DIE ILLUSION DES FORTSCHRITTS

Wittgenstein will die herkömmliche Philosophie des Gegenständlichen und seiner Berechnung ersetzen durch eine Philosophie spontaner Bedeutung und Besinnlichkeit.

Die Philosophie der Berechnung entspringt der Auffassung, der Mensch stehe der Welt gegenüber und bediene sich seiner Vorstellung, um ihre Verhältnisse zu deuten und handzuhaben. Wittgenstein weist nach, dass unser Sein in der Welt nicht auf ihrer Vergegenwärtigung beruht, welche nur Abkömmling ist von etwas Einschneidenderem, Bedeutenderem, das Menschen und Welt zusammenfasst und unverfälscht erscheint in Gepflogenheiten und Sprache.

Keineswegs bestritten wird die Welt als Vorstellung, nur gelangen wir infolge solcher Vergegenwärtigung nicht zu dem, was Menschen und Sein wesenhaft ausmacht. Dieser Irrtum wachse seit der Renaissance, meint Wittgenstein, mit dem Gebäude der Wissenschaften, welche sachliche Verfahren und Instrumente entwickelten, um die Welt zu deuten. „Der ganzen modernen Weltanschauung“, schreibt er in der Logisch-philosophischen Abhandlung (auch bekannt als Tractatus), „liegt die Täuschung zugrunde, dass die sogenannten Naturgesetze die Erklärungen der Naturerscheinungen seien“ (6.371).

Was die Naturgesetzte erklären, ist nicht sehr umfangreich. Wohl liefern sie wirksame Mittel, aber keinen Zweck. „So bleiben sie bei den Naturgesetzen als bei etwas Unantastbarem stehen, wie die älteren bei Gott und dem Schicksal“, heißt es kritisch in der Logisch-philosophischen Abhandlung. „Und sie haben ja beide Recht [sic!], und Unrecht [sic!]. Die Alten sind allerdings insofern klarer, als sie einen klaren Abschluss anerkennen, während es bei dem neuen System scheinen soll, als sei alles erklärt“ (6.371).

Die Magie der Primitiven reklamiert nicht – wie unsere die Welt vergegenständlichenden Wissenschaften – die Erklärungsmacht für alles, was es gibt und geben wird. Der Glaube an die Allmacht der Naturgesetze, das Organon der Wissenschaften, ist so stark, dass er als absolut sicher gilt: Ihre Handhabung verbessert das Leben der Menschheit. „Unsere Zivilisation ist durch das Wort ‚Fortschritt‘ charakterisiert“, beklagt Wittgenstein in diesem Kontext in seinen Vermischten Bemerkungen. „Der Fortschritt ist ihre Form, nicht eine ihrer Eigenschaften, dass sie fortschreitet. Sie ist typisch aufbauend. Ihre Tätigkeit ist es, ein immer komplizierteres Gebilde zu konstruieren. Und auch die Klarheit dient doch immer nur dem Zweck und ist nicht Selbstzweck. Mir dagegen ist die Klarheit, die Durchsichtigkeit, Selbstzweck. Es interessiert mich nicht, ein Gebäude aufzuführen, sondern die Grundlage aller möglichen Gebäude durchsichtig vor mit zu haben. Mein Ziel ist also ein anderes als das der Wissenschaftler & meine Denkbewegung von der ihrigen verschieden.“

Wenn sich der Witz der Welt erschöpft in der wissenschaftlich-physischen Vergegenwärtigung ihrer Handhabungsmöglichkeiten, dann werden auch die Menschen zu nichts anderem als „Kräften“, die man ausbeuten, „Dingen“, die man bewältigen kann. Außerdem bleibt unter der Herrschaft des Fortschritts die Gegenwart grundsätzlich zurück hinter einer vorgestellten Zukunft, welche die grausamsten Opfer rechtfertigt.

Wissenschaft und Fortschritt schieben die Stimmungs- oder Sinn-Fragen der Menschheit, die immer hier und jetzt existieren, prinzipiell auf. „Ich könnte sagen“, schreibt Wittgenstein in den Vermischten Bemerkungen, „wenn der Ort, zu dem ich gelangen will, nur auf einer Leiter zu ersteigen wäre, gäbe ich es auf, dahin zu gelangen. Denn dort, wo ich wirklich hin muss, dort muss ich eigentlich schon sein. Was auf einer Leiter erreichbar ist, interessiert mich nicht.“

Die Leiter steht für Planung und Wissenschaft. Darüber hinaus bezieht sich Wittgenstein hier auf den Hintergrund oder das Feld, welches alles bereits einbinden muss, damit Bedeutung überhaupt stattfindet. Die Techniken der Wissenschaft sind einer von zahllosen Abkömmlingen dieses Grundes, welcher die Vergegenständlichung ermöglicht, durch deren Weiterungen jedoch zugedeckt zu werden droht.

Denn die Technik steht nicht nur zu Gebote, sondern wirkt zugleich stilbildend – in einem Maß, das wir Menschen bald oder vielleicht sogar heute schon nicht mehr außerhalb eines Zusammenhangs zu leben verstehen, der die Kräfte der Technik ebenso unverrückbar einbindet wie uns selbst. Unabhängig von Wissenschaft und Planung verfügten wir über keine Existenz und deswegen auch über keinen Halt mehr, um die modernen Verhältnisse, welche sich als Ganzes bewegen, noch zu beeinflussen.

Dass sie sich in eine vorteilhafte Richtung bewegen, in die wir sie sogar lenken, ist für Wittgenstein das fromme Wunschbild des Fortschritts. Sein Philosophieren bezweckt, den akuten Verläufen durch die Kritik ihrer inneren Voraussetzungen das Alleinrecht an Sein und Welt der Menschen zu entziehen, damit diese wieder zum pulsenden Ursprung ihres ganzen Lebens zurückgelangen.

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