Über den Bergen Kabuls

Als ich in Kabul weilte, lernte ich eine mir bisher unbekannte Inkarnation des bösen Omens kennen – in den Hügeln über Stadt. Diese liegt wie Sarajewo in einem Kessel, von dessen Rand Bürgerkriegsparteien in sie hinein schießen konnten. Für die Bewohner war diese Zeit ein Alptraum. Man wusste nie, sagte mir einer meiner Studenten, ob man von Einkaufen lebendig nach Hause zurück kam. Unberechenbar, böse sirrend schlugen die Garanten ein, ohne besonderes Ziel, nur um die Bürger, die im falschen Stadtviertel wohnten, zu demoralisieren. Ich fuhr am Sonntag mit einem befreundeten Journalisten hoch in die ehemaligen Stellungen. Die ansteigenden Lehmstraßen waren gesäumt von niedrigen Häusern, um welche die Kinder spielten mit kleinen Plastikwaffen. Manche von ihnen seien, meinte mein Begleiter, infolgedessen schon von der einen oder anderen verwirrten US-Patrouille erschossen worden. Aber das Ballerspiel ging lustig weiter. Die Stellen, an denen die Granatwerfer gestanden hatten, waren leer. Von hier überblickte man die hingewürftelte Stadt unter kobaltblauem Himmel. Metallene Patronenhülsen lagen ringsum, große und kleine. Ich bückte mich nach einer von ihnen und wollte sie einstecken. Als Souvenir. Mein Begleiter, ein erfahrener Kriegsberichterstatter, schaut mich irritiert an. Er riet mir, die Hülse wieder unter die anderen zu werfen. Ein solches Erinnerungsstück bringe schweres Unglück, de facto seien Kollegen dadurch noch daheim zu Tode gekommen, indem sie Sprengmittelreste in der Hülle übersehen hätten. Unter Kriegsberichterstattern, lernte ich an diesem Tag, sind Mitbringsel vom Ort der Geschehens tabu.

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