„WAS AUF EINER LEITER ERREICHBAR IST, INTERESSIERT MICH NICHT“ – Wittgenstein über das Wunder der Normalität

Die Quelle jeglicher Stimmung und echter Besonderheit liegt für Wittgenstein in der Normalität.

„Die für uns wichtigsten Aspekte der Dinge sind durch ihre Einfachheit und Alltäglichkeit verborgen“, schreibt Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen. „(Man kann es nicht bemerken, – weil man es immer vor Augen hat.) Die eigentlichen Grundlagen seiner Forschung fallen dem Menschen gar nicht auf. Es sei denn, dass ihm dies einmal aufgefallen ist. – Und das heißt: das, was, einmal gesehen, das Auffallendste und Stärkste ist, fällt uns nicht auf.“

In den Vermischten Bemerkungen fügt er hinzu: „Ich könnte sagen, wenn der Ort, zu dem ich gelangen will, nur auf einer Leiter zu ersteigen wäre, gäbe ich es auf, dahin zu gelangen. Denn dort, wo ich wirklich hin muss, dort muss ich eigentlich schon sein. Was auf einer Leiter erreichbar ist, interessiert mich nicht.“

Damit soll gesagt sein, dass die Quelle tiefer Bedeutung im Unbewussten oder im Alltag liegt, in unserer normalen, eingespielten, unmittelbaren Umgebung (inklusive deren Wesen und deren Möglichkeiten) sowie in der Sprache, in welcher sie sich vollzieht. Wittgenstein lehnt daher jede Form von Jargon ab, äußert sich fast ausschließlich in Alltagsbegriffen. Er tut dies, um im Gründlicheren zu bleiben, da alle Terminologien bereits Abkömmlinge dieses Nährgrunds sind. Es ist ihm egal, was für „Bauten“ darauf errichtet werden, da diese bereits etwas von einem Luftgespinst haben. Entscheidend für den Philosophen ist der lebendige Urgrund – seine Bewegungen, denn er bleibt nie „mit sich identisch“. Zwar verändert er sich selten blitzartig, jedoch wird er sachte mitgenommen wie das Flussbett vom darin strömenden Wasser, wenn man es nicht zu sehr betoniert.

Nichts Selbstverständliches ist jemals bedeutungslos!

Wittgenstein braucht deswegen auch nur auf der Stelle stehen zu bleiben und sich in die natürlichen Formen und Läufe seiner Umgebung zu versenken, um in Stimmung zu kommen. Sein Philosophieren besteht in einem unausgesetzten Zwiegespräch mit sich selbst, in dessen Verlauf er Fragen stellt und den Antworten lauscht, die ihm der Werktag gibt: „Jeden Morgen muss man wieder durch das tote Geröll dringen, um zum lebendigen, warmen Kern zu kommen“, schreibt er in seinen Vermischten Bemerkungen. „Beim Philosophieren muss man ins kalte Chaos hinabsteigen und sich dort wohl fühlen [sic!].“

Die normale Welt, das Tor zur Bedeutung, wird seiner Meinung nach erniedrigt, indem man sie vergleicht mit etwas angeblich Fundamentalerem oder Wirklicherem wie der Metaphysik und ihrem Gott und ihrem die Welt stellenden, vorsichtigen Denken. So wie wir heute das Diesseits von Physik oder Mathematik für realer halten als die normale Menschenwelt, welche es auch verändert, der seine Regeln aber allzeit entspringen.

Wittgensteins Methode, zu denken, verzichtete auf jede Systematik, buchstabiert keine Regeln, es sei denn, man möchte die besinnliche Auseinandersetzung ausschließlich in Alltagsworten eine Regel nennen: „Unsere Zivilisation ist durch das Wort ‚Fortschritt‘ charakterisiert“, schreibt er dazu in seinen Vermischten Bemerkungen. „Der Fortschritt ist ihre Form, nicht eine ihrer Eigenschaften, dass sie fortschreitet. Sie ist typisch aufbauend. Ihre Tätigkeit ist es, ein immer komplizierteres Gebilde zu konstruieren. Und auch die Klarheit dient doch immer nur dem Zweck und ist nicht Selbstzweck. Mir dagegen ist die Klarheit, die Durchsichtigkeit, Selbstzweck. Es interessiert mich nicht, ein Gebäude aufzuführen, sondern die Grundlage aller möglichen Gebäude durchsichtig vor mit zu haben. Mein Ziel ist also ein anderes als das der Wissenschaftler & meine Denkbewegung von der ihrigen verschieden.“

Wittgenstein charakterisiert damit seine Hinwendung zur Alltagssprache nicht als Ausdruck von Bescheidenheit, sondern des Wunsches nach echter Tiefe und Klarheit, welche bloße Abstraktion nicht liefern kann, sondern nur das, worauf sie ruht und das sie nährt.

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