Neuauflage des Universalienstreits

Im Universalien-Streit ging es darum, ob die Dinge ein Wesen an sich oder durch die Rolle haben, die sie spielen. Bin ich als Mensch mit einer Identität versehen und frei durch meine Einmaligkeit|Unverwechselbarkeit – oder als Teil eines Zusammenhangs, z. B. einer Sprachgemeinschaft, die erst meinem Wesen Inhalt gibt?

Die Gender-Philosophie z. B. hält dafür, dass es – letztlich – so viele Geschlechter wie Menschen gibt. Dass ein Mensch durch Eigenschaften, die er mit anderen teilen soll (z. B. das Geschlecht), etwas aufgezwungen bekommt, das keine Substanz hat.

Vielfalt ist aus dieser Sicht der Allgemeinheit überlegen. Geht dadurch aber, findet die Gegenposition, nicht auch etwas verloren? Wird das Problem der Bedeutung gar nicht gelöst, sondern nur beiseite geschoben? Warum sprechen wir z. B. dieselbe Sprache und verfassen unsere Gedanken nur in dieser, nicht jeder in seiner eigenen?

Freud stellte sich die Triebe als grundsätzlich zweigeteilt vor, obwohl er mit der Art und Weise, wie er ihre Dualität definierte, nie ganz zufrieden war. Die Freunde eilten zur Hilfe, um seine Theorie zu „verbessern“, indem sie die Triebe dermaßen vervielfältigten, dass jede Handlung, an der ein Subjekt beteiligt sein könnte, durch die Existenz eines separaten Triebs erklärt wurde. Wenn ich aufwache, folge ich meinem „Aufwach-Trieb“, dann dem „Gähn-Trieb“ – später dem „Treppe-runtergehen-“ und „Straße-überqueren-Trieb“.

Auch die Diversifizierung der Geschlechter vervielfältigt, statt zusammenzudenken. So wird weniger riskiert. 1+1+1 – bis ins Unendliche können die Geschlechter addiert werden. Die Einsen stehen für vollständige Einheiten, das + für ihre Beziehungslosigkeit. Das ist und war die Position der Nominalisten im Universalien-Streit.

Aber wie entstehen die Einheiten? Haben sie einen gemeinsamen oder einen unterschiedlichen, also im Grunde gar keinen Ursprung? Die realistische, der nominalistischen gegenüber stehende Position im Universalien-Streit, hält dafür, dass es etwas Objektives gibt, das die Einheiten hervorbringt oder einbettet, so mit Sinn versieht. Vergleichbar dem Bild, das in einem Mosaik erscheint und mit keinem seiner Steine identisch ist, sie aber bedeutend macht durch eine Rolle, welche sie in ihm spielen.

Die NATO ist ein Mosaik von Staaten, das seinen Mitgliedern eine bestimmte Bedeutung verleiht, die zustande kommt durch den Oberbegriff, nicht den Willen der einzelnen Teilnehmer. Trotzdem sollen sie die Quelle der NATO sein, ihr als unabhängige Einheiten vorausgehen. Aber zerfällt eine Bedeutung demzufolge in ihre Teile, hört also auf zu existieren, wenn ihre Bestandteile sich gegen sie entscheiden? Oder kommt sie dadurch nicht eher nur außer Mode, besteht also heimlich weiter?

 

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