Warum Menschen sich im Gegensatz zu Tieren (am liebsten schaurige) Geschichten erzählen

Allgemein scheinen zwei Ursachen die Dichtkunst hervorgebracht zu haben, und zwar naturgegebene Ursachen. Denn sowohl das Nachahmen {Hervorbringen} selbst ist den Menschen angeboren – es zeigt sich von Kindheit an, und der Mensch unterscheidet sich dadurch von den übrigen Lebewesen, dass er in besonderem Maße zur Nachahmung {Schöpfung} befähigt ist und seine ersten Kenntnisse durch Nachahmung {Vorstellung} erwirbt – als auch die Freude, die jedermann an Nachahmungen {Ausgeburten} hat. Als Beweis hierfür kann eine Erfahrungstatsache dienen. Denn von Dingen, die wir in der Wirklichkeit nur ungern erblicken, sehen wir mit Freuden möglichst getreue Abbildungen, z. B. Darstellungen von äußerst unansehnlichen Tieren und von Leichen.

Ursache … [unserer Freude an solchen Darstellungen] ist folgende […]: Das Lernen bereitet nicht nur den Philosophen größtes Vergnügen, sondern ihn ähnlicher Weise auch den übrigen Menschen (diese haben freilich nur wenig Anteil daran). Sie freuen sich also deshalb über den Anblick von Bildern {Darstellungen}, weil sie beim Betrachten etwas lernen und zu erschließen suchen, was ein jedes sei, z. B., dass diese Gestalt den und den darstelle. S. 11-13

 

Um zu wissen, wie eine Eiscreme mit Zwiebel-Leber-Aroma mundet, brauchen wir sie nicht herzustellen, sondern können die Vorstellung davon „schmecken“. Dieser menschlichen Fähigkeit, Vorgestelltes wirklich zu erleben, verdankt sich das Geschichtenerzählen.

 

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