Die Monadologie des Gilles Deleuze

DELEUZE interessiert sich weniger als die meisten französischen Philosophen seiner Zeit für Sprache, hingegen besonders für Metaphysik. Seine Philosophie ähnelt in dieser Hinsicht der Naturlehre Schellings, z. B. in ihrer Auffassung des Wesens von Begriffen. Unter diesen werden, wenn ich Deleuze richtig lese, keine geistigen Vorlagen verstanden, die der Wirklichkeit gegenüber stehen, denen entsprechend sie ausgelegt wird, sondern eine Mannigfaltigkeit unterschiedlicher Beziehungen oder Muster, welche jede nur denkbare Welt „so gut wie wirklich“ in petto hat. Man fühlt sich an den logischen Raum in Wittgensteins Tractatus erinnert. Als höchst konkrete Weisen des Seins bewahrheiten sich dessen Formen bei Deleuze – vermöge besonderer raum-zeitlicher Kraftentfaltungen – in ein gegenständliches, ausgedehntes Hier-und-Jetzt. Die Wirklichkeit materialisiert sich bei Deleuze aus dem Raum ihrer Verfasstheit, welcher, nicht verschieden von ihr, aus all ihren Möglichkeiten besteht. Sie werden wahr lt. Deleuze infolge von etwas Hitzigem, welches vom bloß Ausgedehnten der Wirklichkeit dadurch differiert, dass es z. B. nicht zu- oder abnehmen kann, ohne seine Beschaffenheit zu verändern (vergleichbar Geschwindigkeit, Veränderungsrate oder Durchfluss). Was im Wahrwerden „durchgreift“ ähnelt einer Art Feld oder nichtgegenständlicher Wölbung bzw. räumlicher „Formation“, welche die Ausdehnung in Raum und Zeit gewährt. Ein verwirklichter Begriff tritt uns dann sichtbar entgegen, indem sein Muster sich – als neuer Zusammenhang – von der alten Umgebung abhebt (unterschiedet). Das Wehende verdankt sich der Bandbreite des „so gut wie Wirklichen“; sie begründet Deleuzes Ontologie des Besonderen. Das neue Verhältnis kommt zur Welt durch „Sonderung“ aus dem Vorrat des Quasi-Realen – oder: was möglich war, wird wirklich. Seinem Wahrwerden voraus geht dessen Gestalt: damit etwas zur Welt kommen kann, musste es formmäßig zulegen. Die Begeisterung greift durch als Gestalt. Diese lebt aus der Spannung zwischen verschiedenen Beziehungsgeflechten oder Begriffen, deren Zusammendenken etwas Praktisches entspringt. Wird dieses dann wahr, steht es weiter im Schatten seiner Gestalt als Sonderung aus der Bandbreite des Quasi-Realen. Diese enthält nach Deleuze mehr Möglichkeiten des Wahrwerdens als die just verwirklichte – ist ein „Körper ohne Organe“, wie ein Embryo noch zu Bewegungen fähig, die das Skelett eines Geborenen zerbrechen würden. Deleuzes Ontologie spiegelt in ihrer unbedingten Immanenz jene von Wittgensteins Tractatus. Wie dort sind auch bei Deleuze sinnvolle Gedanken nur als Formen der Wirklichkeit möglich. Trotzdem weist Deleuze Wittgenstein vehement zurück als „Totengräber der Philosophie“. Der Grund könnte in der unverträglichen Auffassung der beiden von der „Quelle des Neuen“ sein. Obwohl es etwas wirkliche Neues in der immanenten Philosophie eigentlich gar nicht geben kann, da alle Möglichkeiten des Seins der Welt bereits angehören. Der Unterschied zwischen Wittgenstein und Deleuze könnte in der Lokalisierung der Quelle neuer Gestalten liegen: für Deleuze im Denken, für Wittgenstein in der Umgebung. Wittgensteins Vormarsch hat etwas Zen-Buddhistisches, Deleuze ist vergleichsweise Idealist, er sagt „Cogito ergo est“ – Wittgenstein dagegen „Est ergo cogito“. Ich denke, Deleuze vermutete, dass Wittgenstein, den er nur oberflächlich kannte, die Wirklichkeit als Quelle der Bedeutung für statisch hielt. Doch sie bewegt sich, „denkt“ und wir mit ihr.

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