WOVON MAN NICHT SPRECHEN KANN, DARÜBER MUSS MAN SCHWEIGEN …

So lautet der notorische Schlusssatz der Logisch-philosophischen Abhandlung – Wittgenstein bezieht sich damit auf Ethik, Ästhetik und Logik: Sinnvolle Aussagen lassen sich nur über die Welt treffen, nicht jedoch über das, was diese erschafft oder was in ihrem Kontext nahegelegt wird.

„Wenn etwas gut ist, so ist es auch göttlich“, schreibt Wittgenstein in seinen Vermischten Bemerkungen. „Damit ist seltsamerweise meine Ethik zusammengefasst. Nur das Übernatürliche kann das Übernatürliche ausdrücken.“

Seinen Tractatus hat er geschrieben, um dieses Übernatürliche negativ zu bestimmen: Es umfasst alles, was insofern eine Rolle spielt, als es im Tractatus nicht vorkommen kann. „Lass nur die Natur sprechen & über die Natur kenne nur ein höheres [sic!], aber nicht, was die anderen denken könnten.“

Die Absicht oder Strategie des Tractatus lässt sich besser nachvollziehen, wenn man sich ein existenzielles Feld vorstellt, das zwischen den Polen VERGEGENWÄRTIGUNG, SOLLEN und ANMUT angesiedelt ist; die Sprache aber beschränkt sich auf den Bereich der VERGEGENWÄRTIGUNG und kann daher weder Ethisches noch Ästhetisches betreffen.

Das gilt zumindest im Hinblick darauf, was Wittgenstein im Tractatus noch als „Sprache“ gelten lässt. Denn sein Tractatus kann gelesen werden als Parodie des wissenschaftlichen Weltbilds, dessen Zurückstufung seine Philosophie im Ganzen leisten soll. Der Tractatus kennt daher nur die logisch-wissenschaftliche „Sprache“ der Verdinglichung. Wittgenstein verleiht dem Begriff „Sprache“ später eine viel umfassendere Bedeutung, als es noch im Tractatus der Fall ist. Trotzdem ist es hilfreich, den im Tractatus postulierten Sprachbegriff nachzuvollziehen, da er anschaulich macht, was uns heute bestimmt und, wie Wittgenstein findet, zu entkernen droht.

Unter „Sprache“ wird (im Tractatus) ausschließlich die Abbildung der Wirklichkeit verstanden: Die Sprachbestandteile sind den Gegenständen, auf die sie sich beziehen, nicht willkürlich zugeordnet, sondern weisen Bildern gleich dieselbe innere Ordnung auf wie das, was sie vergegenwärtigen – kraft derer sie es abbilden.

Das Sprachverständnis des Tractatus ist immanent, indem es auf Strukturen fußt, die sich in der Materie wiederholen.

Konkret muss man sich das wie eine Fotografie oder eine Zeichnung vorstellen in Bezug zu dem Sachverhalt, welchen diese wiedergibt. Das Bild hat ebenso ein materielles Substrat wie die Tatsache, welche es gegebenenfalls bewahrheitet, indem es ihr gleich die Materie im Raum verteilt. Eine wahre Aussage ist ein Bild, dessen Anordnung sich in der Wirklichkeit wiederholt. Andernfalls ist sie falsch, jedoch nicht sinnlos, solange sie eine innere Ordnung aufweist, deren Wahrwerdung vorstellbar ist.

Denken besteht laut dem Tractatus im Anfertigen von Bildern der Wirklichkeit, die dann wahr oder falsch werden können. Ethische Aussagen sind in einer solchen Sprache sinnlos – weil sie von vornherein wahr sein müssten. Was jedoch nicht falsch werden kann, ist keine Vergegenwärtigung der Welt. Andere Aussagen gibt es – zumindest in der Welt des Tractatus – nicht.

Dasselbe gilt für ästhetische Aussagen – sie sind unmöglich, weil es die Anmut der Wirklichkeit ist, welche den Inhalt der Bilder von der Wirklichkeit, welche das Denken verfestigt, beglaubigt oder verwirft; sie kann nicht verdinglicht werden.

Damit erledigt sich auch das Problem des Solipsismus – einer der originellsten Befunde des Tractatus zu einem der zähesten Probleme der Philosophiegeschichte: Denn das „denkende, vorstellende, Subjekt gibt es nicht“ (Tractatus 5.631). Damit ist gemeint, dass unser Gemüt zwar voller Gedanken und Vorstellungen ist, diese Bilder aber nicht uns, sondern vielmehr der „Verdinglichung“ – als Spiegel der Wirklichkeit – angehören, und es daher nicht heißen muss „Ich denke, also bin ich“, sondern „Denken geht vor sich, also bin ich nicht“.

Jeder Mensch wird so seinen unverwechselbaren Satz an Bildern entwerfen und verwalten, die seine und nur seine Welt ausmachen, aber doch über den Sinn, welcher sie formt, mit der Wirklichkeit verbunden bleiben.

Die Verdinglichungssprache, welche der Tractatus thematisiert, ist jene der Wissenschaft, und es ist das Hauptanliegen des Textes, den Leser in die Lage zu versetzen, nachzuvollziehen, wie wenig kraft dieser Sprache gesagt werden kann, indem sie nur Tatsachen betrifft, nicht aber deren Anmut, oder was über sie hinaus zu tun oder zu lassen wäre.

Der Tractatus ist einer der fabelhaftesten philosophischen Texte überhaupt, ebenso rigoros wie witzig, vergleichbar einem aufgefächerten Koan. „Meine Sätze erläutern dadurch“, heißt es unter 6.54, „dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.“

Dieses Statement beinhaltet den Wink, dass der Tractatus idealerweise als Nachahmung herkömmlichen „Vergegenständlichungs“-Philosophierens gelesen werden sollte, dessen Wesen und Beschränktheit er mustergültig vor Augen führt. Zu wirklich bedeutenden Aspekten – meist ethischer oder ästhetischer Natur – kann auf diese planende, berechnende Weise nichts gesagt werden.

„6.4312 Die zeitliche Unsterblichkeit der Seele des Menschen, das heißt also ihr ewiges Fortleben nach dem Tode, ist nicht nur auf keine Weise verbürgt, sondern vor allem leistet diese Annahme gar nicht das, was man immer mit ihr erreichen wollte. Wird denn dadurch das Rätsel gelöst, dass ich ewig fortlebe? Ist denn dieses ewige Leben dann nicht ebenso rätselhaft wie das gegenwärtige? Die Lösung des Rätsels des Lebens in Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit. (Nicht Probleme der Naturwissenschaft sind ja zu lösen.)“

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