Würzburg

Wenn ich heute auf meinem Kassettenrekorder ältere Musik höre, muss ich an meine Studentenzeit in Würzburg damals denken, wo ich sie aufgenommen habe. Ich lebte in einem kleinen Zimmer von 10 qm, wo ich die meiste Zeit über Kafka und Broch schwitzte. In der Universität hatten wir Fußbodenbeläge aus Kunstfaser, die Strom zuweilen durch den Körper in die Eisenregale leiteten. Im Sommer konnte ich es kaum in dem kleinen Zimmer aushalten. Ich ging dann zur Festung hoch, um eine bißchen im grünen Rasen zu sitzen, immer in der Hoffnung, vielleicht jemand kennen zu lernen.

Ein eigenartiges Verhältnis hatte ich zu Renate, die – wie ihr Name klang – sehr sinnlich aussah („gut proportioniert“), aber auch ihr sprachloses Unglück umher trug. Ich wusste nie, was ich von ihr zu halten hatte; ob „ja“ oder „nein“, und dazu noch war ich idiotisch jung.

Das Gebäude der neuen Universität war sehr viel aus Glas gebaut. Im Winter warfen die riesigen Fensterfronten ein weiches Licht auf den abendlichen Schnee. Ich blickte in der sicheren Wärme auf das Flockentreiben und durch es auf die Bushaltestelle – meine rotes Plastikköfferchen auf den Knien. Dann fuhr ich zur Mensa, wo es billiges und durch kalkulierten Hunger (den ganzen Tag in der Bibliothek!) wohltuendes Essen gab. Zu wundersamen Begegnungen kam es nie. Nie zu aufregenden Bekanntschaften. Es war auch zum Verzweifeln.

Im Sommerabend lag die Stadt wie eine Modelleisenbahnlandschaft unter uns – ein schöner Anblick, der manchens Aufmerksamkeit erregte.

Die Tage in Würzburg gewinnen durch die Erinnerung neue Qualitäten. Wie wenn mein Leben einen Teil seiner Kräfte dort nicht nur ausgegeben, sondern auch gewonnen hätte.

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