Tränen

Ich kann nie weinen, wenn etwas Trauriges passiert, schon als Kind nicht. Kommt mir so vor, als würde den Ursachen dadurch zuviel Ehre gezollt.


Hingegen kommen mir öfters Tränen bei großem Glück, im Leben oder in Filmen oder Romanen. Letztesmal spontan geweint hatte ich bei folgender Stelle aus Ilyés Puszta:


Unsere Popularität wurde stark durch die Nähmaschine gehoben, denn wir waren auf der Puszta die einzigen, die eine solche besaßen, und meine Mutter konnte, dank der Voraussicht der Großmutter, nicht nur geschickt nähen, sondern auch zuschneiden. Die Näharbeiten für die Gesindefrauen und Mädchen wurden nicht mit Geld, sondern mit Arbeit entlohnt. Die Verrechnung erfolgt primitiv, aber gerecht: während meine Mutter im Zimmer schneiderte, musste die Auftraggeberin im Garten oder Haus die sonst von der Mutter verrichteten Arbeiten erledigen. Großmutter, die mehr Lebenserfahrung besaß, erhob gegen den Arbeitstausch Einspruch: „Wer bezahlt denn die Arbeit der Maschine? Auch sie kostet Geld.“ – „Ich habe sie doch vom Paten zur Hochzeit geschenkt bekommen“, erwiderte die Mutter. – „Und wenn sie kaputt geht?“ – „Der Janos freut sich, wenn er was zu richten hat.“ So war es auch; Vater war glücklich, wenn er etwas an der Maschine basteln und sie sogar ganz auseinander nehmen und dann wieder zusammensetzen konnte. „Und wer bezahlt deine Geschicklichkeit?“ – „Die ist ja da.“ Mutter war eigensinnig und blieb keine Antwort schuldig. Oder schämte sie sich, Geld anzunehmen? Nach der sonderbaren Moral der Puszta war Geld immer verdächtig, ja gewissermaßen erniedrigend. Es war ja leichter zu nähen, als zu harken oder Wasser zu tragen: den Unterschied zwischen beiden Leistungen betrachtete die Mutter allein als den rechtmäßigen Gewinn. Großmutter vergaß zu erwähnen, was die Auftraggeberinnen bei uns verzehrten, denn Mutter bewirtete jedesmal die mit Harken und Schaufeln eintreffenden Schönen der Puszta. Übrigens war die ganze Polemik rein theoretischer Natur, denn Geld hätte meine Mutter, selbst wenn sie es verlangt hätte, nie erhalten. Die Frauen der Ochsentreiber besaßen nämlich keinen Heller. Wenn in den Taschen der Männer auch einige Münzen klapperten, die Frauen beglichen selbst das Porto für ihre seltenen Briefe mit ein, zwei Eiern oder einem Säckchen weißer Bohnen, die sie dem Landbriefträger mitgaben. Selbst wenn sie ein Geldstück zu irgendeiner Zauberei, oder um damit die Augenlider eines Sterbenden zu beschweren, brauchten, so baten sie von Haus zu Haus darum.

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