DIE PUSZTA Kapitel 8 – Disziplin und Strafen. Arbeitsteilung und Gang der Arbeit. Die Gleichgültigkeit des Gesindes und deren Ursachen

Zitat 1: Es war durchaus gebräuchlich, dem Gesinde der Puszta bis zum fünfunddreißigsten Lebensjahr Ohrfeigen als Strafe zu verabreichen. Später begnügte man sich mit einem festen Klaps ins Genick. Wenn sich aber die Situation so gestaltete, daß der Schlag von vorne kommen sollte, dann sollte er nach Ansicht der Sachverständigen schnell und sozusagen endgültig sein, wie der Punkt am Ende eines Satzes, so daß der Delinquent die Züchtigung schon überstanden hatte, ehe er überhaupt zur Besinnung kam, und damit das Gefühl einer Auflehnung gegen die Strafe in ihm gar nicht erst erwachen konnte. Bei älteren Männern war man etwas vorsichtiger mit körperlichen Züchtigungen. Die Alten über sechzig brachen bereits bei einer drohenden Gebärde in Tränen aus, nicht weil sie Angst hatten, sondern aus Scham vor der Demütigung. Anscheinend erwachte in ihnen erst in diesem Alter das Bewußtsein der menschlichen Würde. Bei Volljährigen vermied man möglichst den Gebrauch eines Steckens, Stockes oder einer Reitpeitsche. Während nämlich die handgreifliche körperliche Züchtigung im allgemeinen mit Ergebung, manchmal sogar lächelnd ertragen wurde, als wäre der direkte, von Mann zu Mann erfolgte Schlag weniger entehrend, lösten die mit einem Gegenstand erteilten Prügel nicht selten unerwartete Wirkungen aus. Die gleichen Beobachtungen haben auch Tierpsychologen gemacht. Die Haltung des Geschlagenen war nicht allein von dem ihm zugefügten Schmerz abhängig. Ich erinnere mich noch der Worte eines jungen verheirateten Ochsentreibers: »Mit dem Stock soll mich der Herr nicht schlagen«, die er plötzlich mit hochrotem Gesicht hervorstieß, nachdem er ohne zu mucksen die Handgreiflichkeiten des Inspektors hingenommen hatte, als dieser gewissermaßen zum Schluß der Züchtigung mit einem Stückchen nach ihm schwippte. Kinder dagegen konnte man auf jede Art und Weise strafen.

Zitat 2: »Das Gesinde kann man mit Worten nicht wecken«, sagt der Volksmund. Dies war auch gar nicht üblich. Es war kein Zufall und geschah auch nicht mit beleidigender Absicht, wenn man gewisse Parallelen zwischen ihnen und dem Vieh zog. Wer sein Leben lang in den Spuren der im Schneckentempo sich bewegenden Ochsen, die man am ehesten mit einer Mistgabel in die Höhe brachte, einherging, wer von früh bis abends auf einem von Wasserbüffeln gezogenen Wagen saß, die, wenn nicht angespornt, bekanntlich sofort stehen blieben und sich in die nächste Wasserpfütze legten, der eignete sich früher oder später das Tempo dieser Tiere ebenfalls an, besonders wenn er tagsüber mit keinem anderen lebenden Wesen in Berührung kam. Der Ochse setzte sich erst in Bewegung, nachdem man ihn einige Male angebrüllt hatte, und der Treiber, der eigentlich genau so eingespannt war wie seine Tiere, nahm unwillkürlich auch deren Wesen und ihre Haltung an. Hier handelte es sich anscheinend um einen wohlbegründeten und nutzbringenden Selbstschutz, um eine Art seelischer Mimikri.“

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