Ovid

Die Metamorphosen habe ich endlich gelesen, meist Geschichten, in denen sich die Menschen in irgendeine ausweglose Situation verrennen und schließlich, als keine Lösung mehr möglich ist, verwandelt werden – in Tiere, Pflanzen, Statuen, Naturerscheinungen usf.

Byblis z. B., die sich in ihren Bruder verliebt, ihn dermaßen bedrängt, dass er Flucht ergreift, die ihn danach auch im Ausland aufspürt und stalkt, verwandelt sich schließlich vor Kummer in ein Quelle. Die Geschichte ist ganz aus ihrer Warte erzählt. Sie findet lauter Gründe für ihr Verhalten, und wir Leser müssen ihr immer mehr recht geben.

Brutal ist die Geschichte von Tereus, seiner Frau Procne und ihrer Schwester Philomena, die er entführt, als Sexsklavin in einem Verlies hält und ihre Zunge herausschneidet, damit sie nicht um Hilfe rufen kann. Doch Philomena findet einen Weg, durch ihre Schwester befreit zu werden, und sie schlachten aus Rache ihren Sohn und verfüttern ihn an den Vater. Als dieser die Schwestern mit seinem Schwert verfolgt, verwandeln sich die Frauen in eine Schwalbe und eine Nachtigall, der Mann in einen Wiedehopf.

Dazwischen gibt es viele kleine Anekdoten, z. B. wer den intensiveren Orgasmus hat: der Mann oder die Frau. Um das zu entscheiden, wird der Seher Theresias befragt, der infolge einer Götterlaune mehrere Dekaden in eine Frau verwandelt war (in einer Bar oder einem Bordell in Rhodos arbeitete). Er behauptet, als Frau mehr Vergnügen empfunden zu haben, woraufhin ihn die Göttermutter wegen „Geheimnisverrats“ blendet.

Am tiefsten hat mich die Geschichte von Keyx und seiner Gattin Alkynoe berührt. Sie hat große Angst, ihn fort segeln zu lassen, da sie als Tochter des Windgottes im Elternhaus mitbekommen hat, wozu Winde in der Lage sind. Aber Keyx muss auf Geschäftsreise. Auf See ereilt ihn dann natürlich ein Sturm, der in einer sagenhaften Actionsequenz über mehrere Seiten beschrieben wird. Schließlich ist Keyx tot. Alkynoe weiß aber nichts davon und opfert weiter der Göttermutter, dass sie ihren Gatten schützt. Die Göttermutter will nicht länger Opfer für einen Toten entgegennehmen und befiehlt einer Untergöttin, den Gott des Schlafes aufzusuchen, damit er Alkynoe einen Traum schickt, der sie ins Bild setzt, dass ihr Gatte tot ist. Der Gott des Schlafes haust in einer sagenhaft beschriebenen Höhle am Ende der Welt, umgeben von faul am Boden liegenden Träumen. Er empfängt den Befehl der Göttin und schickt einen Traum, der die Gestalt des Keyx annimmt, zu Alkynoe. Dieser „fliegt auf Fittichen, die kein Rauschen vernehmen lassen, durch die dunkle Nacht und gelangt nach kurzer Frist in die … Stadt. Dort legt er sein Gefieder ab, nimmt die Züge des Keyx und seine Gestalt an und tritt grabesbleich, ganz wie ein Toter und ohne jedes Gewand ans Lager seiner unglücklichen Gattin. Nass scheint der Bart des Mannes zu sein“, und aus seinem feuchten Haar scheinen schwere Tropfen zu fallen.

„Nun beugte er sich über das Bett und sprach, während ihm die Tränen in Strömen über das Gesicht rannen: ‘Erkennst du deinen Keyx, unglückselige Gattin, oder hat der Tod mein Gesicht entstellt? Schaue mich an, du wirst mich nicht erkennen, doch wirst du statt deines Gemahls nur einen Schatten vor dir haben. Nichts, Alkynoe, haben mir deine Gelübde geholfen: Ich bin tot. Täusche dich nicht in der eitlen Hoffnung, mich wiederzusehen! Er, der die Wolken bringt, erfasste im ägäischen Meer mein Schiff, der Südwind, warf es in gewaltigem Sturm umher und zerschmetterte es. Meinen Mund aber füllte, während ich umsonst deinen Namen rief, die Flut. Kein unzuverlässiger Bote bringt dir diese Nachricht, nicht durch ein unbeständiges Gerücht erfährst du es. Ich selbst erscheine dir und gebe dir, schiffbrüchig, von meinem Schicksal Kunde. Erhebe dich denn, schenke mir Tränen, ziehe Trauerkleider an und lass mich nicht unbeweint zum öden Tartarus hinabsteigen.’ Diesen Worten lieh [der Traum] eine Stimme, die Alkynoe für die ihres Gatten halten musste. Auch hatte es den Anschein gehabt, als vergieße er echte Tränen, und auch seine Handbewegung war die des Keyx.

Alkynoe stöhnt auf, beginnt im Schlaf zu weinen und greift nach seinen Armen, seinem Leib, doch umarmt sie nichts als Luft. Sie ruft: ‘Bleib doch! Wohin in rasender Eile? Wir gehen zusammen!’ Verwirrt über ihr eigenes Schreien und die Erscheinung des Gatten, fährt sie aus dem Schlaf und sieht sich zuerst um, ob er, der sich ihr eben zeigte, noch da ist. Auf ihr Rufen hin hatten nämlich Diener Licht hereingebracht.“

Sie erklärt einer Dienerin, was geschah und wie sie’s erfuhr. „Er stand genau hier, der Bedauernswerte, sieh nur: an dieser Stelle!“

Morgens geht sie heraus ans Meer, zur Stelle, an der sie ihren Gatten verabschiedete. „Hier hat er die Taue lösen lassen, hier am Ufer gab er mir beim Abschied die letzten Küsse.“

Während ihr die Vorgänge wieder vor Augen treten, an die sie der Ort erinnert, und sie aufs Meer hinausblickt, sieht sie in einiger Entfernung in der klaren Flut irgendetwas wie einen Körper daherschwimmen. Anfangs ist es noch ungewiss, was es sein könnte, dann ist es ein Schiffbrüchiger, dann Keyx.

Sie „streckt die bebenden Hände nach Keyx aus und ruft: ‘So, geliebtester Gatte, so kehrst du Bedauernswerter zu mir zurück?’ Es liegt am Gestade ein künstlich aufgeworfener Damm, der den ersten Zorn der Wellen bricht und den Ansturm der Wasser ermüdet. Auf diesen springt, ja – ein Wunder, dass sie’s konnte – flog sie, schlug die leichte Luft mit eben entstandenem Gefieder und strich, ein bemitleidenswerter Vogel, über die Wellenkämme hin. Und während sie flog, stieß sie, betrübt und jammervoll, mit ihrem langen, spitzen Schnabel schrille Klagelaute aus.

„Als sie aber den stummen, blutleeren Leichnam erreichte, da umfing sie ihren Geliebten mit den neu geschaffenen Flügeln und küsste umsonst mit dem harten Schnabel seinen erkalteten Mund. Ob es Keyx fühlte oder ob nur der Wellengang sein Haupt zu heben schien, das war den Augenzeugen nicht klar. Doch hatte er es gefühlt, und da sich die Götter endlich erbarmten, wurden beide in Vögel verwandelt. Demselben Schicksal verfallen, blieb ihre Liebe auch jetzt, und ihren Ehebund löste selbst die Verwandlung in Vögel nicht auf. Sie paaren sich, werden Eltern, und an sieben windstillen Tagen zur Winterszeit brütet Alkynoe in ihrem Nest über der Flut. Dann liegt das Meer ganz still, denn über die Winde wacht Aiolos, lässt sie nicht fort und schafft seinen Enkeln ruhige See.“