DIE PUSZTA Kapitel 12 – Schutzlosigkeit der Mädchen. Die Moral der Puszta. Die Eroberer.

Zitat 1: Die Tochter unseres Nachbarn beging Selbstmord. Das Mädchen »ging« ins Schloß, darum nahm sie sich das Leben. Die Stallschweizer zogen sie im Morgendämmern aus dem Brunnen. Als wir auf dem Weg zur Schule vorbeikamen, lag sie auf der Eisschicht, die sich um den Brunnen gebildet hatte und unter deren dünner Platte die schwarzen Erdschollen, Strohhalme und Dungabfälle wie von Glas bedeckte Schätze in allen Farben spiegelten. Sie lag da mit offenen Augen, in die Entsetzen und Schrecken wie eingefroren standen, offenen Mundes, mit leicht gerümpfter Nase, blutige Schrammen auf der Stirn und dem schönen Gesicht, die entweder beim Sturz oder aber während der Zeit, bis die Schweizer sie im Halbdunkel des Wintermorgens entdeckten, durch den schweren Holzeimer entstanden waren. Sie war barfuß, die Stiefel waren im Zimmer des Inspektors neben dem Bett stehen geblieben, das sie fluchtartig verlassen hatte, um sich, so wie sie war, in den Brunnen zu stürzen.
Die sich aus den Stallungen und Speichern zusammenrottenden Ochsentreiber standen stumm und achselzuckend neben der Leiche herum, bis der Inspektor, aus dessen Armen sie sich in die des Todes geworfen hatte, wahrscheinlich um seine Verlegenheit zu verbergen, die Männer mit besonders rohen Worten zur Arbeit zurücktrieb. Anscheinend achteten die Anwesenden diese nervöse Verlegenheit, denn sie gehorchten auffallend schnell, und als sie beim Fortgehen scheu zurückblickten, waren Beileid und Verständnis in ihren Blicken. Der Inspektor (ich kann nichts dafür, daß es wie aus einem Schauerroman klingt!) schlich blaß im Kreise um die Leiche herum, sein eigener Gefangener im unsichtbaren Käfig seiner Ohnmacht. Scheu um sich blickend, mit zuckendem Gesicht, jagte er die Neugierigen von der Stelle fort wie ein auf seine Beute eifersüchtiger Hund. Er war klein, beleibt, und man sah es ihm an, daß er sich, so ins Unrecht versetzt, schwer von seiner Entrüstung erholen konnte. Das Mädchen hatte sich gegen den üblichen und gewohnten Gang der Dinge versündigt, denn die vornehmste Pflicht des Gesindes war ja der Gehorsam. Weder er noch das Gesinde verstanden diese Empörung. Wegen einer solchen Nichtigkeit war es doch nicht notwendig, so weit zu gehen! Durch ihren Tod aber erhob sich das Mädchen über alles, schied aus der Gemeinschaft aus. Ihr unverbrüchliches Todesschweigen erboste selbst ihren Vater, der sich mit gezogenem Hut und entrüstetem Schweigen sozusagen vor dem Inspektor für die Tat seiner Tochter zu entschuldigen schien. Eines Tages wurde dieses blasse Kind mit dem zerschundenen Gesicht in meiner Phantasie zum Symbol des Trotzes, zum Engel der Auflehnung. Ich verglich sie mit einer Jeanne d’Arc, diesem unbeugsamen Charakter, der sich in der Person eines einfachen Bauernmädchens erst im Feuer des Leides offenbarte. Damals konnte ich es aber noch nicht verstehen, warum sie es so eilig hatte, aus dieser Welt abzutreten.
Sie verließ ihre gewohnte Welt, in der nach dem höhnischen Bauernsprichwort »nur das Brot nicht Gemeingut« ist. Starb sie vielleicht um eines Bräutigams willen? Selbst nach dem Gesagten wird sich der Leser schwer in die Gedankenwelt eines Brautpaares hineinleben können, in der es eine Treue ohne körperliche Treue gab. Nur wer in dieser Welt geboren und aufgewachsen war, konnte das verstehen. Wie man die Stiche der Schnaken und sonstigen Ungeziefers hinnehmen muß, ohne sich dagegen wehren zu können, so gibt es auch andere Stiche und Belästigungen, die man erdulden muß und gegen die man sich gleichfalls nicht schützen kann, die aber ebenso weder die Ehre noch die Seele des Betroffenen beschmutzen können. Die Pusztabewohner waren Wirklichkeitsmenschen in ihrer Denkungsart. Selbst ich kannte als Kind diese Gedankenwelt und fand sie selbstverständlich. Erst jetzt fange ich an, über manches Gehörte und Gesehene nachzudenken und mir eine eigene Meinung zu bilden. »O, das alte Schwein!« sagten die Dienstboten kurz vor diesem Fall von einem Aufseher, als sich die Nachricht verbreitete, daß er junge minderjährige Mädchen, die unter seiner Aufsicht arbeiteten, mißbrauchte. »Schickt sich denn so etwas für einen Alten?« Man hielt sich über sein Vergehen auf, aber niemand dachte an die kleinen Mädchen. Auch die Gutsverwaltung nicht, die wie auf jedem Gebiet nur dann handelte, wenn sie ihre eigenen Interessen gefährdet sah. Bei irgendeiner Gelegenheit zum Beispiel fiel es auf, daß ein Aufseher der Tagelöhner drei seiner Truppe unterstehende Mädchen immer nur zur leichtesten Arbeit, nämlich zum Wassertragen, beorderte. Als sich fand, daß er sie mißbrauchte, verdankte er es nur den Bitten, Tränen und Beschwörungen seiner Familie, daß er nicht sofort entlassen wurde. Nicht seines moralischen Vergehens wegen, sondern weil er durch seine Handlungsweise die Disziplin gelockert hatte. Die Puszta verfolgte sein Schicksal mit einer von Beileid gemischten Besorgnis.
Lockerung der Disziplin aus Liebesgründen war selten. Die Mädchen versuchten nicht aus den erwiesenen Gunstbezeugungen Vergünstigungen für sich zu erzielen. Der Inspektor, der sich mit dem todentschlossenen Mädchen verging, sie ohne jede tiefere menschliche Regung wie ein Trinkglas oder einen Stiefelzieher gebrauchte, hatte von der Familie der Toten nichts zu befürchten. Sie leitete für sich aus dem Ereignis kein Recht ab zu Vertraulichkeiten oder sonstigen Ansprüchen. Nein, selbst der Trauer gelang es nicht, nähere Beziehungen zwischen ihnen und dem Inspektor herzustellen (der nebenbei gesagt nicht zum Begräbnis erschien). Das Mädchen starb, und ihr Tod wurde in der Erinnerung der Leute verbucht, als ob sie in eine Maschine geraten wäre oder der Stier sie totgetrampelt hätte. Onkel Sövegjarto, der Leichenbeschauer, von dem der Ortswitz
wissen wollte, daß er den Tod nach den Klagen der Anverwandten feststellte, unterschriebdenTotenschein,die Leiche wurde eingesegnet und begraben. Ich war der einzige, der um die Gestalt des Inspektors selbst noch Jahre später die romantische Atmosphäre des Todes und des Schicksalhaften wob und fast erwartete, daß er in diese seine Rolle hineinwachsen würde. Er tat es nicht. Er konnte unbändig fluchen, und die einzige Äußerung seiner Trauer und seines gestörten seelischen Gleichgewichts bestand darin, daß er noch lange nach dem Ereignis noch gröber und reizbarer war. Wir brachten dem auch Verständnis entgegen.
Ich erwartete weiter, wahrscheinlich auf Grund romantischer Geschichten vom reichen Grafen und der armen Leibeigenentochter, daß die Inspektoren und Verwalter auf ihre Liebchen Rücksicht nehmen oder sie beschützen würden. Davon war keine Rede. Die Mädchen brüsteten sich nicht mit derartigen Beziehungen, vor allem nicht in Gegenwart ihrer vornehmen Geliebten. Wahrscheinlich lehrte sie die Erfahrung, dies nicht zu tun. Die Herren vertrugen öffentliche Vertraulichkeiten schlecht. Ich erinnere mich des ungewöhnlich brutalen Tones, mit dem ein Inspektor ein Mädchen, das beim Arbeiten im Weingarten in der Reihe etwas zurückgeblieben war, zur Ordnung rief. »Glaubst du«, brüllte er, »daß du faulenzen kannst, weil ich dich gestern abend …« und gebrauchte ein Wort für den Geschlechtsverkehr, das selbst das Gesinde nur als Zeichen tiefster Verachtung aussprach.
Das Gesicht des Mädchens wurde bei der Öffentlichen Beschimpfung flammend rot. Sie senkte den Kopf und beeilte sich mit der Arbeit, aber als das leichte Gefährt des Inspektors von dannen rollte, richtete sie sich mit einem mir unvergeßlichen, gequälten Lächeln in ihrem noch immer flammenden Gesicht auf und rief dem sich Entfernenden eine Bemerkung nach, die ich selbst aus dem Munde eines Pusztamädchens noch nie gehört hatte.

Zitat 2: In Wirklichkeit waren infolge ihrer Abgeschlossenheit von der Welt und ihrer Unbildung die Mädchen der Puszta nur viel wehrloser als die städtischen Dienstboten und Büroangestellten. Wenn jemand sich mit der Lage der Fabrikarbeiterinnen beschäftigen würde, so könnte er wahrscheinlich keinen günstigeren Bericht erstatten. Die Pusztabewohner waren natürlich gebundener, denn sie konnten ihre Stellung nicht von einem Tag auf den anderen, ja nicht einmal von einem Jahr auf das andere wechseln. Ein Ochsentreiber mit acht bis zehn Kindern würde seine Stelle nicht kündigen, nicht deshalb seine Kleintierstallungen, Möbel und Schweinchen auf den Wagen laden und eine neue Stellung suchen, weil seine Tochter unternehmungslustig wurde. Und selbst wenn er dies am Jahresende doch täte, erwartete ihn anderswo ein anderes Los? Denn eine andere Arbeitsmöglichkeit gab es für ihn nicht. In der dunklen Nacht der Lebensunerfahrenheit, der Verlassenheit und der Unkultur gab es für sie keine andere Wahl, als nachzugeben oder Tod. Aber sie starben nicht daran. Bliebe noch der Tod des Verführers, wie es die Romanliteratur empfiehlt. Etwas derartiges kam aber selbst in der Erinnerung der Ältesten nicht vor. Ganz selten, sagen wir einmal in hundert Jahren, geschah es, daß jemand im Jähzorn einen Inspektor niederschlug. Aber selbst dann nicht wegen einer Liebesangelegenheit. Die Dienstleute vergaben ihnen, bedauerten sie sogar mit dem Verständnis, ja der allgemeinen übertriebenen Bereitwilligkeit, welche die Armen den Reichen entgegenbrachten. »Er ist doch auch Mensch«, lautete ihre Meinung über einen Inspektor oder Verwalter, der besonders viel Unfug anstellte. »Es liegt in seiner Natur, was soll er tun?« Gewissermaßen hatten sie auch Recht. Was auch sollte ein junger Inspektor tun, der oft jahrelang auf einer Puszta leben mußte, wo sich die Füchse gute Nacht sagten, und der höchstens alle Jahreszeiten einmal in eine Stadt kam?
Neben den zwei Lösungen, nämlich sich in ihr Schicksal zu ergeben oder den Tod zu wählen, versuchten es die Mädchen der Puszta hier und da mit einem unmöglichen dritten Ausweg. So viele galante Heldentaten ich vom Verwaltungspersonal erzählt bekommen habe, fast genau so viele herzerheiternde Kniffe hörte ich von seiten der erwählten Opfer, mit Hilfe derer sie den gestellten Fallen zu entschlüpfen versuchten, wenn sie aus einem außergewöhnlichen Grund nicht bereit waren, sich zu fügen. Dann verwandelte sich die Puszta wochenlang allabendlich in eine Lustspielbühne mit verschmitzt lächelnden Verschwörern, verworrenem, nie endenwollendem Ränkespiel, mit Perückenzauber und verwechselten alten Weibern, wenn es sich darum handelte, daß jemand gerettet werden sollte. Wieviel Heiterkeit und dankbaren Beifall, späterhin monatelange Nachrufe ernteten diese Spiele, bei denen ich einige Male eine Rolle übernahm, wenn auch nur die des Souffleurs! Hier lernte ich, daß man — wenigstens was meine Person betrifft — auch frohgemut kämpfen kann, selbst wenn die gute Laune nur Galgenhumor ist oder Hohn.

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