Der Teufel trägt keine Hörner

Am nahesten kam ich dem Grauen in meinem Leben als junger Mann im D-Zug zwischen Kassel und Frankfurt. Die Abteile waren damals versehen mit rot geplusterten Plastiksitzen, die man ausziehen konnte, wen einem niemand gegenüber saß, um unruhig darauf zu schlafen. Mit gegenüber aber saß eine alte Frau, von knochiger Stämmigkeit, in einem der charakteristischen Kostüme, die meine Großmutter im Fluchtgepäck aus Ostpreußen gerettet hatte. Sie regte sich über zwei lärmende Kinder auf und pochte auf preußische Tugenden, Anstand und Disziplin. Wir kamen trotz meiner Hippie-Frisur ins Gespräch. Sie erzählte von ihrem Sohn, der Zahnarzt in Norwegen sei, ihren Enkelkindern. Im Gespräch kam dann, ich weiß nicht mehr wie, heraus, dass sie auf dem Weg nach Frankfurt zu einem Prozess war. De facto war sie eine der Hauptangeklagten, eine ehemalige Aufseherin im Konzentrationslager Majdanek. Sie hatte bereits einige Jahre im Ausland für ihre Verbrechen gesessen und fand es sehr ungerecht, jetzt in Deutschland nochmal dafür herangenommen zu werden. Ich war viel zu verblüfft, um schockiert sein zu können, und hörte mich fragen, wie sie denn in das Todeslager gekommen sei. Sie meinte, das besprächen wir besser auf dem Gang und ging voraus. Am offenen Fenster kramte sie ihre Lord Extra hervor und erzählte mir, eine nach der anderen rauchend, ihre Geschichte oder, was ich dafür halten sollte. Ihre lieblose Kindheit, Jugend als Magd auf dem Bauernhof, wo sie mit den Tieren im Stall geschlafen hätten, nur Schikane, Hässlichkeit. Ihr glanzvollstes Erlebnis seien die Lederstiefel gewesen, die sie beim Eintritt in das SS-Gefolge bekommen hätte. Ins Todeslager sei sie abkommandiert worden, ohne zu ahnen, was sie dort erwarte. Ich wollte wissen, wie sie’s denn herausbekommen habe. Sie erwiderte, ihr seien alle möglichen Botschaften – für die Lagerinsassen – zugesteckt worden, als sie sich auf den Weg nach Majdanek gemacht habe. Im Lager angekommen, in einer kalten Regennacht, habe sie sich angesichts eines Zuges vorbeikommender Kinder nach einem von ihnen erkundigt, nach dessen Schicksal zu fragen ihr aufgetragen worden sei. Der Aufseher aber sei sturzbetrunken gewesen und habe sie angeschrien, was sie sich einbilde, die würden alle vergast. Da sei bei ihr der Groschen gefallen, und sie habe das erst mal verkraften müssen (wohl auch mit der Hilfe von Alkohol). Sie steckte sich weiter Zigaretten an und erzählte von ihrer Zeit in Untersuchungshaft, ihrer Mitgefangenen „Gaby“, welche sich zu meinem Erstaunen als ein Mitglied der Baader-Meinhoff-Gruppe herausstelle. Auf Gaby ließ sie nichts kommen! Die habe ihr versichert, unser Schweinstaat hätte sie beide reingehängt. – Jahre später las ich dann im Stern, dass meine Zugbekanntschaft als eine der grausamsten Aufseherinnen Majdaneks wegen gemeinschaftlichen Mordes in 1.181 Fällen und Beihilfe zum Mord in 705 Fällen zu lebenslange Haft verurteilt worden war. Besonders war ihre Grausamkeit gegenüber Kindern dabei ins Gewicht gefallen.

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