Die dunkele Seite der Macht . . .

. . . hatte auch mich einmal gerufen. Noch heute schwindelt mir bei der Erinnerung an das von der Stirne gewischte Blut – damals in Kalkutta. Die indische Göttin Kali kann bestochen werden. Wenn dir oder mir beispielsweise jemand im Weg steht, und wir hätten gern, er bekäme eine tödliche Krankheit – an wen kann man sich da bei uns schon wenden? Der Hindu geht zum Kali-Tempel. Dort kann man Tiere opfern lassen, nicht gerade billig, um bösen Zauber zu dingen. Etwa werden 5.000 € investiert, um den Mitbewerber um einen begehrten Job oder eine Rivalin um einen wohlhabenden Bräutigam kalt zu stellen. Als neugieriger Tourist wurde ich natürlich gleich von einem der Priester beschlagnahmt, der mich überall herumführte. Es herrschte eine laute, gereizte Stimmung unter den schubsenden Besuchern des Tempels, der, wie ich erfuhr, auch von unfruchtbaren Frauen aufgesucht wurde; nach erfolgreicher Geburt bringen sie ihre Babys zurück (siehe Foto), um deren schwitzende Köpfchen an den verschmierten Blutsteinen der Göttin zu reiben. Schon befand ich mich in einer waschküchenartigen Halle und sah jetzt überall die Straßenhunde. Sie äugten gierig, ohne sich näher heran zu wagen, auf Blutpfützen, die verstreut über den Kachelboden eindickten. Ein panisch-böse um sich schauender Ziegenbock wurde zu einem Holzgestellt gezerrt. Dort stand eine Familie und überreichte dem fetten, habnackten Priester ein dickes Bündel Geld. Nachdem dieses zweimal durchgegezählt und verstaut war, hieb ein dürrer Messdiener mit einem hakenförmigen Stecken auf eine schmutzige Trommel. Bong-bong-bong! Der Ziegenbock wurde in das Gestell gedrückt, der Priester holte mit einer messerförmigen Axt aus und hieb ihm den Kopf ab. Die Hunde sprangen erregt hinzu, um von dem Blut zu schlecken, bevor sie weggetreten wurden. Noch benommen von dem Schauspiel, folgte ich dem Priester ins Heiligtum der Göttin, randvoll schwitzender Besucher, die den Blick auf alles weitere versperrten. Ob ich die Göttin sehen wolle? fragt mich der Priester und bedeutete mir, mich zu bücken. Als ich in die Knie ging, bog sich auf einmal das Beingewimmel vor mir auseinander, bildete einen Tunnel, an dessen Ende Kali erschien: drei dicke weiße Striche stießen auf einen schwarzen Punkt zu, welcher aus der Mitte einer dreckigen Steinplatte starrte. Ich spürte etwas Feuchtes im Gesicht, zugleich schloss sich ein Band um meinen Arm. Der Priester hatte mir Blut aus dem Opferraum auf die Stirne geschmiert und eine zottige Devotionalie angelegt. Die riss ich mir, als ich auf die Straße entkommen war, augenblicklich vom Handgelenk und reinigte meine Stirn von dem Blut aus Kalis Tempel. Zögernd fühlte ich die böse Nässe weichen.