DIE PUSZTA Kapitel 16 – Saison und Erntearbeiter, Taglöhner. Ihr Lohn und ihr Leben auf der Puszta.

Zitat 1: In diesen Banden, selbst in den anscheinend zuchtlosesten, steckte etwas von der Zähigkeit und der notgeborenen Organisation der Goldgräber oder Freischärler, vielleicht weil sie sich wie in fremdes Land verpflanzt fühlten. Uneinigkeiten innerhalb ihres Kreises gehörten zu den allergrößten Seltenheiten. Nach dem Wortlaut des Vertrages waren sie verpflichtet, den Anordnungen der Gutsbeamten zu folgen. Richtige Arbeit leisteten sie jedoch nur unter der Anleitung ihres Anführers. Sie erhielten von der Gutsverwaltung als Entgelt monatlich 7 bis 10 Pengö Bargeld, 120 kg Weizen, 20 kg Brotmehl, 10 kg feines Weizenmehl, 3,5 kg Speck, 1,5 kg Schweinefett, 3 kg Weißbohnen, 12 kg Kartoffeln, 1 kg Salz, 3 kg eingepökeltes oder frisches Fleisch, 1 Liter Essig und 30 Heller Gewürzgeld. Die Mahlzeiten aus diesen Zuteilungen mußten sie sich selbst zubereiten; sie trachteten, sich so viel wie nur möglich abzusparen, denn zu Hause warteten die hungrigen Kinderscharen sehnsüchtig auf Lebensmittelsendungen. Je weniger sie verzehrten, desto mehr konnten sie heimschicken. Es wurde gemeinschaftlich gespart. Das am Ersten jeden Monats erhaltene Mehl, Schweinefett und die weißen Bohnen wurden von der Köchin, die meist die Frau des Anführers war, im Gesamten verwaltet. Obwohl die Leute bei der tagtäglichen schweren Arbeit gut das Doppelte ihrer Rationen hätten verzehren können, erging an die Köchin der
strenge Befehl, beispielsweise mit der Hälfte des Fettes auszukommen.
Am Sonntag aßen sie nur zu Mittag, beim Brot erfanden sie ein geschicktes Sparsystem. Den zugeteilten Mehl- und Kartoffelmengen entsprechend, hatte jeder täglich Anspruch auf einen halben Laib Brot. Wer mit weniger auskam, erhielt statt Brot ein Holzplättchen mit dem Namenszug des Anführers. Diese Plättchen wurden dann später von der Köchin gleich Geld für die entsprechende Menge Mehl oder Kartoffeln in Zahlung genommen. Ewige Verbannung wäre nach ihrem eigenen Gesetz die Strafe für die Fälschung der Plättchen gewesen; es kam aber niemandem in den Sinn, so etwas zu machen. Sie sparten sich ihr »Kapital« buchstäblich vom Munde ab; es gab solche, die sich auf diese Weise drei bis vier Brote erhungerten. Speck wurde verteilt und in freiem Wettbewerb gespart. Die über den Schlafstätten am Nagel hängenden Stücke zeigten dann den Sieger an. Sie ernährten sich fast ausschließlich von Suppen. Montag, Dienstag, Donnerstag, Samstag und Sonntag gab es zu Mittag je einen Teller »Fleischsuppe«, die für 38 Personen aus 5 Kilogramm Fleisch zubereitet war. Mittwoch und Freitag waren die Tage der weißen Bohnensuppe nebst »Pogacsas« (eine Art kleiner, runder, gesalzener Kuchen. A. d. Übers.). Abends gab es täglich wiederum Bohnensuppe; am Freitag dagegen Kartoffelsuppe, und am Sonntag, wie schon gesagt, nichts. Ihrem Wunsche entsprechend, wurde vertraglich vereinbart, daß die Verwaltung vom Bargeld den Männern höchstens 3 Pengö und den Frauen 2 Pengö auszahlen sollte; daß ferner der Weizen vollständig in ihre Heimat zu liefern sei.
Die Arbeitszeit währte wie üblich von Sonnenaufgang bis Einbruch der Dunkelheit mit je einer halbstündigen Pause vor- und nachmittags, einer anderthalbstündigen mittags. Man teilte die Bandenmitglieder zu Arbeiten ein, die sie ohne Beihilfe von Tieren verrichten konnten. Sie arbeiteten in den Zuckerrübenfeldern, hackten, schnitten Futter oder machten Heu. Die Ernte dagegen wurde von den Erntearbeitern eingebracht.
So nahmen sie nach fünf- bis sechsmonatiger schwerer Arbeit fünf bis sechs Doppelzentner Weizen mit, 40 Pengö Bargeld und ersparte Lebensmittel für ungefähr 20 Pengö, wenn sie — entgegen ihrem Vorsatz — ihre Vorräte nicht schon vorher nach Hause geschickt hatten. Davon fristeten sie den Winter hindurch ihr Leben, wenn die Zuhausegebliebenen nicht schon im Sommer die Wintervorräte verbraucht hatten.

Zitat 2: Es gab bei uns noch sogenannte »Ganyok«, Tabakpflanzer, einen eigentümlichen, geheimnisvollen Menschenschlag, der selbst von der Pusztagemeinschaft ausgeschlossen blieb. Sie waren die Bohemiens der Gegend, aber auch ihre Parias. Ihre Beschäftigung erforderte bestimmte Fachkenntnisse und noch dazu Lebensverachtung. Mit dem Beruf erbten sie auch den Keim der Krankheit, sie waren gelb und trocken wie die Pflanzen, die in langen Girlanden die Vordächer und die Decken ihrer Zimmer schmückten, in denen sie noch enger als das Gesinde zusammengepfercht hausten. Bei der Arbeit halfen schon die Kinder vom vierten Lebensjahr an mit, und selbst die Bettlägerigen hefteten noch mit der langen Ahle die Tabakblätter aneinander. Sie arbeiteten schwer, führten aber daneben, der öffentlichen Meinung ein Schnippchen schlagend, ein fideles Leben, tranken, sangen und liebten sich mit einer geradezu verblüffenden Ungeniertheit. Man mied sie vor allem ihres unsittlichen Lebenswandels und ihrer Undiszipliniertheit wegen. Die hageren, kleinen Burschen mit ihren blitzenden Augen hielten sich, wie ein Rudel Wölfe, auch bei den Kirchweihfesten abgesondert. Ihre Mädchen waren liebenswürdig, vielleicht zu liebenswürdig — arme Carmens Westungarns! »Er verkehrte mit den Ganyok!« besiegelte den Ruf eines Burschen selbst dann noch, als die Ganyok längst aus der Gegend verschwunden waren. Bei uns lebte noch eine Gruppe in ungefähr zehn Kilometer Entfernung. Unsere Burschen besuchten sie an Samstagabenden und nahmen ein Säckchen Mehl oder einige Maiskolben als Gaben mit. Zurückgekehrt, erzählten sie von den Orgien, an denen die ganze Niederlassung teilnahm.

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