DIE PUSZTA Kapitel 18 – Zukunft des Puszta-Volkes. Häusler.

Zitat 1: Einst beschäftigten sich die Gutsverwaltungen wenig mit der Frage der Kinderzahl der Gesindefamilien. Kinderreiche Eltern waren ihnen eher lieber, denn je mehr Kinder sich auf einer Puszta befanden, desto größer war auch die Zahl der sofort im Tagelohn greifbaren, billigen Arbeitskräfte. Neuerdings hat sich auch dies geändert, denn Kinder verursachen auch der Gutsverwaltung allerhand Schwierigkeiten, Sorgen und vor allem Kosten. Dem Pächter von P. waren die Erhaltungskosten der unter dem Gutspatronat stehenden Schule zu hoch, er überwarf sich mit dem Lehrer und entschloß sich, den Schulbetrieb einzustellen. Er tat es auf die einfachste Art, indem er nur kinderlose Dienstleute einstellte, und nach mehrjährigen Bemühungen gelang es ihm auch tatsächlich zu erreichen, daß die Schule mangels Schülern geschlossen werden mußte. »Wozu diese vielen Kinder?« war seine beliebte Redensart. Wozu denn auch? Von den vier Kindern des Kutscherehepaares konnte ja sowieso höchstens nur eines auf der Puszta bleiben.
Die vertriebenen Dienstleute fristeten ihr Leben im nächstgelegenen Dorf und warteten auf die rufende Stimme, die ihnen, wenn auch nicht auf längere Zeit, so doch wenigstens auf ein bis zwei Wochen oder Monate Arbeit auf der Puszta geben sollte. Was hätten sie auch sonst tun sollen, da sie sich auf nichts anderes verstanden? Was hätte ein Ochsentreiber in der Fremde mit seinen Kenntnissen anfangen können? Facharbeiter oder Handwerker entstammten nie ihrer Reihe, weil die Lehrlingszeit Geld kostete. Die Kinder konnten in der Lehrlingszeit nichts verdienen, während sie zu Hause vom zehnten Lebensjahr an — wenn überhaupt — als Tagelöhner Beschäftigung finden konnten. Tagelöhner brauchten aber ausschließlich die Gutsverwaltungen. Mit bangen Augen starrten sie also jahrein, jahraus nach den Pusztas, wo die Mechanisierung des Betriebes immer mehr Dienstleute überflüssig machte. Am Schauplatz der Ereignisse dieses Buches lag ein Dorf, dessen Gemarkung sich über 5600 Morgen streckte, auf denen 4200 Menschen vom »Ackerbau« lebten.
In Kanada verrichteten auf einer Fläche von hunderttausend Morgen einige Dutzend Angestellte mit Hilfe der nötigen Maschinen sämtliche Landarbeiten vom Säen bis zur Ernte. Gesinde brauchte man dort überhaupt nicht. Ist das die Zukunft, die den ungarischen Bauern erwartet? Wenn das Prinzip der Wirtschaftlichkeit der Produktion über das rein menschliche Problem siegt, so werden sich auch die ungarischen Pusztas entvölkern. Die Großgüter werden sich wie jede Fabrik, jedes Finanz- oder geschäftliche Unternehmen ausschließlich auf den »Gewinn« einstellen. Es gibt Domänen, die ihren ausschließlich auf Erzeugung von Körnerfrüchten eingestellten landwirtschaftlichen Betrieb umstellen auf intensive Milchwirtschaft und Schweinemast. Anfangs, bis sie von den wirtschaftlicher und vollkommener arbeitenden Maschinen abgelöst werden, braucht man hierzu vielleicht mehr menschliche Arbeitskräfte. Dann jedoch werden die Maschinen sich als die feindlichen Konkurrenten der Arbeiter entpuppen. Denn sie dienen nicht mehr der »Entwicklung«, sondern dem »Gewinn«.

Zitat 2: Ein Pusztasohn, der es in Budapest zum Briefträger oder Polizisten gebracht hatte, stolzierte während der Weihnachtsferien selbstgefällig und selbstherrlich vor den Gesindehäusern einher und überlegte sich genau, wen er zuerst grüßen oder wessen Gruß er überhaupt bemerken sollte. Seine Besuche wurden immer seltener und hörten auf einmal ganz auf. Wenn er seine Vergangenheit nicht verleugnen würde, könnte er sich nie in die kleine, unabhängige Persönlichkeit verwandeln, die das Gemeinschaftswesen selbst von einem Briefträger verlangt. Er würde ewig ein Knecht der Puszta bleiben. Die Pusztabewohner wußten das ganz genau und umgaben die Fremdgewordenen deshalb mit Heldenehrungen. Von den sechs wirklich genialen Szabo-Jungen verdingte sich der eine an einen Bauern, dann an einen Metzger in Szekesfehervar und wurde endlich Ladengehilfe. Der zweite landete — nach manchen abenteuerlichen Versuchen — als Trambahnführer in Pecs. Der Sohn eines anderen Ochsentreibers wurde Gepäckträger bei der Staatsbahn. Was für eine Karriere! Wenn er auf Besuch nach Hause kam, umstanden ihn die Ochsentreiber im Kreis und starrten seine schöne Uniform bewundernd an.

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