Die Kakao-Inseln

São Tomé und Príncipe im Atlantischen Ozean unterhalb Nigerias gehört zu den kleinsten Staaten der Welt, bis jetzt vom Tourismus noch völlig unberührt

Aller Kakao dieser Welt kam einmal hierher – vom Äquator, wo Anfang des Jahrhunderts während einer Sonnenfinsternis Einsteins E=mc2 bewiesen wurde, und heute „Honnecker“ zu Hause ist am einzig echten Barcadi-Strand: im Golf von Guinea, weltvergessener Fluchtpunkt für Abenteurer und Entwicklungshelfer aus Europa, Asien und neuerdings Südafrika. Reisende gibt es noch wenig; dafür Urwald über entlegenen Palmenstränden, warmes, smaragdenes Salzwasser unter Segelfischen und an Land, fleckig geworden, die Spuren eines Weltreichs, wie Mayabauten nun von Regen und Gewächs bedroht. Portugiesisch sprechen die 120.000 Bewohner der Zwei-Insel-Republik, einst Sklaven, und ihr Traum der großen Welt heißt Lissabon, nicht Expo-Metrople ’98, sondern jene altgewordene Dame, die einmal ihre Söhne den Atlantik hinunterschickte, wo sie – mehr als andere – sich mit der Bevölkerung vermischten, einen seltsamen, traumverlorenen Stil in Menschen und Gebäuden hinterlassend. Solche Verwandtschaft bringt das Mutterland, bedacht auf Fortschritt und Prestige im Euro-Bund, inzwischen eher in Verlegenheit. Kurz nur taucht seine Fluggesellschaft als einzig internationale auf die Inselpiste und hat‘s so eilig, weiter an die Elfenbeinküste zu kommen, daß säumige Ticketinhaber schon mal in São Tomé zurückbleiben und eine Woche bis zum nächsten Flieger warten müssen.

Wenn man abends landet, begrüßt von Neonflutern, scheint einen draußen die ganze Bevölkerung des Hauptorts zu erwarten, ein großteils kaffeefarbener Mischlingsschlag, der sich zugute hält, was ihn beizeiten von andren Farbigen der Insel unterschied: Selbstbestimmung. Die königlichen Statthalter neigten hier früh, Abkömmlinge Portugals freizulassen, ein Vorrecht, das beim Anblick ständig durchgereichter Sklaven noch heut‘ mit einem Eifer verteidigt wird, der letztlich hinter jeder Bindung, selbst einer Heirat oder Unterschrift, Hörigkeit wittert. São Tomés und Príncipes Unabhängigkeit – und auch, was nachher kam – verdankt sich den Kreolen. Denn zum wirtschaftlichen Überleben hingen die Inseln nach Einstellungen des Sklavenhandels von Zuckerrohr, danach Kakao ab, der gemütlich im Schatten von Dschungelbäumen gedeiht und geerntet wird. Keine Arbeit für Freigelassene! Aushilfskräfte von den Kapverdischen Inseln und aus Angola mußten eingeführt werden. Kreolen waren höchstens in der Umgebung tätig (ihr eigner Herr!) oder saßen, wie die oftmals zwangsgekeilten Gastarbeiter übelnahmen, untätig herum, nachdem sie mit etwas Fischen oder Bananenpflücken ihr Nötigstes besorgt hätten. Die Jahrbücher verzeichnen Übergriffe. Zur staatlichen Unabhängigkeit ermutigt von der Aussicht, niemand mehr willens sein zu müssen, schwangen Kreolen sich in den ‘70ern zu den neuen Herren der Kakaopflanzungen auf, vertrieben die Portugiesen, deren Gastarbeiter – und vermochten sie anschließend nicht zu ersetzen. Hilfe wurde angedient und entgegengenommen von Staaten wie China oder Nordkorea. Die Deutsche Demokratische Republik errichtete eine noch heute arbeitende Brauerei (und hinterließ weitere Mischlinge, unter anderem einen jugendlichen „Honnecker“ auf Príncipe). Die Plantagenverwaltung übernahmen Kubaner gegen die Zusicherung, täglich mit Rindfleisch versorgt zu werden. Dann gab es keine Kühe mehr auf São Tomé und Príncipe, dann keine Schweine; man munkelt, die letzten wären von Kubanern vor deren Abzug auf Kühlschiffe geschafft worden, nachdem ihre Tierärzte zuvor Schweinpest festgestellt und eine Massenschlachtung angeordnet hätten. Was die Inseln dem linken Zwischenspiel indes verdanken, ist die für Afrika beträchtliche Alphabetisierungsrate von über 60%.

Solcherart eingestimmt, erwartet der Besucher Schlaglöcher und Stromausfälle und nicht als erstes auf dem Weg zur kleinen Hauptstadt rechts in einer Bucht die Luxusbungalows eines Mehrsterne-Hotels „Mariln Beach“. Ohne Charterflüge? Bei einer einzigen internationalen Luftverbindung wöchentlich? Wo kommen da die Gäste her? Das klapperige Taxi ist schon weiter, über eine Anhöhe und hinab in den meist dunkel ums Meer liegenden Hauptort, vorbei erst an den gestrichenen Betonvillen der paar Bessergestellen, dann die löcherige Uferstraße entlang bis zum Palast des Staatsoberhauptes, der wie eine Operettenvilla rosa ins Mondlicht ragt. Hinter verschlossenem Parkgitter stehen die Portalflügel des Sitzes offen und erleuchtet führt ein roter Teppich die breite Treppe hinauf. Niemand ist zu sehen. Auch die Häuschen der Schildwachen stehen leer. Tagsüber jagen sie einen dann fort, wenn man dem Palast zu nahe kommt. Davor kehrt eine alte Frau Blätter zusammen. Ein dunkler Mann mit gespanntem Hemd über dem Bauch kommt heraus und reckt sich in die Sonne. Der Präsident?

Er weilt, stellt sich später heraus, meist bei seiner Familie in Paris. Und das luxuriöse „Marlin Beach“ gehöre, heißt es ehrfurchtsvoll, einem in Indien aufgewachsenen Deutschen, jetzt Südafrikaner, der von den Philippinen aus handele und dem São Tomé viel zu verdanken habe; er sei Bürger und Konsul des Inselstaats in Kapstadt. Auch gäbe es noch ein Mehrsterne-Hotel „Miramar“ am anderen Ortsende, ebenfalls unter deutscher Leitung. Es entpuppt sich als wohlklimatisierte Oase, mit $ 80 pro Einzelübernachtung nicht gerade billig, aber vollständig, eine zuverlässige Verpflegungsstelle im Dschungel mit eigener Energieversorgung, geleitet von einem tüchtigen Bayern, der sich auf die Art seines Stammes durch Schimpfen motiviert. Wer sich länger an seiner Bar oder im Straßencafé aufhält, trifft bald sämtliche Entwicklungshelfer, die meist für die EU hier tätig sind. Etwas die Straße hinauf ragt als einzig wirklicher Neubau São Tomés das UNO-Hauptquartier für Westafrika rötlich und dunkelgläsern an einer weiten Kreuzung.

Alle Straßen sind hier draußen weit in der Sonne, imperiale Alleen mit flachen Einfamilienhäusern hinter Betonzäunen und zerwucherndem Grün zwischen verblichenen Steinbänken auf berstenden Mittelstreifen. Sie treffen sich an geheimnisvoll leeren Rundplätzen, wo turmartige Denkmäler vergessene Ehrentage feiern. All dies muß in den 40er Jahren entstanden sein, als Europa im Krieg versank und Portugal hier eine eigentümliche Moderne artikulierte. Am eindrucksvollsten im inzwischen geplünderten Kino, das – von außen an einen russischen Zukunftsfilm gemahnend – innerlich in prunkloser Klassik träumt und nachklingt. Auf dem sonnenbleichen Holzboden rascheln die Zelluloidreste des letzten Films.

Die Altstadt steht enger: mehrgeschossige Häuser, ziere Brüstungen und morsche Holzläden, im Erdgeschoß hohe Ladentüren, einst portugiesisch bunt verputzt, jetzt scheckig von ungezähmten Wetterflecken. Tiefer bröckelt moosgrün der Putz auf den Bürgersteig. Daran vorbei ein nicht enden wollender Strom von Fußgängern. Hinter einem blassen Schaufenster liegt medizinisches Spritzbesteck – neben Abflußrohren. In den gelbgestrichenen Markthallen kommen viele der verpackten Ware aus Europa, Obst und Gemüse dagegen von Versuchspflanzungen, die französische Entwicklungshelfer hier im Oberland durchführen.

Die Insel wird ansonsten vom Regenwald beherrscht. Darunter Kakaoplantagen, deren Ertrag auf wenige Zehntel ihrer Einst-Kapazität gesunken ist, weil sich der Weltmarkt, wohl aber auch der Sachverstand zurückgebildet hat. Was hier einmal geleistet wurde, veranschaulichen eindrucksvoll die alten Gutshöfe, in Rodungen angelegte Dschungeldörfer mit steinernen Wohnvierteln, Läden, Kapelle und einem Gleisanschluß in den Erntebereich. Hier fuhren kleine Dampf- und später Diesellocks. An höchster Stelle liegt, wegen der besseren Luft, nicht das Herren-, sondern das Krankenhaus, zu dem hinauf ein imperialer Korso führt. Jeder Gutshof war seinerzeit verpflichtet, ein solches Sanatorium für seine Mitarbeiter zu unterhalten. Noch heute ist die Lebenserwartung in São Tomé und Príncipe höher als anderswo in Afrika.

Und natürlich ist alles von Strand umgeben, oftmals unberührt, weil einfach unerschlossen und auch nicht einfach zu erreichen – wie Mallorca in den ‘60ern mit allen Vor- und Nachteilen; touristisch läuft hier noch so gut wie nichts. Wie oft in solchen Fällen sind die Preise daher entweder lächerlich hoch oder gering. Ein köstliches Schmalzgebäck im Marktcafé von São Tomé kostet 20 Pfennig, eine Übernachtung im „Bom Bom“ auf Príncipe DM 500.

Bom Bom gehört – wie Marlin Beach – dem sagenhaften „Deutschen“, der im Angolakrieg, heißt es, mit vier amerikanischen Raupenfahrzeugen und einer Handvoll philippinischer Schlosser Diamanten für die Regierung schürfte, von den Aufständischen gejagt wurde und sich die Inseln hier als Fluchtpunkt ausspähte. Dafür soll er unter anderem São Tomés erste nationale Fluggesellschaft geschaffen und unterhalten haben: um seine Männer im Notfall – aber auch zu Wochenenden – nach Marlin Beach zu bringen. Die Bom Bom-Ferienanlage in Príncipe, heißt es, sei von ihm auf der Rückseite einer Zigarettenpackung entworfen und genauso verwirklicht worden.

Die Air São Tomé e Príncipe fliegt viermal wöchentlich zwischen den Inseln, die 150 Kilometer voneinander entfernt sind, eine tschechische Propellermaschine mit silberhaarigem russischen Piloten, der mitsamt dem Flugzeug in Angola erworben wurde, nachdem sein Vorgänger sich mit einer Bruchlandung zwar nicht umgebracht, aber aus dem Verkehr gezogen hatte.

In Príncipe am Praia Banana wurde die Kinoreklame für Bacardi gedreht: junge Männer und Frauen, die es sich unter Palmen ein Leben lang gut gehen lassen. Das bergige Inselchen verströmt die einschläfernde Schwüle eines Tropenparadieses, dessen ewiges Grün sich anschickt, die portugiesischen Häuschen des einzigen Haupt- und Hafenorts stückweise zurückzuerobern. Eine große Stille umfängt und bezaubert mit Sonnenuntergang den ausgelaugten Betrachter auf einer der zerborstenen Steinbänke zur Bucht. Es gibt hier so gut wie keine Fahrzeug- oder Fernsehgeräusche. Ein frommer Gesang, eine katholische Prozession nähert sich und zieht, angeführt von einem rasputinischen Missionar durch die zerfallenden Gassen. Der Pater ist Österreicher und ein wandelndes Nachschlagewerk der Geschichte Portugals, seiner Kolonien, São Tomés und insbesondere Príncipes. Er erklärt die Menschen entsprechend der Umgebung, in der sie leben. Hier sei Regenwald, also wenig fruchtbare Bodenbestandteile; alles Leben erfolgt und verschlingt sich darüber: zwischen Baumdach und Erde. Die Schwüle behindert die beharrliche Verfolgung eines einzigen Ziels. Die Menschen gingen daher mindestens fünf verschiedenen Beschäftigungen nach: Fischen, Ackerbau, Handwerk, Sammeln und etwas Gewerbe. Man sieht sie in der Tat, langsam, aber immer irgendwie beschäftigt, unterwegs. Auch der Pater selbst folgt dieser Lebensform, ißt wie die Menschen hier unregelmäßig, was ihm gerade unterkommt. Folgt gern daher der Einladung ins Bom Bom, wo man ihn kennt und öfters füttert. Der Besitzer, erfährt man von ihm, sei übrigens Sohn eines deutschen Missionars.

Bom Bom besteht aus weitgehend in die Natur gebundenen Südsee-Rundhütten, die mit jeder erdenklichen Annehmlichkeit versehen sind, insbesondere Klimaanlagen. Am Steg dümpeln Sportfischerboote, von denen aus man Pfeilhecht oder Riffbarsch angeln kann. Diese Wassergegend zieht weltweit Sportfischer an. Es gibt natürlich einen Swimmingpool, Tauchausflüge, Dschungelerkundungen – südafrikanische Weine vom Anwesen des Besitzers, selbst das Mineralwasser kommt von dort. Und überall in Sichtweite dehnt sich lieblichster Palmenstrand. Die Ferienanlage wird von Leuten besucht, die sich so etwas leisten können, aus Südafrika oder von den Ölgesellschaften hier im Golf. Bis Deutschland hat sie sich, scheint’s, trotz ihres von dort kommenden Besitzers noch nicht herumgesprochen.

Die Bom Bom-Geländewagen nehmen einen hinauf zu den Kakaoplantagen Príncipes. Die alten Gutshöfe, vor 20 Jahren von den Portugiesen verlassen, sind baufällig, aber stehen noch. In den Arbeiterunterkünften, siedlungsartigen Steinhüttenreihen, wohnen Prínciper, deutlich verarmt, und – wie stets – mit irgend etwas anderem beschäftigt. Eine verrostete kleine Dampflokomotive lugt um die Ecke. Im Herrschafthaus: Möbel von damals, Korbsessel in Sofaform und Doppelbetten im Stil amerikanischer Straßenkreuzer, eine Beletage, gefliest mit winzigen Fischbildern, und eine melancholische Innentreppe aus dunklem Holz – Antiquitäten einer Zeit, der keine gleicht. Nun will man alles erhalten, hier vielleicht die Nutzer einer Freihandelszone unterbringen, die in Píncipe eingerichtet werden soll.

Im weiten Hof kündet eine vergessene Marmortafel in verwaschenem Portugiesisch davon, daß der britische Astronom Sir Arthur Eddington hier unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg erprobte, ob Einsteins Vorhersage, daß Masse aufgrund ihrer Schwerkraft Licht abzulenken vermag, sich als wahr erweisen würde. Das Experiment mußte bei völliger Sonnenfinsternis in Nähe des Äquators durchgeführt werden und erbrachte endgültig, daß Einstein recht hatte. In unmittelbarer Nachbarschaft der Stätte finden heute Voodo-Messen statt, die im Lauf über glühende Kohlen gipfeln.

Und dann kommt der Regen, beinahe täglich, betonerweichend, den keine Scheibenwischer mehr beiseite schaffen. São Tomé bleibt stehen, der Strom fällt aus, alles muß warten. Nur die Kinder haben sich Regenschirme aus Bananenblättern gemacht und hüpfen unter den Bäumen der verschossenen Uferpromenade. Der alte Gouverneur, heißt es, hat sie einmal zustande gebracht, indem er alle Herumlungerer einsammelte und in Arbeitsgruppen organisierte. Gegenwärtig fehlt solche Tatkraft unter dem Äquator. Zu sehr sprudelt vielleicht die Entwicklungshilfe oder zu abwegig, nur selten die erreichend, die gemeint sind. Taiwan, das kleine Staaten weltweit braucht, um in der Vollversammlung der Vereinten Nationen zu bestehen, hat neulich mit einem Scheck beim Präsidenten vorgesprochen und seitdem eine Botschaft gleich gegenüber vom Nationalmuseum.

Taiwan könnte São Tomé samt Príncipe mit einmal kaufen und vollständig am Leben halten, aber dafür hängen die Bewohner doch zu sehr an Portugal, das geldmäßig am wenigsten für sie zu tun vermag, doch der Sitz ihre Seele ist. Es ist rührend zu sehen, wie sehr sie daran hängen, und wohl auch unmöglich für Portugal, sie völlig abzuweisen. Wer deine Sprache spricht, gehört schon zu deinem Volk. Man fragt sich unwillkürlich, wie einem wohl als Deutscher zumute wäre, über solch afrikanische Verwandtschaft zu verfügen.

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