Europas Ende

In seinem immer wieder interessant zu lesenden Blog Ecosophia spekuliert der US-„Druide“ John Michael Greer über das Ende Europas. Greer wirkt auf den ersten Blick esoterisch, ist aber klassisch philosophisch und vor allem historisch gebildet, ein konservativer Denker.

In The End of the European Age stellt er schließlich fest, dass die USA gar nicht zu sich gefunden haben, kein selbst denkender Staat sind, sondern noch besessen von ihrem europäischen Erbe, das sie im Begriff wären abzuschütteln. Was aussieht wie ein Zusammenbruch, aber eine unerhört neue Gesellschaft ermöglicht.

Europa steht für den Kapitalismus und seine Staatsform, die Demokratie. Greer signalisiert in seinen Texten, dass Demokratie nur existieren kann, wenn es Sklaven gibt. Denn der Staatsbürger wird umso freier, je mehr seine Arbeit von anderen verrichtet wird, ursprünglich von unterworfenen Menschen, inzwischen hauptsächlich von den Kalorien, welche die fossilen Brennstoffe zur Verfügung stellen. Ohne fossile Brennstoffe würde die demokratische Gesellschaft in sich zusammenbrechen, denn sie basiert nicht auf gemeinsamen, sondern persönlichen Werten und deren weitmöglichster Umsetzung. Diese aber können nur „Sklaven“ sicherstellen.

Wir bilden uns demnach viel auf eine Freiheit ein, die uns nur zufällig und auch nur vorübergehend zur Verfügung steht und übersehen lässt, dass wir in Wirklichkeit Krüppel sind, die selbständig kaum einen paar Schritte zurücklegen könnten.

Die Demokratie versteht sich als Legitimierung des Wahns, der einzelne stünde auf eigenen Füßen. Und sie ist geeignet, die Zerstörung ihrer Grundlagen zu fördern.

Was wären die Alternativen – zur Demokratie? Greer schlägt in seinem Blog verschiedene Formen des Gemeineigentums vor. Sie haben aber keine Chance, solange dem einzelnen Menschen genügend Energie zur Verfügung steht, seinen Willen durchzusetzen. Er dürfte in diesem Fall auch eher jene Politiker an die Macht wählen, die ihm versprechen, dass es so bleibt.

Im Staat spekuliert Plato dagegen über die ideale Regierungsform auf Grundlage der „Lüge des Sokrates“: ‚Ihr seid alle Brüder‘, soll den Menschen erzählt werden, ‚den geborenen Herrschern unter euch aber ist wertvolles Gold beigemischt, den Kadern Silber, den übrigen Eisen und Erz. Meist werdet ihr euch ähnliche Kinder erzeugen, manchmal aber auch aus Gold einen silbernen Nachkommen, aus Silber einen eisernen und so fort. Immer sollen deswegen die Herrscher auf ihre Nachkommen achten: falls einer eisenhaltig ward, gehört er unters Volk. Wird aus dessen Mitte aber ein gold- oder silberhaltiger geboren, gehört er unter die Kader oder Herrscher.‘ Denn es sei wissenschaftlich erwiesen, dass ein Gemeinwesen untergehe, wenn sich Eisen und Erz seiner bemächtigen. – Wird irgendjemand diese Lüge glauben?

Die „goldenen Menschen“ werden in dieser Fantasie zweifellos nicht durch demokratische Wahlen bestimmt, eher durch Examen oder Intelligenztests wie die hohen Beamten der Europäischen Gemeinschaft oder Mitglieder/Ränge der kommunistischen Partei Chinas.

In der Europäischen Union haben letztlich aber nicht die hohen Beamten, sondern die demokratisch gewählten Regierungschefs das Sagen. Und sie existieren aufgrund der eher kurzfristigen Versprechungen, welchen sie ihren Völkern machen, der Freiheiten, welche sie dem einzelnen zur Verfügung oder in Aussicht stellen.

Greer bezweifelt, dass dieses Modell zukunftsfähig ist. Vielmehr bricht es zusammen mit dem Abnehmen der zur Verfügung stehenden „Energiesklaven“. Anders verfasste Systeme wären in diesem Fall überlegen.

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