihre Staatsbürgerschaft verloren. (Ihre Unfreiheit war das Thema des Films HERR LEHMANN.)


Später gab es in Deutschland Terroristen, die eine Art Staat im Staat bildeten. Das unterschied sie von Kriminellen. Sie hatten einen Kodex, der sie ebenso frei machte wie die Bürger des Staates, dem sie den Rücken kehrten. Noch heute halten viele der Ex-Terroristen diesen Kodex ein, weil sie ihre Freiheit schätzen.


Der Staats-Gedanke ist IMHO der radikalste Hegels. Er hat damit zu tun, etwas Unangenehmes in seine Existenz zu binden, den Göttern des ewigen Widerspruchs so ein Opfer zu bringen, damit sie einen freier lassen.
Jede Form der Selbstschädigung hat ev. etwas von Hegels Staats-Gedanken, also z. B. auch das Rauchen, die Neigung sich den Körper zu ritzen oder die Magersucht.


Wer’s fassen kann, der fasse es.