Hektors Abschied am Skäischen Tor

ILIAS, 6. GESANG, VERS 399-502

Während der hin- und herwogenden Schlacht, als die Troer tödlich bedrängt werden, kehrt Hektor, der trojanische Königssohn, zurück in die Stadt, um etwas zu erledigen. Bevor er in die Schlacht zurückkehrt, die sein Leben bedroht, eilt er, um von Andromáche, seiner Gattin, und ihrem kleinen Sohn Abschied zu nehmen, trifft sie aber nicht zu Hause an. Noch einmal läuft er suchend durch die ganze Stadt. Beim Turm des Skäischen Tors entdeckt er Andromáche, die rasend vor Angst nach ihm ausschaut.

. . . Andromáche also rannte ihm entgegen,
hinter ihr her die Dienerin, die sie zum Turm geleitet hatte
und ihren herzigen Kleinen fest an die Brust presste – Hektors
Liebling, einen munteren Jungen, der übers ganze Gesicht strahlte
wie ein Stern: Hektor hatte ihn Skamándrios getauft – alle jedoch 
nannten ihn Astyánax – kleiner Stadtherr – zu Ehren seines Vaters,
auf dem Trojas Rettung lastete. Hektor sah ihn und lächelte sofort,
sprachlos geworden; Andromáche jedoch stellte sich neben ihn,
griff nach seiner Hand und flüsterte schluchzend seinen Namen:

„Was treibt dich? Du Draufgänger – wo hetzt du hin? Deinem
Untergang in die Arme und ohne an deinen Sohn zu denken
oder an mich arme Witwe: die ich sein werde, wenn du stirbst.
Die Griechen sammeln sich, sie werden sich auf dich stürzen
und dich töten. Verschlucken soll die Erde mich; was tu ich
ohne dich? Wer wärmt mich? Was bleibt mir noch als Trost,
wenn dich dein Schicksal ereilt hat? Nur Leid erwartet mich –
Leid um Leid: ich hab‘ ja weder Mutter noch Vater: Achilles
tötete ihn als er Thebe, unsere kilikische Hauptstadt, mit ihren
stets für alle offenen Toren stürmte und ausplünderte: er ließ 
meinem Vater Eétion wenigstens seine Rüstung aus Respekt
und verbrannte den Leichnam mit dem Prunk seiner Waffen;
er errichtete den Grabhügel über ihm, und all die Nymphen,
die Töchter von Zeus‘ Sturmwolken, kamen von den Bergen
und setzten Ulmen darum. Sieben Brüder hatte ich zuhaus‘.
Alle gingen sie am selben Tag zu Hades in sein Haus der Toten –
mit seinen schnellen Beinen stellte Achilles jeden einzelnen
mitten unter ihren schlurfenden Ochsen und weißen Schafen.
Meine Mutter, die über Thebe regiert hatte, verschleppte er
samt allem anderen hierher – auch sie war bloß noch Beute;
für ein riesiges Lösegeld kam sie frei – nur damit Artemis sie
daheim bei ihrem Vater mit einem ihrer Pfeile niederstreckte.
Ich habe Vater, Mutter und Brüder verloren – du aber, Hektor,
hast ihre Stelle eingenommen, bist der einzige Mann, den ich
je hatte – zeig doch Mitleid mit mir und bleib in der Festung!
Mach nicht deinen Sohn zum Waisenkind und mich zur Witwe!
Befiehl die Truppen dort zum Feigenbaum hin – da ist die Stadt
am gefährdetsten für einen Angriff und die Mauer am ehesten
zu erklettern: dreimal versuchten’s die besten von ihnen schon,
vom großen Aías, dem kleinen Aías und Idomeneús angeführt –
und auch die zwei Söhne des Atreús, zusammen mit Diomédes –
entweder brachte sie einer drauf, der sich mit Orakeln auskennt,
oder aber sie wissen es von allein, dass sie da anrennen müssen!“

Der große Hektor nickte, und sein spiegelnder Helm blendete sie dabei:
„Auch mir gehen diese Dinge durch den Kopf, Andromáche; aber –
ich würd mich in Grund und Boden schämen vor den Trojanern
und unseren reichgekleideten Frauen, tät ich mich jetzt drücken.
Dagegen wehrt sich in mir alles; ich hab gelernt, tapfer zu sein
und immer in vorderster Reihe zu stehen – um Ruhm und Ehre 
für mich und meinen Vater zu erringen; ich kann einfach nicht
anders – so ist das nun mal – obwohl ich tief im innersten weiß,
dass der Tag kommt, wo das heilige Ilios vernichtet werden wird
samt Priamos mit seinem Eschenspeer und unserem ganzen Volk.
Mehr noch als die Tragödie, die auf die Trojaner zukommt,
der Gedanke an meinen Vater Priamos, an meine Mutter Hekábe
oder an meine vielen Brüder – die trotz ihrem heldenhaften Mut
durch den Feind früher oder später in den Staub beißen werden –
bedrückt mich aber die Vorstellung, dass irgendein Grieche dich
dann schreiend mit sich zerrt und dich zu seiner Sklavin macht.
Ich seh dich in Argos für eine fremde Herrin am Webstuhl knien
oder Wasser von irgendeiner weit entfernten Quelle anschleppen,
und du kannst nichts dagegen tun, sosehr du dich auch wehrst.
‚Das ist Hektors Frau‘, wird’s heißen, wenn sie dich weinen sehen – 
‚Damals im Kampf um Ilios – da war er der tapferste Trojaner!‘;
zeigen werden sie auf dich – und es wird dich hart ankommen
ohne einen Mann wie mich, der dir deine Freiheit sichern kann.
Lass sie die Erde hoch über meiner Leiche aufschütten, damit ich
deine Hilfeschreie nicht hören muss, wenn sie dich fortzerren!“

Und damit streckte Hektor nur die Hand nach seinem Jungen aus –
doch der drückte sich an den breiten Busen seiner Amme und hob
laut zu greinen an, vom Anblick seines Vaters vollkommen verstört;
der Bronzehelm hatte ihn erschreckt, der Busch aus Roßhaar oben
am Bügel, der vor seinem Gesicht fürchterlich hin- und herwippte.
Da brach der Vater in Lachen aus, seine Mutter stimmte schließlich
auch mit ein, und der große Hektor nahm schnell den Helm vom Kopf
und setzte ihn in allem seinen Funkeln auf dem Boden ab, er nahm
seinen Liebling in die Arme, warf ihn hoch und küsste seine Backen;
dann sprach er ein Gebet an Zeus und die anderen Unsterblichen:
„Zeus! Ihr Götter alle! Macht, dass dieser Junge, mein Sohn hier,
einmal wie ich zu den angesehensten Trojanern zählt, dass er
gleich stark und tapfer wird; ein wahrer Herrscher über Ilios!
Sollen die Leute sagen, dass er mehr Manns ist als sein Vater,
wenn er vom Schlachtfeld kommt, mit der blutigen Rüstung,
die er einem Feind abnahm, zur hellen Freude seiner Mutter!“
Und mit diesen Worten übergab er den Buben den Armen seiner Frau,
die ihn an ihren warmen Busen drückte und die Tränen kaum noch
zurückhalten konnte. Hektor merkte es, und er teilte ihren Schmerz;
liebevoll sagte er ihren Namen, streichelte über ihr Haar und meinte:
„Meine Arme, ich bitte dich, mach dir das Herz nicht so schwer.
Keiner schickt mich zu Hades, bevor meine Zeit abgelaufen ist;
keiner kommt aber auch – gleich ob ein Feigling oder ein Held –
jenem Schicksal aus, das ihm von Geburt an bestimmt wurde.
Geh jetzt nach Hause – kümmere dich lieber um deine Arbeit,
um Webstuhl und Spindel, und schau, dass auch die Mädchen
ihre Pflicht erfüllen – das Geschäft der Männer ist der Krieg,
und dieser hier geht alle an, die in Troja leben – mich zuerst.“
Mit diesen Worten setzte der große Hektor jetzt seinen Bronzehelm
mit dem Busch aus Roßhaar auf; seine geliebte Frau aber ging heim,
sich alle paar Schritte wieder umdrehend, ganz in Tränen aufgelöst.

Einmal jedoch zurück im einladenden Palastflügel Hektors,
hielt sie die Frauen drinnen an, die Arbeit zu lassen und Wehklagen
für einen anzustimmen, der zwar noch am Leben war, aber nur noch
das Töten im Kopf hatte; sein eigenes Haus hallte nun davon wider –
so überzeugt waren sie, dass er den blutigen Händen der Griechen
und ihrem Furor nicht entkommen und nie mehr heimkehren würde.

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