DIE PUSZTA Kapitel 2 – Die Seele der Landschaft. Die Heimat der Puszta-Bewohner. Mein Geburtsort.

Zitat 1: „Wenn ich an meine Heimat denke, so sehe ich auch ein kleines Haus vor mir. Ich erinnere mich nur an das Haus, an die zwei Zimmerchen und an die dazwischen liegende Küche mit dem Lehmboden. Der Hof des Hauses reichte so weit wie der Blick. Kaum daß es mir das erstemal gelang, das schier unüberwindlich erscheinende Hindernis der ausgetretenen Schwelle zu überwinden, erstreckte sich vor meinen unsicheren Schritten sofort die unendliche Welt. Das Haus stand auf einem Hügel, unten im Tal erschien das immer gleiche Bild der Puszta: rechts in einem Gebäudeblock mit der Schmiede- und Wagnerwerkstätte die Wohnungen des Beschließers, des ersten Ochsentreibers, des Maurers und des Wagners; links in Reihen die langgestreckten Gesindehäuser, zwischen uralten Bäumen das Schloß und die Inspektorwohnung; gegenüber die Remise dann auf einer kleinen Anhöhe der Kornspeicher und der Ochsenstall. Rundherum die große Weite der Felder und, kaum sichtbar in der Ferne verstreut, die weißen Flecken der Dörfer.“

Zitat 2: „Während Westungarn zur Zeit der Kuruczenkriege eher zu den Kaiserlichen neigte und auch in dem Jahr der Freiheitskämpfe 1848-49 immer zur Vorsicht mahnte, vertrat meine engere Heimat stets den Geist des Wagemuts und der Auflehnung. Der silberblinkende Lauf der Flüsse Sio- Sarviz, von der Donau bis zum Balaton-See, erglänzte wie ein kampfbereites Schwert, so oft die Frühlingsstürme der Freiheit brausten. So lautet die übliche Redensart. In Wirklichkeit verhält es sich aber anders, es wurde gekämpft, so oft sich zum Blutvergießen, zur Entladung unterdrückter Gefühle, zur Rache und weiß Gott aus welchen Gründen Gelegenheit bot. Noch heute steckt an Sonntagen das feststehende Messer im Stiefelschaft, denn sogar zum Tanz wird diese Waffe mitgenommen. Selbst in zwei Abwandlungen eines unserer landläufigen Sprichwörter drückt sich dieser Brauch aus. Einmal »Das Messer ist auch in der Kirche gut«, und dann: »Der Ungar tritt ohne Messer nicht einmal zur Hintertür hinaus.« – Ich wollte eigentlich vom Grenzgebiet der Puszta, den Dörfern, sprechen. Wenn ich dies tue, so ist es schon um der Vollständigkeit willen unerläßlich, dieses Thema anzuschneiden, denn jedes Dorf hat seine eigene, charakteristische Art der Rauferei. Die Männer aus Palfalva stachen nur nach dem Kopf des Gegners; die aus Simontornya verstummten, sobald die Rauferei begann, und erledigten die Stecherei in fast weihevoller Stille, als ob es sich um einen Ritus handle. Das System der Ozoraer legte Zeugnis ab von genauen anatomischen Kenntnissen: sie stachen in den Hals des Gegners, genau in die Schlagader. In den Bauch und im allgemeinen in Körperteile unter der Brust stachen sie nie, eine Sitte, die man fast als arteigen bezeichnen könnte, denn es gibt auch Völker, die es besonders auf den Magen abgesehen haben. Der Grund hierfür liegt in der Art, wie das Messer gehalten wird: nämlich in der Faust, wobei der Daumen auf den Messerschaft gepreßt wird, wie mir schon als kleiner Junge meine Kameraden beim Gänsehüten genau erklärt und beigebracht haben. Mit diesem Griff kann man nur von oben nach unten ste- stechen. In Racegres war neben dem Messer auch das Jocheisen sehr behebt, eine ungefähr einen halben Meter lange Eisenstange mit einem kindfaustgroßen Knopf am einen Ende, die wie eine Keule entweder als Schlag- oder als Wurfwaffe verwendet wurde. Alle diese Einzelheiten sind bemerkenswert, um die Sitten, die ja durch die seelische Verfassung eines Volkes bedingt sind, zu erkennen. Sie sind auch mir eigen.“

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