Die Philosophie des Maurice Blondel – Blick über die Hauptgedanken

„Ja oder nein: Hat das menschliche Leben einen Sinn? Hat der Mensch eine Bestimmung?“ beginnt Blondel sein Hauptwerk L᾽Action – lässt es enden mit dem Satz: „Es ist.“

Der Philosoph nimmt an, dass unserer Leben auf Erden bedeutend ist durch eine Bestimmung, deren Sinn sich schrittweise herausstellt, nachdem wir ihn uns eingehandelt haben haben. Denn die Welt ist – nach Blondel – nicht räumlich, sondern zeitlich verfasst: besteht nicht aus Dingen, sondern in Verläufen oder Entwicklungen, die sich mit den Dingen vollziehen. Die Welt ist somit eine gewaltige Handlung (action), zerfallend in Unterhandlungen, die sich dem Willen verdanken, der sie hervorbringt.

Blondel geht davon aus, dass das Schicksal der Welt sich nicht wiederholt oder im Kreis geht, sondern ein glückliches Ende hat, dessen Eintreten angelegt ist in einem Grundwollen, welches sich schrittweise, wann immer gehandelt wird, verwirklicht. Indem wir etwas tun, haben wir Teil an einem unendlichen Vermögen, das zu einem geheimnisvollen Schluss drängt. Dabei geht es um alles oder nichts für etwas Tatsächliches, dem Blondel nachspürt im Sinn jeder Handlung: wie sie Wahrheit erzeugt und abwirft, welche anschließend verstanden und formuliert werden kann.

Blondel nähert sich dem Glück über sein Dementi: Was, wenn das Gegenteil ursprünglicher und das Pochen auf etwas Bestimmtes nur eine Flucht vor der garantierten Belanglosigkeit ist? Untersucht werden zwei Haltungen, welche das Heilsversprechen durchstreichen: die Gemeinheit und das Misstrauen. Beide behaupten, das Leben und die Welt durchschaut zu haben und von keiner Wahrheit mehr eingeholt oder überrascht werden zu können.

Die Gemeinheit ist eine zugleich sehr intelligente und sehr sinnliche Geisteshaltung, die der Reihe nach zu den verschiedensten Formen des Lebens drängt und einen dahin führt, sich allen diesen Formen anzupassen, ohne sich einer von ihnen zu überlassen. Blondel weist nach, dass diese Haltung nicht ursprünglicher sein kann, sondern verursacht wird von der Sorge, das Glück zu verpassen, also von seiner Möglichkeit bestimmt ist.

Misstrauen unterstellt, dass es keine Tatsache geben kann, die das Grundwollen befriedigt, das sich daher besser auslöscht. Blondel weist den Selbstwiderspruch dieser Haltung nach, die unmöglich wäre ohne die Ahnung einer befriedigenden Tatsache, welche ihrem Trotz erst den Inhalt gibt und daher vorangeht.

Nachdem Blondel auf diese Weise die Tatsächlichkeit des Bestimmten bewiesen hat, spürt er dessen Hauptsache weiter nach in den Wissenschaften, den grundlegenden (Mathematik …) sowie den beobachtenden (Physik, Chemie, Biologie …) und bemerkt, dass die beobachtenden Wissenschaften nicht ohne die ihnen eigentlich fremde Mathematik, diese aber nicht ohne das Handeln auskommt, welches sie stiftet und über ihre Widersprüche hinaus geht.

Der Sitz des Wahren ist somit die Handlung in ihrer Bewegung als Quelle jeglicher Tatsache sowie des Denkens, das ihr kaum vorausgeht, sondern entspringt. Denn Bewusstsein entsteht nach Blondel erst durch wetteifernde Handlungsmöglichkeiten, deren Unverträglichkeit es zu einer Art Stellungnahme aufspannt.

Handlungen sind selbständige, in sich abgeschlossene Einheiten, die unterschiedliche Schritte in einen Verlauf binden, welcher durch Anfang, Mitte und Ende einen bestimmten Witz hat. Sie können zu Bestandteilen immer weiterer Handlungen werden, miteinander einhergehen oder, dieselben Mittel beanspruchend, im Streit liegen.

Hervorgetrieben von ihrem Gewimmel und gespeist von dessen Bewegung, wölbt sich Bewusstsein vernünftig über das Drama und ist in der Lage, es zu überwachen. Das ist das Ur-Wesen der Freiheit: Handlungen zu überblicken und im Griff behalten zu können. Selbst hat sich die Freiheit damit aber noch nicht übernommen und bleibt unmoralisch, solange sie sich nichts einhandelt, also tatsächlich oder wahr wurde durchs Ergreifen einer Handlungsmöglichkeit auf Kosten der anderen.

Darin besteht nun das Grundwollen. Es ist durchdrungen von der Forderung nach einem besseren Leben und muss handeln: Tatsachen schaffen, die ihm genügen. Was nie ganz gelingt. Es ist unendlich viel mehr vorgesehen im Grundwollen, als alle Tatsachen, die es sich einzuhandeln imstande ist. Sein Begehren aber nach einer endgültigen Überraschung oder Erfüllung durchströmt den Sinn und das Schicksal des Lebens.

Die Wahl einer Handlung bedeutet immer Risiko, da die Sachen, welche sie erwirkt, sich nie ganz vorhersehen lassen, sondern stets nur im Rückblick wahr und nicht falsch sind. Blondel verfolgt den Handlungsdrang und seine Ergebnisse zunächst im persönlichen, dann gesellschaftlichen, schließlich sogar universalen (umweltlichen), zuletzt aber abergläubischen Handeln. In jedem Stadium wird etwas notwendig wahr gemacht, aber es entspricht doch nie ganz der Vorstellung des subjektiven Grundwollens.

Abergläubisches Tun besteht schließlich in dem Versuch, die Sehnsucht wahrzumachen in einer Gegebenheit, die dann zwar existiert, ihre Tatsache im Grunde aber nur meint, nicht wirklich ist – trotzdem so angesehen und „geliebt“ wird, als ob sie in ihr wirklich schon vorläge. Die Gegenstände des Aberglaubens entsprechen dem Teddybären des Kleinkindes oder der Pornographie des Erwachsenen. Solcher Fetisch verdankt sein Dasein alleine der Vorstellung, nicht etwa dem, was er von sich aus vollbrächte. Alles Beabsichtigte im Leben, das einen restlos zufriedenstellen soll, steht im „Fetisch“-Verdacht des Aberglaubens. Wo er verfängt, nicht durchschaut wird, übertönt er die Not wahrer Sehnsucht und verhindert ihre Erlösung.

Der Aberglaube verdankt sich einerseits der Enttäuschung. Aber auch dem Erfolg. Denn wenn uns etwas im Leben gelingt, wirklich gelingt, sind wir immer auch überrascht bis erschrocken darüber, die Anwesenheit eines Vermögens spüren, an dem jeder Handelnde teil hat. Dieses Gelingen, seine Allmacht, möchten wir im Griff behalten und legen es daher aus unserer Freiheit, die sich ihm anschloss, in einen Gegenstand, den wir irgendwie handhaben können: indem wir ihm primitiv dann Opfer bringen oder unsere Intelligenz zuwachsen lassen als Wissenschaftler, Philosophen, Ideologen, Skeptiker usf.

Man erkennt den Aberglauben am verletzbaren Stolz, den jene verstrahlen, die ihn unterhalten. Alles, was stolz macht im Leben, trennt einen von der Gesinnung des Grundwollens und hat seine Sehnsucht erwürgt unter dem Vorwand, sie spontan zu erfüllen.

Ein weiteres Kennzeichen des Aberglaubens ist bald seine Allgegenwart; hinten und vorne gibt es dann nichts mehr auf der Welt, dass er mit seinem Anspruch nicht bereichert oder vollendet haben möchte. Die Metaphysik und ihre Abkömmlinge Wissenschaft, Kunst oder Kultur sind daher abergläubisch in dem Maße, in dem sie durch nichts mehr überrascht werden möchten.

Selbst wer den Aberglauben daraufhin rigoros durchstreicht – bleibt ihm verhaftet, wenn der damit verhindern will, aus den Wolken zu fallen. Es ist nämlich die rationale Autarkie oder Vernunft, welche verhindert, dass unser Grundwollen, das sich danach sehnt, überrascht wird.

Die eingehandelten Tatsachen reichen nie hin, und aus Angst, sich damit abfinden zu müssen, schafft der Aberglaube einen Ersatz, der nicht mehr hinterfragt werden darf, um den Mangel zu übertönen. Das Evangelium des Aberglaubens ist der Himmel auf Erden; denn er will immer schon da sein, nichts noch erreichen.

Ob der frustrierte Wille sich nun überall hin verbreitet oder vollkommen zurückzieht, es kehrt keine Ruhe ein, und er verelendet infolgedessen. Bestenfalls wird er durch eine Wehmut, welche die Dinge im Vergleich zum Widerstand seines höheren Verlangens ausstrahlen, jenes heiligen Ernstes inne, der keine Erfüllung findet in dem, was ihm immer erreichbar ist. Sich trotzdem weiter zu sehnen, signalisiert, dass uns der Sinn nach etwas Unmöglichem steht. Vor dem unsere Eigenmacht versagt. Es müsste für sein Eintreten daher etwas bejaht werden, das uns von sich aus einnehmen und erfüllen möchte.

Doch es reicht nicht, sich davon bloß aus dem Schlaf reißen lassen zu wollen; man muss etwas auch dafür tun – proaktiv einladend dem gegenüber werden, was einen erfüllen soll. Man gelangt so notwendig an folgenden Kreuzweg und muss sich entscheiden: für oder gegen die Bereitschaft, sich einnehmen und überraschen zu lassen.

Blondel redet hier von der Entscheidung für den Tod der Handlung oder das Leben der Handlung.

Getötet wird die Handlung durchs Verharren im Aberglauben, dem Anspruch also, die Möglichkeiten der Welt erschöpft und versammelt zu haben in irgendeinem Fetisch primitiver oder ausgeklügelter (metaphysischer . . .) Form, daher auch nichts mehr erwarten zu müssen. Rein äußerlich scheint diese Geste bescheiden, vergänglich oder trivial. Aber sie hilft etwas Hoffnungslosem und damit Verdammtem zum Durchbruch für jene, der sich dafür entscheiden – für den Abbruch des Schicksals.

Das Leben der Tat folgt dagegen aus einer Entscheidung für die Neigung, sich von einer Handlungsaufforderung anstecken zu lassen, die den bestehenden Rahmen sprengt und sich daher nicht vorhersehen oder weiter berechnen lässt. Zur Vorbereitung gehört, den natürlichen Wert von allem, das man sich bisher einhandelte, zu dämpfen, selbst jener Tatsachen, denen man sich mit einem höheren Gefühl zuwendet, ohne zu wissen, was dieses rechtfertigt. Um verheißungsvoll beschlichen werden zu können, darf der Wille sich nicht zu sehr an seine bisherigen Hervorbringungen gewöhnt haben – muss bereit sein, sie zu opfern.

Der Mensch soll dann nicht etwa aufhören zu handeln, vielmehr erkennen, dass alleine er sein Tun niemals vollenden kann; dafür muss es von etwas weiterem gewollt sein, das man noch nicht durchsteigt, aber ausführen oder unterlassen und auf dessen Erscheinen man auch lauern können muss.

Die Neugier soll somit im Alltag verharren, hat dabei aber immer mehr im Sinn. Denn worauf Handlungen hinauslaufen, lässt sich, je echter sie sind, erst im Nachhinein verstehen und auseinandersetzten, nie aber das, was dabei tut und wünscht,  sich dem Denken entzieht, es vielmehr verantwortet und allein garantieren kann, das Grundwollen zu befriedigen. Es drängt sich unserer Vorsicht auf, unbegreiflich, insofern es im Diesseits nicht verankert, sondern dieses mehr zu durchdringen scheint und vollendet. Zutage tritt es zunächst im Merken auf etwas Verheißendes, dem zugestimmt und gefolgt werden kann – oder nicht – in eine Richtung, die Überraschung verspricht und aufs Spiel setzt, was einen schon stolz macht und selbstzufrieden. Es erregt die Bereitschaft, unterwandert zu werden (sich zu verlieben).

Da solche Erhebung dem Alltag widerspricht, bedarf es eines Übersetzers, der ihre Anmut entziffert. Sowie eines Führers durch jenes, woran man soll Anteil nehmen. Auch eines Richters, um abzurechnen mit der bisherigen Schuld, die man auf sich geladen hat – oder eines Retters, der sie auf sich nimmt. Trotz solcher Vermittlung aber könnte der Vorgang nicht überraschen und damit selig machen, wenn er nicht geheimnisvoll, also unwägbar bliebe. Seine unzugängliche Mitte entfaltet sich leise im Tun, das sich somit den Weg bahnt. Man handelt im Sinne von dem, was einen dabei durchwirkt, nie ganz klar wird und zur Vereinigung mit dem Grundwollen führt.

Das Erfüllende ultimativen Handelns wird ermöglicht durch den Freimut desjenigen, der sich darauf einlässt. Seine Offenheit wird von dem Handeln nicht etwa verursacht, sondern ist eine Voraussetzung – nicht dafür, dass es gelingt, sondern mitnimmt. Verstand und Geschick müssen also nicht etwa ruhen, denn sie garantieren den Erfolg, nicht aber das, was erhebt. Dieses verdankt sich einem seltsamen Vermögen, das zulegen muss, um das Grundwollen zu erlösen, zulegen als Ferment nicht Spezialität oder Leidenschaft einer Handlung.

Das uns von Geburt an beherrschende Grundwollen drängt somit schließlich und endlich immer zur Offenheit für eine Herausforderung, auf deren Weiterungen man es ankommen lässt, um befriedigt zu werden. Das fürdere Handeln ist nur dann frei von Aberglauben, wenn es nie weiß, worauf es hinausläuft.

Ganz zu sich kann das Grundwollen somit erst kommen, indem es sich einlässt auf etwas Vielversprechendes, dessen ungewisse Fülle sich nach und nach wohl herausstellt, aber nie ganz durchstiegen wird. Dabei handelt es immer mehr Sinn ein und überrascht damit jene, die mittun – ihr Alltag geht einher mit einer Praxis, deren Schimmer zusehends durchsackt in jedes seiner Glieder und sie immer wieder belebt.

Ein normaler Alltag ist daher unabdingbar für die ultimativen Tatsachen des Grundwollens, welche ihn in ein anderes Licht tauchen. Es reicht dafür nicht, auf ein Werden vorbehaltlos einzusteigen, dieses muss auch ganz wie Musik selbst etwas mitteilen, das man noch nicht weiß, sondern aufnimmt und umsetzt.

Die Tatsachen aber, welche dem Grundwollen schließlich genügen, sind dadurch einzigartig und universell zugleich. Ihre Anbahnung erscheint dem dafür aufgeschlossenen Herzen in undeutlichem Licht, dessen Quelle sachte erkannt wird. Aber auch wenn die Schritte ahnungslos oder widerwillig zurückgelegt würden, können sie doch etwas wecken, das vorher undenkbar gewesen wäre. Denn das, was sie meinen und leisten, bestimmen die Schritte, nicht der, der sie tut und es mit der Zeit in sich aufnimmt. Auch in den alltäglichsten Handlungen liegt so die Gelegenheit eines Zusammenspieles mit dem, was zur Vereinigung mit dem Grundwollen führt.

Der innere Mensch ist nach Blondel nicht Ausgangs-, sondern Stützpunkt oder Wohnstatt für etwas anderes, das in jedem, der sich von ihr einnehmen lässt, zwei absolut unvertauschbare Leben vermischt und so die Teilhabe an etwas Großartigem ermöglicht, das nicht bewerkstelligt, nur empfangen werden kann. Wie in der Liebe setzt man etwas anderes an die Stelle von einem selbst.

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