Anti | Ödipus

Kritik an der Psychoanalyse entzündet sich am Begriff des Begehrens. Die Psychoanalyse meint, dass Begehren Ausdruck eines unbehebbaren Mangels, eines „Lochs in der Seele“ ist – ihre Kritiker dagegen deuten das Begehren als Hinweis echter Möglichkeiten im Hier und Jetzt. Der Psychoanalytiker könnte etwa sagen, dass Rauchen einsteht für etwas sonst nicht zu Habendes, sein Kritiker dagegen den Genuss in der Praxis betonen. Die finstereren Psychoanalytiker geben diesen Genuss sogar zu, weisen aber darauf hin, dass er eben doch noch nicht ans Ziel kommt, das immer darin besteht, zu sterben.

In der Psychoanalyse dreht sich das angeblich Unmögliche entweder um den Leib der Mutter, der eben nicht die ganze Zeit zur Verfügung steht, oder – in einer verwandten, doch etwas anders gerichteten Grundannahme – um den eigentlichen Wunsch zu sterben. Die Spekulationen um den Todestrieb geraten immer mehr in Front, etwa auch angesichts des aufrührerischen öffentlichen Verhaltens in brenzligen Situationen. Die Unterstellung ist, dass wir alles, was wir unheimlich gerne tun – Fressen, Saufen, Ehebrechen, Provozieren, Zutodehungern usf. – eigentlich tun, um uns umzubringen. Dass wir, genauer besehen, überhaupt alles, das uns etwas bedeutet auf dieser Welt, tun, um mehr oder weniger daran zu sterben.

Die radikale Anti-Psychoanalyse schlägt dagegen vor, die heftigen Ausschläge des Menschen nicht als Weglaufen, sondern Voranstürmen zu deuten in bisher uneroberte Gefilde des Genießens.

Entsprechend unterschiedlich die Rezepte, zu deren Veranschaulichung sich mir als Sinnbild wieder das Rauchen aufdrängt. Die Psychoanalyse arbeitet daran, die Zigaretten mit Filtern auszustatten, ihre Kritiker dagegen ermutigen zum Umstieg auf Selbstgedrehte. Der Verzicht aufs Rauchen überhaupt würde wohl von beiden Parteien als „Kastration“ gedeutet.

Ist nun was dran – an der einen oder anderen Richtung? Isst man beispielsweise deswegen so gerne Schundfraß, weil man weiß, dass er einen umbringt? Sollte mich jedenfalls wundern, wenn Schnellimbisse einmal Gewinn machen würde mit Produkten, die das Leben verlängern. Sie haben’s ja öfters versucht, aber die Kunden verlangen was anderes, scheint mir.

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