Die guten Geister des Friedhofs

Am einfühlsamsten den Hinterbliebenen gegenüber hatte ich damals die Wärter des Essener Parkfriedhofes erlebt, deren Bemühungen, es allen Kulturen recht zu machen, die komischsten und rührendsten Folgen hatten. Oft war ich als Kind mit meiner Mutter unter den Bäumen des nahe unserer Wohnung in kleine Siedlungstraßen auslaufenden Friedhofs sonntäglich umherspaziert, ahnungslos, wie früh sie hier begraben sein würde. Die Beerdigung hatten mein Bruder und ich alleine auszurichten. Wir organisierten eine kleine Multi-Media-Show aus den Lebensspuren unserer Mutter, die glücklicherweise ein ziemlicher Erfolg wurde, soweit dieser Begriff für einer Beerdigungsfeier gelten darf. Ich erinnere mich noch heute eine junge Frau, welche die ganze Zeit intensiv und schön weinte, von der ich gar nicht wusste, wie sie zu unserer Trauergemeinde gehörte. Meine Mutter hatte zum Glück noch ein umfangreiches Leben jenseits der Familiengrenzen. Ihr Tod hatte uns natürlich mit den Berufszweigen in Verbindung gebracht, welche die Weiterungen betreuen, die taktvollsten Deutschen, die ich bisher im Leben kennengelernt hatte. Am tiefsten beeindruckten mich aber die Friedhofswärter, weil sie, wenngleich kleine Beamte, die im Dienste Bier tranken und Nikotinfinger hatten, doch sehr feinfühlig waren. Sie halfen mir bei allen, auch den esoterischsten Vorbereitungen zu unserem Begängnis, und erzählten von anderen bemerkenswerten Totensitten. Wie z. B. die ersten Türkinnen zur Überraschung der noch Uneingeweihten mit einer Zinnbadwanne angerückt waren, um die Leiche des Patriarchen auf dem Kühlkammer-Flur zu waschen. Inzwischen hat der Friedhof dafür einen eigenen Raum mit eigener Zinnbadewanne. Am einfühlungsbedürftigsten aber waren die Chinesen. Der Parkfriedhof in Essen Steele hat nämlich ein Quartier für Chinesen, die aus ganz NRW hier beerdigt werden. Dabei gibt es einige Bräuche zu beachten. Z. B. wird den Toten Geld mit ins Jenseits – also ins Grab – gegeben, und man muss aufpassen, dass es zu keinen Räubereien kommt. Auch waren die Essener Friedhofswärter erschrocken, als die trauernden Asiaten sich „in ihren Anzügen“ neben dem Gab auf die Erde warfen – und hatten inzwischen auf Stadtkosten Teppiche angeschafft, damit die Fremden sich nicht unnötig schmutzig machen. Für die chinesische Trauerfeier wird die Friedhofskapelle mit einem rundlaufenden Stoffband voller Schriftzeichen dekoriert. Als die Friedhofswärter es zum erstenmal anbrachten und die Trauergemeinde eintraf, wäre die Großmutter beinahe in Ohnmacht gefallen. Die Zeichen hingen verkehrt herum! Ein schlechtes Omen . . . Seitdem können die Friedhofswärter in Essen Steele genug Chinesisch lesen, um böse Geister aus der Friedhofskapelle fernzuhalten. Das alles liegt jetzt schon mehr als 20 Jahre zurück. Das Grab meiner Mutter ist aufgelöst worden. Als wir vor der Frage standen, es zu verlängern, in jener Stadt, an jenem Ort, den wir nur noch in unserer Erinnerung aufsuchen, entschieden wir uns, ihr lieber weiter einen virtuellen Grabstein zu setzten – hier in Facebook, wo ihr sie heute – oder, wenn euch das gerade nicht passt – auch in 100 Jahren noch besuchen könnt.

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