DIE PUSZTA Kapitel 13 – Kultur der Puszta. Schule und Religion. Pusztadichter.

Zitat 1: Ich brauche wohl keine Beispiele anzuführen für die Tatsache, daß die Druckerzeugnisse der Presse beim Gesinde mehr und gefährlicheren Aberglauben über den Gang der Welt und das Gefüge der Gemeinschaft verbreitet haben als die alten Weiber. Die Presse importierte den konzentrierten und international bewährten Blödsinn auf die Puszta.
Wir können darum noch froh sein, wenn es nur im kleinen geschieht. Die Zeitung, in deren Spalten ein im Vergleich zum Schweinehirten einer Puszta dreimal knechtischerer, rückgratloserer, in der Lebenserfahrung und in der ungarischen Ausdrucksweise zehnmal unbewanderterer Herr besagtem Schweinehirten Mitteilung macht von einer erfolgreichen Parforcejagd, einer fürstlichen Hochzeit oder einem Lustmord, kann mich keinesfalls dazu bewegen, mich über die Feststellung zu freuen, daß die Zeiten, in denen Tagesnachrichten durch Gesänge verbreitet wurden, zu Ende sind. Der Nachrichtendienst lag in den Händen von Dichtern, scharfblickenden Soziologen, die selbst bei der Erzählung unwesentlicher Ereignisse mit sicherer Hand stets ins Lebendige trafen.

Zitat 2: Während die Volkskunst schon längst aus den Häusern der vermögenden Bauern wie ein durch den Anblick der Aufgeblasenheit angeekelter Geist ausgezogen war, um an Stelle der edlen und geschmackvollen Schöpfung der Dutzendware und der Seelenlosigkeit Platz zu machen, wetteiferten die Pusztabewohner noch darin, kunstvolle Streichholzschachteln zu schnitzen, die auf den Peitschenstiel geschnitzten Figuren einander abzugucken und herbeizueilen, wenn irgendwo ein neues Lied erklang. Mit der peinlichen Genauigkeit eines letztwillig Verfügenden übermachten die Alten ihren Nachfolgern Aberglauben und Tradition. Die Gebräuche wurden der neuen Generation mit Drohungen, wenn nötig mit Strafen, eingeimpft. Das war die Kultur der Puszta, welche die Seelen miteinander verband und bereitwilligst auf jede noch so beunruhigende Frage Antwort gab. Diese Gebräuche und Sitten leiteten das Gesinde durch alle Phasen des Lebens und durch die Irrgänge der Liebe. Sie trösteten das Volk der Puszta in all den Jahren auf seiner von Durst und Hunger begleiteten langen Wanderung. Sie rührten zum erstenmal auch an meine Seele, durch sie und nicht durch die Schule Onkel Hanaks wurde mein Wesen nach dem Bild des Lebens auf der Puszta geformt. Dies vollbrachte auch nicht die westliche Kultur, die vielleicht darum der barbarischen Puszta unterlag, weil sie nichts Besseres an ihre Stelle zu setzen wußte.
Das war die Welt, in der ich unbeachtet aufwuchs. Zuerst reichte ich bis zur Tischplatte hinauf, dann zur Kommode und plötzlich, eines Morgens, zwar noch auf den Fußspitzen stehend, bis auf den Schrank. Zuerst gehorchte meinem Ruf ein Hund, dann ein Schweinchen, eine Kuh, und schließlich gelang es mir, ein Vierochsengespann ohne Fährnisse vom Feld nach Hause zu lenken. Ich war reif für das Leben der Puszta

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