DIE PUSZTA Kapitel 1 – Allgemeine Orientierung. Die Puszta in Westungarn. Das Seelenleben der Puszta-Bewohner.

Zitat 1: Bei dem Wort »Puszta« denkt man an die unendlichen Weiten der ungarischen Steppe und an die Weidegründe mit ihren Herden, Hirten und Ziehbrunnen. In Westungarn jedoch, wo es keine Steppen gibt, bedeutet »Puszta« eine dorfartige Anhäufung von Gesindewohnungen, Stallungen, Remisen und Getreidespeichern, die, im Gegensatz zu einem Hof, auf dem ein bis zwei Familien leben, hundert und zweihundert Familien unter ihren Dächern beherbergt. Auf solch einer Puszta bin ich geboren.

Zitat 2: Ausländer, die Ungarn bereisten und die ich über ihre Ansicht befragte, meinten, das einfache, ackerbautreibende ungarische Volk sei ein untertäniges, stilles, dienerndes, sofort strammstehendes und eben deshalb etwas unterdrücktes Völkchen, dem man auch eine gewisse Verschlagenheit nicht absprechen könne. Diese Charakteristik traf mich unerwartet, bestürzte mich und trieb mir die Röte ins Gesicht. Es stellte sich dann heraus, daß sie alle die geradezu sprichwörtliche Gastfreundschaft der Schlösser und ihrer Herren genossen, das Volk in der Nähe der Schlösser beobachtet und die Bekanntschaft mit einer Schicht des Ungartums gemacht hatten, die ich sowohl hinsichtlich ihrer Vorzüge als auch ihrer Schwächen gründlich kenne. – Nichts liegt den Pusztabewohnern ferner, als das stolze »Aufsichhalten«, das nach weitverbreiteter Meinung eine wesentliche Charaktereigenschaft unserer Rasse ist und das in jedem ungarischen Bauern steckt. Das Volk der Puszta — ich weiß es aus eigener Erfahrung — ist ein Dienervolk. Es ist untertänig, aber nicht aus Berechnung oder Überlegung. Sein Blick sowie sein ganzes Wesen drücken diese Geistesverfassung aus, als Beweis dafür, daß es sich um eine seit Jahrtausenden durch Vererbung fest verankerte Eigenschaft handelt. Die neueste Theorie über den Ursprung der Ungarn wirkte auf mich im Zusammenhang mit dem eben Gesagten wie eine wahre Erleuchtung. Danach kamen die Ungarn nicht mit Arpad, sondern als die bescheidenen Gepäckträger und Treiber eines Attila, wenn nicht schon vor dessen Zeit, ins Land. Jedenfalls konnten sie es ihrer stillen Unterwürfigkeit verdanken, daß man sie weder mit den Hunnen, noch mit den Awaren zusammen totgeschlagen oder vertrieben hat. Sie dienten nacheinander und abwechselnd den Hunnen, den Awaren und Franken oder einem anderen Herrschervolk, das sich ihrer eben bemächtigte, so zuletzt den stolzen turkmenischen Kriegern des Arpad, mit denen sie, bei Wahrung ihrer klangvollen ugrischen Sprache, endlich zu einem Staatsgebilde verschmolzen. – Zweifelsohne paßt alles, was man Gutes und Schönes über einen Diener sagen kann, haargenau auf das Volk der Puszta, das in seiner Sprache, in seinen Sitten und Gesichtszügen im ganzen Land fast unverfälscht die uralten Formen einer Rasse bewahrt. Es hat sich nie durch Heirat mit Angehörigen anderer Völker, ja nicht einmal mit den Dorfbewohnern gemischt, hauptsächlich darum, weil Außenstehende keine Ehe mit einem Pusztabewohner eingehen wollten. Sie sind bedürfnislos und so folgsam, daß man ihnen nicht einmal mehr zu befehlen braucht, denn sie spüren gewissermaßen durch Telepathie jeden Gedanken ihres Herrn und führen den Wunsch sogleich aus, wie es ein guter Diener vermag, dessen Vater, Mutter, Großvater und sämtliche Ahnen auf derselben Scholle denselben Herren gedient haben. Instinktiv kennt er die Gebräuche des Hauses, ist immer dienstbereit, um nach vollbrachter Arbeit auf einen Blick hin aus dem Zimmer ebenso wie aus dem Leben oder der Geschichte zu verschwinden. Selbst das geheime Wahlrecht zum Beispiel würde bestimmt keine Überraschungen bringen, denn es gibt für sie nichts Geheimes, es sei denn den geheimen Befehl, Wunsch oder Rat ihres Herrn, selbst wenn dieser aus weiter Ferne, sagen wir aus Paris, herkäme. Sie werden ihm auch in Zukunft folgen, wie sie es fast immer in der Vergangenheit getan haben. Denn hätten sie es nicht getan, so wären sie heute nicht hier und wären auch keine Diener mehr. Zu jeder Handlung muß man sie zwar anspornen, dies steht jedoch nicht im Widerspruch zu ihrem instinktiven Gehorsamkeitsgefühl. Ist es nicht gerade das Charakteristische einer Volksschicht, aus Widersprüchen zusammengesetzt zu sein? Darum können wir sie im ersten Augenblick auch nicht verstehen, und darum müssen wir ihr Wesen von allen Seiten beleuchten. Der wirkliche Diener ist nur in großen Dingen gehorsam. Der Arm ist vielleicht träge, aber die Seele unterwirft sich demütig.

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