Warum wir überhaupt an morgen glauben

Es gibt eine merkwürdige Alltagshandlung, über die man fast nie nachdenkt: Jemand kündigt an, am Donnerstag um drei Uhr zu kommen, und wir richten unser Leben danach ein.
Wir tragen den Termin ein, kaufen Kaffee, verschieben anderes. Ein am Montag ausgesprochener Satz organisiert auf einmal einen Teil des Donnerstags.
Das ist erstaunlich. Am Montag existiert dieser Donnerstag nur als Möglichkeit. Der andere könnte krank werden, seine Meinung ändern oder den Zug verpassen. Trotzdem behandeln wir seine Ankündigung wie etwas, das bereits Wirklichkeit besitzt.
Wie kommt der Mensch zu dieser Fähigkeit?
Nietzsche gibt darauf in der zweiten Abhandlung der Genealogie der Moral eine ungemütliche Antwort.
Der Mensch, schreibt er, sei ein Tier, das versprechen darf. Damit das möglich wurde, musste ein Wesen entstehen, das sich erinnern kann – dessen gegenwärtiger Wille auch morgen noch gilt. Nietzsche erzählt die Entstehung dieses Gedächtnisses als Geschichte der Gewalt: Versprechen hängen historisch mit Verpflichtungen zusammen, Verpflichtungen mit Schulden. Wer sein Wort bricht, muss damit rechnen, dass der Gläubiger sich schadlos hält.
Der berechenbare Mensch musste erst hergestellt werden. Bevor er einen Kalender führen konnte, musste er lernen, dass Donnerstag tatsächlich Donnerstag sein wird. Nietzsche beschreibt das mit Blick für das Grobe: Schmerz schafft Gedächtnis. Strafen, Opfer und Disziplinierung brannten dem Menschen ein, was dauerhaft im Kopf bleiben sollte. Seine genealogische Frage lautet: Welche Geschichte musste geschehen, damit uns diese Fähigkeit heute selbstverständlich erscheint? Beim Versprechen führt diese Geschichte zurück zur Schuld.
Man kann dieselbe Szene jedoch auch von der anderen Seite betrachten: Warum verlasse ich mich eigentlich darauf, dass mein Gegenüber kommt?
Hier wird Freud interessant. In der Massenpsychologie und Ich-Analyse erklärt er stabile soziale Verbände über libidinöse Bindungen und Identifizierungen. Die Libido meint bei ihm weit mehr als Sex – sie ist die psychische Energie, mit der wir an Menschen hängen, uns mit ihnen identifizieren und ihnen Bedeutung verleihen.
Eine Gesellschaft lebt von solchen Vorschüssen. Ich behandle jemanden heute schon so, als würde er sich morgen auf eine bestimmte Weise verhalten. Ich gebe ihm Kredit.
Der Kredit ist eine Zeitmaschine: Der Kreditgeber überlässt dem anderen in der Gegenwart etwas aufgrund einer Erwartung an die Zukunft. Er besitzt keine Gewissheit, sondern Vertrauen. Unser Alltag steckt voller solcher Gesten: Wir steigen in Flugzeuge, überweisen Geld für Ware, die erst nächste Woche kommt, oder heiraten und treffen damit eine Aussage über Personen, die wir erst in zwanzig Jahren sein werden.
Bei Nietzsche erscheint der Mensch als ein Wesen, das durch eine Geschichte von Schuld dazu gebracht wurde, für sein zukünftiges Verhalten einzustehen. Bei Freud lesen wir dieselbe Sache von der anderen Seite: Menschen räumen einander Zukunft ein.
Nietzsche blickt vom Donnerstag zurück auf den Montag: Was zwingt denjenigen, der etwas zugesagt hat, noch am Donnerstag unter seinem Montagswort zu stehen? Freud erlaubt die umgekehrte Frage: Was bringt mich am Montag dazu, mein Verhalten bereits auf einen Menschen am Donnerstag einzurichten?
Auf der einen Seite steht Verpflichtung, auf der anderen Kredit. Natürlich gehören beide zusammen. Eine Welt ausschließlich aus Verpflichtungen wäre ein Gefängnis; eine Welt nur aus Vorschusskrediten hätte bald ein Liquiditätsproblem.
Hier bekommt auch Nietzsches Begriff des Ressentiments eine klare Kontur: Es lebt davon, dass Vergangenes seine Forderung behält. Die Rechnung bleibt offen, die Vergangenheit wird zum Gläubiger der Gegenwart. Freuds Perspektive führt dagegen zu einer Vorwärtsbewegung: Bindung entsteht, weil ich einem anderen etwas zutraue.
Schuld ist ein Kredit, den die Vergangenheit bei uns eintreibt. Vertrauen ist ein Kredit, den wir der Zukunft geben.
Beides verbindet verschiedene Zeiten und macht Handeln überhaupt erst möglich. Vollkommen gegenwärtig könnten wir kaum gemeinsam existieren: Begänne jede Beziehung in jeder Sekunde bei null, müsste ich bei jedem Menschen fortwährend neu feststellen, wer er ist. Schon ein einfaches Abendessen würde zum erkenntnistheoretischen Großprojekt.
Wir leben in einer Welt aus vorausgesetzten Fortsetzungen. Der Freund von heute bleibt morgen mein Freund, das Geld auf dem Konto behält seinen Wert, der Staat erkennt meinen Pass an. Diese Erwartungen können enttäuscht werden – aber genau deshalb sind sie interessant. Gewissheit wäre kein Vertrauen.
Der Mensch lebt zeitlich weit über die Gegenwart hinaus. Er trägt Rechnungen aus der Vergangenheit mit sich herum und stellt zugleich ungedeckte Schecks auf die Zukunft aus.
Nietzsche zeigt, wie wir lernen mussten, für morgen zu haften. Freud hilft bei der Frage, weshalb wir anderen diese Haftung überhaupt abnehmen.
Dazwischen spielt sich Gesellschaft ab. Vielleicht sogar Liebe.