Des Bogens Namen ist also Leben, sein Werk Tod. (Heraklit)

Das Leben endet mit dem Tod, klar. Aber Heraklit sagt, des Lebens WERK sei der Tod. Man muss also auch noch was dafür tun. Sich umbringen? Selbstmord ist kein “Werk”. Ich hole Freud zur Hilfe: „Wenn also alle organischen Triebe konservativ, historisch erworben und auf Regression, Wiederherstellung von Früherem, gerichtet sind, so müssen wir die Erfolge der organischen Entwicklung auf die Rechnung äußerer, störender und ablenkender Einflüsse setzten.“ Heraklits “Werk” heißt bei Freud “Erfolge der organischen Entwicklung”, also die Karriere, welche die Welt und jeder Mensch im Besonderen macht. Sie verdankt sich, wenn ich Freud richtig verstehe, irgendwelchen Störungen. Leben, Entwicklung überhaupt verdankt sich ‘ablenkenden Einflüssen’. Wovon aber wird abgelenkt? Woanders schreibt Freud: „Der konservativen Natur der Triebe widerspräche es, wenn das Ziel des Lebens ein noch nie zuvor erreichter Zustand wäre. (…). Wenn wir es als ausnahmslose Erfahrung annehmen dürfen, dass alles Lebende aus inneren Gründen stirbt, ins Anorganische zurückkehrt, so können wir nur sagen: Das Ziel alles Lebens ist der Tod, und zurückgreifend: Das Leblose war früher da als das Lebende.“ Hierzu passt auch Anaximanders “Woher die Dinge ihre Entstehung haben, dahin müssen sie auch zugrunde gehen nach der Notwendigkeit; denn sie müssen Buße zahlen und für ihre Ungerechtigkeiten gerichtet werden gemäß der Ordnung der Zeit.” Es gibt also gar keinen Fortschritt? Nicht nach den vorsokratischen Philosophen. Warum leben wir dann aber, werden geboren? Um uns, so muss man Heraklit deuten, den Tod zu erarbeiten. “Du musst wissen, dass mit allem auf der Welt ein Ende hat, wenn es gut ist”, steht im Traum der Roten Kammer. “Was kein Ende hat, ist nicht gut. Und was gut sein soll, muss ein Ende nehmen.” Wir kriegen nach dieser Auffassung die Ewigkeit zu fassen, indem wir mit unserem Tun (“Werken”) ein Ende anbahnen. Das ist nun wiederum die Pointe der Spannungsdramaturgie: jeder Moment einer gelungenen Geschichte muss beitragen zu ihrem Ende, wird erst dadurch bedeutend. Ist dies aber vielleicht die einzige echte Bedeutung, die wir erleben können. Wie ist es mit den Leute, die’s auf eine besser Zukunft anlegen? Ist ihr Leben erfüllter? Sind ihre emanzipatorischen Geschichten, in denen es immer weiter geht, besser? Ich bezweifle es, weil die versprochene Zukunft nie richtig eintritt, das Ende mit Sicherheit – und dadurch zuverlässiger vermittelt, was uns unsterblich macht.

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