Der Verkehrspolizist

Mitten auf einer viel befahrenen Kreuzung, durch die Auspuffgase der Autos kaum sichtbar, steht der Verkehrspolizist und gibt seine Zeichen. Sein schmutziger kleiner Turm, der ihn über die Autodächer blicken lässt, ist von einem Erdkreis umgeben, auf dem früher einmal Rasen gewachsen ist. Seine Bewegungen mit den Armen werden von den Autofahrern kaum noch wahrgenommen, wiederholt wurden Stimmen laut, den ohnehin beengten Platz auf der viel befahrenen Kreuzung nicht auch noch durch einen Polizistenturm zu verkleinern, doch die Obrigkeit zeigte sich unerbittlich. Das machte die Autofahrer wütend, und beinahe schien es so, dass sie den Bewegungen des Polizisten genau entgegengesetzt handelten, im berechtigten Vertrauen darauf, dass ein einziger Polizist nicht 70 Autonummern notieren kann. Der Polizist bemerkte das und versuchte dann, seine Bewegungen denen der Autofahrer anzupassen, aber das gab nur ein heilloses Durcheinander, und allgemeines Gelächter übertönte seine Trillerpfeife. Natürlich konnte er auch kein Auto fahren, was bei jedermann bald bekannt war und einen Grund mehr bot, sich über ihn lustig zu machen. Wie konnte jemand, der noch nie im Auto gesessen hatte, den Verkehr steuern? Der Polizist verteidigte sich: er habe es von seinem Vater gelernt, der Verkehr zu regeln, und der habe Auto gefahren. Ja, entgegnete man ihm dann, er habe aber einen Unfall gebaut – wie wäre er sonst Polizist geworden? -, und man wisse, wie es um seine Fahrkünste bestellt gewesen sei. Sicherlich, erwiderte dann der Polizist, aber der Unfall sei nicht das Verschulden seines Vaters gewesen, vielmehr habe er sich genau an die Bewegungen des damaligen Polizisten gehalten, und das habe dann zu dem Unfall geführt. Da sehe man, sagten die anderen, wie überflüssig Polizisten seien, wo sie doch nur Unfälle verursachten, vielleicht sogar mit voller Absicht, um sich selber eine Existenzgrundlage zu schaffen. Ja natürlich, nur solange es Polizisten gibt, gibt es Unfälle, gestand der Polizist ein. Aber was wirst Du tun, wenn ihr Polizisten dafür gesorgt habt, dass es keine Unfälle mehr gibt? Wirst du dann Auto fahren, hahaha, Auto fahren? Du müsstest es lernen, Polizist, als Anfänger wärst Du eine einzige Gefahr auf den Straßen, Unfälle und Aberunfälle würdest Du verursachen. Siehst Du nun also, dass Du auf jeden Fall ein Unglück für uns bist? Wird es nicht besser sein, wir bauen unsere eigenen Unfälle statt Deine? Unfall ist Unfall, sagte der Polizist. Und wenn es sowieso immer welche gibt, und es mein Beruf ist, sie zu verhüten oder zumindest Ordnung danach zu schaffen, warum wollt ihr mich das nicht tun lassen, wo es doch das einzige ist, was ich tun kann? Gut, sagten die Leute, wir wollen Dich dulden, aber bilde Dir ja nicht ein, dass wir immer auf Deine Regeln achten. Hin und wieder werden wir zu Dir aufschauen, um zu sehen, was du dazu meinst. Deinen Turm aber müssen wir an den Rand des Platzes stellen, sonst wird die Verwirrung doch zu groß. Jawohl, sagte der Polizist, das dürft ihr tun, ihr Ignoranten, wie könnte ich mich dagegen wehren. Wisst ihr aber, wie es früher war – mein Vater hat mir davon erzählt ? Grüner Rasen stand unter meinem rot-weiß gestreiften Turm, auf mein Kommando bewegten sich die Auto – es waren weniger und schönere als Heute, und es war eine Freude, den Ablauf zu verfolgen. Ich kann mich kaum erinnern, dass es zu Unfällen gekommen ist. Dann aber wuchs die Zahl der Autos ins Unermessliche, der Blick reichte nicht hin, um die letzten zu erfassen, und so kam es zu den ersten Unfällen, denn sie konnten mich nicht mehr sehen. Dann handelten sie mehr und mehr nach eigenem Dafürhalten. Aber früher, da war es schön. – Früher, Polizist, hör uns damit auf! Heute brauchen wir andere Polizisten!

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