Die geheimnisvolle Tiefe der Tatsachen

„Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische“, schreibt Wittgenstein in seiner Logisch-philosophischen Abhandlung, „sondern dass sie ist.“

Wir können jeden Gegenstand in seine Bestandteile zerlegen oder mit anderen zusammenstellen, vermessen, um zu bestimmen, was es mit ihm auf sich hat – dadurch wird aber nicht erklärt, warum es ihn gibt. Egal, wie sehr man das Brandenburger Tor analysiert oder einordnet, es lässt sich so nicht herausfinden, wieso es in Berlin steht und nicht in Hannover.

Es steht aber in Berlin, unerklärlich und daher – geheimnisvoll.

Tatsachen haben eine innerweltliche Überwirklichkeit, die sie so vollständig wie notwendig macht. Es gibt keine unvollständigen Tatsachen. Deswegen kann man Tatsachen auch nicht ausdenken, denn somit wären sie nicht faktisch, sondern vorgestellt, verallgemeinert – es fehlt einer Vorstellung das Unverwechselbare, um als Tatsache zu gelten.

Tatsachen sind einmalig, hängen aber zusammen mit allen anderen Tatsachen, die sie berücksichtigen.

Das Denken kommt zwar nie ganz ans Wirkliche heran, wohl aber das Handeln, welches selbst bereits eine Tatsache, somit notwendig ist: man kann sich ihm nicht entziehen (selbst das noch wäre Tun). Es gipfelt in etwas, das sich nicht ungeschehen machen lässt, notwendig wird und weiteres Handeln bestimmt.

Echte Notwendigkeit entspringt somit dem Tatsächlichen. Spekulativen oder statistischen Notwendigkeiten fehlt die Unerbittlichkeit des Faktischen. Absolutes Wissen kann nur aus dem geschöpft werden, was der Fall ist.

Ihre Notwendigkeit aber erhielt die Tatsache allein durch den Zufall, der sie wahr machte. Auch ist sie vollständig nur, weil sie einmalig ist; es lassen sich aus ihr keine Gesetze ableiten. Das Denken kann sie zwar nie erreichen, ist aber auch über sie hinaus, indem es sich immer weitere Fälle vorstellt, denen jedoch die Notwendigkeit des Tatsächlichen immer mehr abgeht.

Tatsachen auf denkbare Größen zurückzuführen, neutralisiert sie zu zufälligen Verwirklichungen einer allgemeineren Natur, die der Nominalismus zur recht als fiktiv herausstellt. Eine wirkliche Lehre von Ursprung, Voraussetzungen und Sinn des Wirklichen würde ihren Ur-Fall nicht in etwas sie absolut Umgreifenden, sondern im Geschichtlichen der Tatsache sehen.

Geschichtstatsachen sind eine Sammlung dessen, was der Fall ist. Die positiven Wissenschaften entdecken seine Maße, das Geschichtsverständnis aber sein So-und-nicht-anders-Sein als

            • notwendiges Ergebnis eines Tuns
            • Bestandteil des Welt-Gewebes
            • Zeugnis seiner Möglichkeit

Eine Tatsache beweist ihre Möglichkeit, nicht weil sie aus ihr folgen musste, sondern durch sie allein zur Wahl gestanden, beabsichtigt worden sein und sich entwickelt haben konnte.

Wenn man den Möglichkeitszwang für alles, was ist, durchdenkt, gelangt man zu weitreichenden Ergebnissen – zum Beispiel des geschichtlichen Wahrwerdens eines Willens in allem, was tatsächlich vorliegt. Dass es Tatsachen gibt, beweist dann etwa, dass sie gewünscht sind.

Tatsachen werden nicht in erster Linie erkannt, sondern beabsichtigt. Während die Erkenntnis etwas ermisst, ihren Gegenstand also sich anpasst, füllt die Tatsache ihre Möglichkeit aus und entsprechend das Verlangen nach ihr. Liebe beherrscht nichts, sondern weiß sich ergriffen – von etwas Einzigartigem, Unwiederholbarem, daher Tatsächlichem.

Was ich will und handelnd anbahne, ist immer konkret, seine Vorstellung erreicht es nicht. Liebe stellt sich nichts vor, staunt nichts an, sondern will etwas wahrhaben, dessen Anwesenheit sie begeistert. Sie fragt nicht nach dem Ist, sondern verstrickt sich in seiner Soheit, wie sie kein Gedanke erreicht.

„Ich liebe dich“, affirmiert gerade das Zufällige des anderen als das, was alles übersteigt.

Das Wesen der Tatsache kann somit nicht in ihren Eigenschaften oder Maßen, sondern muss darin beruhen, dass sie angestrebt (geliebt) werden kann. Die Metaphysik der Tatsache wäre somit eine des Willens, der Tat und der Liebe.

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