DIE PUSZTA Kapitel 17 – Der „Appell“. Die Puszta verlassen. Pusztaleute in den Dörfern.

Zitat 1: Das große Ereignis in der Wüstenei des Alltags, der alles aufwühlende festliche Wendetag des Jahres war der Vorabend von Allerheiligen, der 31. Oktober. Dies war der Tag, an dem die Gutsverwaltung dem Gesinde verkündete, wer weiterdienen konnte und wer zu Neujahr entlassen würde. Am gleichen Tag wurden auch die neuen Leute verpflichtet. Es war der Tag des »Appells«, mit dem Galgenhumor der Puszta der Tag des Hosenbodenzitterns genannt. Der Termin des Umzugs wurde später gesetzlich auf den 1. April verlegt, da die schlechten winterlichen Wegeverhältnisse den Transport zu sehr erschwerten.
Frühmorgens versammelte sich, nach Rangstufen geordnet, frisch rasiert und im Sonntagsanzug, ein Espenwald von zitternden Seelen vor der Verwaltungskanzlei. Vorne standen die Handwerker: unter Führung des Obermaschinisten die Schmiede und Heizer; dann der Wagner mit seinen Gehilfen; weiter die Herrschaftskutscher, der Beschließer, die Aufseher der Kutscher und Ochsentreiber, ein jeder mit seiner Gefolgschaft, dann die Schäfer, Rinder- und Pferdehirten, die Wächter, die Schweinehirten, und ganz zuletzt der Schweinehirt, der die Herde des Gesindes hütete und dessen Deputat von den Bezügen der Dienstleute abgezogen wurde. Wie bei jeder Truppenschau herrschte auch hier Stille. Wer konnte wissen, was ihm die nächsten Stunden bringen würden? Die Männer traten blaß, als gelte es einen Zweikampf, in die Kanzlei ein, zuweilen hörte man einen Klagelaut, wenn jemand um Erbarmen flehte.
Zuerst traten die Aufseher vor die Allmächtigen, und wenn sie die Prüfung heil überstanden hatten, stellten sie sich sofort auf die Seite der Richter und nahmen in den meisten Fällen als Ankläger an der Überprüfung ihrer Untergebenen teil.
Das Auftreten der Dienstleute war kurz wie jede dramatische Szene. Der Dialog begann nach althergebrachter Sitte mit folgendem Satz: »Wenn ich und meine Ehre gefallen, so ist es meine Absicht zu bleiben.« Der Dienstbote stand dabei in strammer Haltung vor einem langen Tisch, hinter dem wie ein Gerichtshof die Verwaltungsbeamten Platz genommen hatten, an ihrer Spitze der Domänendirektor, der meist eigens für diese Gelegenheit auf der Puszta erschien. Die Beamten berieten sich kurz, jeder sagte seine Meinung, ob gut oder schlecht. Dann erhielt der Angestellte Ratschläge und Ermahnungen für die Zukunft, die er leichten Herzens anhörte, da er nun schon wußte, daß sein Bleiben gesichert war. Lob war aus pädagogischen Gründen nicht üblich.
Wem aber stillschweigend das Dienstbuch überreicht wurde, dessen Schicksal war besiegelt. Die Geste sagte alles. Da gab es auch keine herkömmliche Redewendung als Antwort, und das seinem Schicksal überlassene Opfer blickte mit bebenden Lippen, nach Worten suchend, verlegen zu Boden. »Ich habe sieben Kinder, Euer Wohlgeboren«, stammelte er endlich. Keine Antwort. Höchstens, daß ihm der Aufseher, der gleich einem Gefängniswärter doch noch eine Art von Gemeinschaftssinn besaß, sagte: »Warum hast du dich nicht anständig benommen?« Der Delinquent wiederholte noch ein paarmal seine Einwendungen und wandte sich dann, nach einer energischen Aufforderung, jammernd, wortlos oder mit einem unterdrückten Fluch zur Türe. Seine Haltung war, wie auf der Richtstätte, von seinem Nervenzustand abhängig. Der Entlassene begab sich sofort auf Stellungssuche nach den Pusztas der Umgebung. Was geschah, wenn er keine fand? Das weiß selbst der Autor nicht. Vielleicht löste er sich in Luft auf —-jedenfalls verschwand er von der Puszta.

Zitat 2: In Paris fand sich der Fremde leichter zurecht als in Cece. Der Ort Cece war nämlich ursprünglich eine Siedlung freier Kleinadeüger, deren ausgedehnte Grundstücke mit der Zeit durch die Erben auf geteilt und planlos bebaut worden waren. Wenn die Brüder oder die Schwäger sich gut standen, so bauten sie ihre Häuser mit einander zugewandter Front. Lagen sie dagegen im Streit miteinander, so kehrten die Häuser sich den Rücken. Eine derartige fünfhundert Jahre geübte Städteplanung brachte es mit sich, daß der Nachkomme eines Steppenvolkes nach einem feuchtfröhlichen Schlachtfest und nach stundenlanger Wanderung in der Nacht mit saftigen Flüchen feststellen mußte, daß sein Haus unauffindbar war. In diesem labyrinthartigen, aber eben deshalb warmen und lebenspendenden Haufen zusammengeschachtelter Häuser und Höfe lebten die Nachkommen von drei bis vier calvinischen Familien, die sich, ihrem eigenen Gesetz folgend, immer mehr ausbreiteten.

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