Das tödlichste Tier Afrikas

Als ich zum ersten Mal nach Afrika kam, nach Kenia, Anfang der 90er Jahre, sollte ich eigentlich einen Drehbuch-Workshop geben. Bei meiner Ankunft aber standen bereits alle Motive fest, wie sie der Regisseurin am malerischsten vorkamen, auch die Darsteller. Nun musste flugs eine Linie erfunden werden, die alles miteinander verband: das Mara Serena Hotel in Nairobi, die Touristen-Camps in den Nationalparks, eine kleine Hütte in den Slums und das Thema der Emanzipation. Ich verband die Vorgaben vermittels einer langhaarigen Geschichte über ein gefallenes aber wiederauferstehendes Mädchen vom Land auf drei Seiten step outline und war, ehe ich mich versah, in der Maasai Mara, um den Dreh zu überwachen. Ich war damals so überwältigt und besorgt, dass ich kaum mitbekam, zwischen welch spektakulären Orten wird unentwegt pendelten. Die Maasai Mara ist ein Wildpark: die wilden Tiere leben unbeeinflusst vom Menschen, der in kleinen Touristenbussen dazwischen herum fährt, um sich anzuschauen, was passiert. Ich erinnere mich deutlich, wie „melancholisch“ die Tiere in freier Wildbahn mir vorkamen. Ständig sieht man sie beschäftigt mit ihrem Überleben, hastig, panisch die kleinen Pflanzenfresser, hier noch und dort noch etwas abzupfend, bevor sie weiter rennen. Auch das Bestreben, bloß nicht den Kontakt zu den anderen zu verlieren. Ich habe das Bild einer Zebraherde vor Augen, die eine Fluss durchquerte, humpelnd verfolgt von einem der Tiere, das einem Löwen entkommen sein musste, denn ein Gutteil seines Rücken war weggerissen, das Fleisch glänzte noch in der Abendsonne. Es versuchte unentwegt, sich zwischen seine Gefährten zu drängen, die ihm auswichen. Wenn wir nach Sonnenuntergang nicht mehr drehen konnten, beherbergten uns die sog. „Camps“, Luxusherbergen in der Wildnis, die regelmäßig überbucht waren. Ich erinnere mich, wie die französischen Touristen dann immer ein Riesenspektakel, sinnlose Sit-ins in der Lobby, machten, während die Deutschen sich in richtiger Einschätzung der Lage ohne zu murren in Dienstbotenquartiere abführen ließen. Die Büffets nach Einbruch der Dunkelheit waren spektakulär, Maasai-„Krieger“ tauchten auf, um ihre Speertänze vorzuführen, und die Ranger erzählten wilde Tier-Geschichten: wie man angreifenden Elefanten entkommt – dass die Büffel, wenn sie einen Menschen auf dem Kieker haben, erst alle Bäume umhauen, auf die er sich flüchten könnte, um ihn dann selbst zu erledigen. Der heimtückischste Menschenfeind aber ist das Nilpferd, man kann ihm nicht entkommen. Ich dachte erst, das sei Touristengarn. Aber eines frühen Morgens, als wir raus zu einem Bergmotiv fuhren, die Piste war auf einem Damm, sah ich weiter unten ein Nilpferd neben uns rennen, wenn ich den Tacho unseres Jeeps konsultierte, mit annährend 50 KmH. Dem entkommt kein Mensch. Und dabei sind die Nilpferde Vegetarier.

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