Hölle der Wahlfreiheit

Ein Sandwichladen als Sinnbild einer Gesellschaft, in der scheinbar grenzenlose Wahlmöglichkeiten zur dauernden Entscheidungsverpflichtung werden und Freiheit sich als subtiler, ermüdender Zwang zur Selbstkonfiguration entpuppt.

Hanns Scharff zwischen Kriegsvernehmung und Mosaikkunst

Der Text zeigt, dass das FBI heute aus der Forschung zu Hanns Scharffs Luftwaffen-Praxis lernt, dass respektvolle, vorbereitete Gesprächsführung mit gezielter Irreführung oft mehr und verlässlichere Informationen liefert als Druck oder Gewalt.

Zwischen Rechts und Links steht kein Engel

Zwischen den politischen Fronten wirkt dieselbe unersättliche innere Stimme, die uns mal zur Enthemmung, mal zur Zucht antreibt und erst dort ihre Macht verliert, wo wir beginnen, ihr Drängen zu hören, ohne ihm zu folgen.

Die Grenzen der KI

Die KI kann alle Perspektiven auf Geschichte und Existenz gleichzeitig einnehmen, aber nicht jenen Punkt erreichen, an dem sie konvergieren – den Leib, Merleau-Pontys „Nullpunkt aller Orientierung“, aus dem heraus Bedeutung überhaupt erst entsteht und ohne den, wie Husserl zeigt, keine „Sinngenesis“ möglich ist.

Präsenz ohne Innenraum

Wittgenstein zeigt, dass der psychische Innenraum keine ursprüngliche Gegebenheit ist, sondern eine grammatische Konstruktion, die erst entsteht, wo unmittelbare Lebenspraxis durch Reflexion unterbrochen wird – das Ich entspringt nicht aus Tiefe, sondern aus Verzögerung.

Der Aufstieg und die Lehren der amerikanischen Techno-Nationalisten

Silicon Valley soll eine techno-nationalistische Elite werden, aber im Gegensatz zu Amerikas erstem Eastern Establishment (das durch den Bürgerkrieg geschmiedet wurde und durch politische Koalitionen, wirtschaftliche Interessen, Heiratsverbindungen, gemeinsame Institutionen und eine klare moralische Vision über 70 Jahre die Nation prägte) bietet es keine konkreten Mechanismen, keine reproduktive Strategie und vor allem keine substantiellen Antworten auf die Frage bieten, welche Werte und welches „gute Leben“ diese neue Elite eigentlich vertreten soll.

Der globale Anstieg des Single-Leben

Immer mehr Menschen bleiben allein, leben ohne Partner oder verzichten auf feste Beziehungen und Sex – mit weitreichenden sozialen, wirtschaftlichen und demografischen Folgen.

Warum wir das Klima nicht erzählen können

In einer radikal veränderten Welt, in der der Meeresspiegel die Sundarbans verschlungen und Metropolen wie Kolkata, New York und Bangkok unbewohnbar gemacht hat, werden sich die Menschen der Zukunft, wenn sie sich der Kunst und Literatur unserer Zeit zuwenden, nicht zuerst und mit größter Dringlichkeit fragen, wo in diesen Werken die Zeichen jener veränderten Welt aufscheinen, die sie geerbt haben? Und wenn sie solche Spuren nicht finden – was bleibt ihnen dann anderes, als zu schließen, dass unsere Epoche eine war, in der Kunst und Literatur sich überwiegend in Formen der Verhüllung einrichteten, die den Blick auf die Wirklichkeit der eigenen Gefährdung verdeckten? Gut möglich also, dass gerade diese Zeit, die so sehr von ihrem Selbstbewusstsein überzeugt ist, einst als das Zeitalter der Großen Verwirrung in Erinnerung bleiben wird.

Unwille zu bleiben

„Are we doomed?“ fragt David Runciman – London Review of Books Vol. 47 No. 21 · 20 November 2025 – Der moderne Mensch stirbt nicht an Katastrophen, sondern an seiner eigenen Bequemlichkeit, dem Überfluss an Möglichkeiten und dem schwindenden Willen, sich fortzupflanzen.

Donne ch’avete intelletto d’amore

In Donne ch’avete intelletto d’amore wandelt Dante die Liebeslyrik des dolce stil novo zur feierlichen Lobdichtung um, richtet sich an Frauen, die das Wesen der Liebe verstehen, und begründet damit eine neue, von Guido Guinizzelli inspirierte Form poetischer Erhebung, in der das Loben selbst zum Ausdruck göttlicher Erkenntnis wird.

Penetranz der negativen Reste

Je weniger echte Laster und Gefahren bleiben, desto empfindlicher reagieren wir auf ihre Reste – und verwandeln selbst den harmlosen Schluck Cola in ein gesellschaftliches Bekenntnis.

Ein Streifzug durch die Apparate der Gnade

Evangelikale Politik mobilisiert kurzfristig über Ereignisse, doch die katholische Verwaltungskultur übersetzt Glauben verlässlich in Verfahren—und politisch setzt sich am Ende jene Seite durch, die Strukturen und Verfahrensschutz beherrscht.

Die Glockenrede

In GARGANTUE UND PANTAGRUEL verspottet Rabelais mit der grotesk-gelehrten „Glockenrede“ eines Pariser Magisters die hohle Scholastik, als dieser vergeblich die Rückgabe der von Gargantua gestohlenen Glocken von Notre-Dame fordert.

Von der Kreativität

Ursprung, Tat und Gerinnung bleiben nur dann lebendig, wenn Theorie, Institutionen, Kapital und KI nicht als Quellen missverstanden werden, sondern als Werkzeuge, während Schöpfung letztlich Mut, Freiraum und Liebe braucht.

Wieso das Christentum zur Weltreligion werden konnte – und warum seine Heilszeitenlehren bis heute wirken

Das Christentum wurde in einer von Ungleichheit und Sinnkrisen geprägten Epoche zur Weltreligion, weil es als narrative „kostenlose Hoffnung“ soziale Blockaden in Verheißung verwandelte – eine Dynamik, die sich in der modernen Heilszeitenlehre fortsetzt, indem sie enttäuschten Gesellschaftsschichten eine Rolle im göttlichen Geschichtsplan zuschreibt.