Vom Wesen des Deutschen und seinen Feinden

Es ist an der Zeit, einige Dinge in Ordnung zu bringen. Seit geraumer Zeit hört man, der Deutsche müsse sich öffnen, müsse lernen, müsse weicher werden, geschmeidiger, geselliger, südlicher, östlicher, wer weiß was noch. Man rät ihm, sich an Italienern zu schulen, an Franzosen, gar an Persern, Arabern und afrikanischen Völkern, als sei er ein zurückgebliebenes Kind, das von den Gewandteren der Welt die Künste des Lebens noch zu erlernen hätte. Man muss diesem Gerede mit aller wünschenswerten Klarheit entgegentreten. Wir sind nämlich nicht zurückgeblieben. Wir sind weiter. Und wer das nicht erkennt, hat den Kern unseres Wesens nicht begriffen.

Beginnen wir bei den Begriffen, denn alles fängt bei der Genauigkeit an. Was an uns gerühmt zu werden verdient, ist nicht die Tugend in einem moralisch-banalen Sinn, sondern eine bestimmte Form der inneren Haltung, die ich GRÜNDLICHKEIT nennen möchte und sorgfältig von ihren Verwechslungen unterscheide. Gründlichkeit ist nicht Pedanterie, denn die Pedanterie verliert sich im Beiwerk, während die Gründlichkeit zum Grund vordringt. Sie ist auch nicht Umständlichkeit, denn die Umständlichkeit kennt das Ziel nicht, während die Gründlichkeit es zu früh erreichen verschmäht. Sie ist endlich nicht zu verwechseln mit jener bloßen Akkuratesse, die man bei manchen kleineren Völkern findet und die im Grunde nichts ist als verkleinertes Beamtentum. Die deutsche Gründlichkeit dagegen ist eine metaphysische Disposition. Sie sucht nicht das Korrekte, sondern das Wahre.
Daraus folgt unsere zweite Eigenart, die ich mit dem Wort TIEFE bezeichne und die mit dem, was Reisende und Feuilletonisten meinen, wenn sie etwa von der Tiefe der russischen Seele sprechen, nicht das Geringste zu tun hat. Russische Tiefe ist Schwermut, und Schwermut ist ein Affekt, also etwas, das einen befällt. Deutsche Tiefe dagegen ist eine Leistung. Sie wird erarbeitet. Sie ist das Ergebnis eines Vorgangs, in dem das Denken sich selbst in Anspruch nimmt, sich prüft, sich nicht beruhigen lässt, bis es bei dem angekommen ist, was sich nicht weiter zerlegen lässt. Tiefe in unserem Sinn ist nicht ein Stimmungsraum, sondern ein methodischer Akt. Wer das nicht unterscheidet, verwechselt Schiller mit Dostojewski, und wer Schiller mit Dostojewski verwechselt, hat nichts begriffen.

An dieser Stelle, da wir nun beim Methodischen sind, müssen wir mit aller Schärfe von einer Bedrohung sprechen, die unser geistiges Leben seit langem unterhöhlt: dem französischen Geist. Man hat uns immer wieder versucht weiszumachen, der Franzose sei uns voraus durch eine gewisse Klarheit, eine Eleganz der Form, ein Talent zur Zuspitzung. Es ist gut, diese Behauptung in ihre Bestandteile zu zerlegen. Was der Franzose Klarheit nennt, ist in Wahrheit eine Verfrühung des Schlusses. Er kommt zu rasch zum Ende, weil er zu rasch beginnt. Was er Eleganz nennt, ist die Bereitschaft, den Gedanken so zu beschneiden, dass er auf einen Salonabend passt. Was er Zuspitzung nennt, ist die Unfähigkeit, eine Sache in ihrer ganzen Schwere zu tragen. Der französische Aphorismus, dieses Lieblingsspielzeug des halbgebildeten Lesers, ist nichts als ein deutscher Gedanke, dem man die Hälfte amputiert hat, damit er sich besser zitieren lässt.

Man wird einwenden, dies sei zu hart. Es ist nicht zu hart, es ist genau. Wer Hegel gelesen hat und danach Voltaire, weiß, was ich meine. Voltaire ist witzig, gewiss, aber sein Witz ist die Vermeidung des Ernstes, nicht seine Überwindung. Hegel ist nicht witzig, weil er das Witzige als das immer schon Aufgehobene erkannt hat. Der Witz steht auf einer früheren Stufe als der Begriff. Wer einen guten Witz macht, hat den Begriff verfehlt. Es liegt ein tieferes Wissen darin, dass im Deutschen die Worte SCHERZ und ERNST nicht beliebig vertauschbar sind, sondern in einem festen hierarchischen Verhältnis stehen, in dem der Ernst die höhere Stufe markiert, während im Französischen das esprit sich überall einmischen darf, auch dort, wo es nichts zu suchen hat.

Noch gefährlicher als der französische Geist ist freilich der italienische, und hier gilt es, mit besonderer Wachsamkeit zu Werke zu gehen. Der Italiener verführt durch das, was man seine LEBENSKUNST nennt. Aber was ist diese Lebenskunst, genau betrachtet? Sie ist die Fertigkeit, eine Sache nicht zu Ende zu denken, weil das Zu-Ende-Denken den Genuss verdürbe. Der Italiener kocht gut, das wird ihm niemand bestreiten, aber er kocht gut, weil er nicht denkt, während er kocht; und er führt schöne Gespräche, weil er nicht den Mut hat, auch hässliche zu führen. Die berühmte italienische Schönheit im Alltag ist ein Kompromiss mit der Oberfläche, geschlossen unter Verzicht auf den Grund. Eine Kultur, die ihre Plätze schöner gestaltet als ihre Bibliotheken, hat eine Wahl getroffen, und es ist nicht unsere.

Man sage mir nicht, ich sei ungerecht. Man halte mir nicht entgegen, in Italien hätten Dante und Vico, Leopardi und Croce gewirkt. Diese Namen kenne ich, und ich verehre sie. Aber sie sind in Italien Ausnahmen, während sie bei uns die Regel wären. Dante hätte, wäre er im Heiligen Römischen Reich geboren, nicht eine Komödie geschrieben, sondern ein System; Vico wäre ein deutscher Universitätsphilosoph geworden, der seine Scienza nuova in vier Bänden ausgearbeitet hätte, von denen jeder den Umfang des italienischen Originals überstiegen hätte; und Leopardi hätte sich, statt Gedichte zu schreiben, bei einer ehrlichen Krankheit aufgehalten und wäre als Privatdozent in Göttingen gestorben. Italien produziert seine Geister gegen sich selbst, Deutschland aus sich heraus.

Damit wir nicht den Eindruck erwecken, wir hätten nur die Romanen im Auge, wenden wir uns nun nach Süden und Osten, denn dort drohen weitere Angriffe auf das, was uns ausmacht. Es sind in jüngster Zeit Stimmen laut geworden, die uns rieten, von den arabischen, persischen oder afrikanischen Kulturen die Höflichkeit zu lernen, die Gastfreundschaft, die Würde im Umgang. Diese Stimmen sind, gelinde gesagt, irregeführt. Was sie als Höflichkeit beschreiben, ist eine Form gesellschaftlicher Choreographie, die in vormodernen Gesellschaften ihre Funktion hatte und bei uns, einer postmetaphysischen, durchgeklärten Kultur, bestenfalls als Folklore Bestand hätte. Eine Begrüßung, die zehn Minuten dauert, ist keine Höflichkeit, sondern eine Verschwendung der Zeit, die man besser auf das richtet, was sie verdient: das Wesentliche.
Es ist überhaupt eine bemerkenswerte Erscheinung, dass die Bewunderer fremder Kulturen stets gerade jene Eigenschaften loben, die in einer ernstlich durchdachten Lebensführung keine Stelle haben. Die persische Andeutung wird gerühmt, weil man die deutsche Geradlinigkeit nicht mehr erträgt; die arabische Großzügigkeit wird beschworen, weil man die deutsche Verlässlichkeit für selbstverständlich hält; die afrikanische Geselligkeit wird besungen, weil man die deutsche Konzentration als Mangel deutet. Aber Andeutung ist Feigheit vor dem Begriff. Großzügigkeit ohne Bilanz ist Verschwendung. Geselligkeit ohne Zweck ist Zeitverlust. Wer dies nicht erkennt, hat die Hierarchie der Werte aus den Augen verloren.

An dieser Stelle muss ich auf einen Punkt zu sprechen kommen, der mir am Herzen liegt, weil er in den letzten Jahrzehnten besonders verzerrt worden ist: die Frage des HUMORS. Man wirft uns vor, wir hätten keinen. Diese Behauptung beruht auf einer Begriffsverwirrung, die ich aufzulösen wünsche. Was die anderen Humor nennen, ist bei näherer Prüfung nichts als die Unfähigkeit, eine Sache lange genug ernst zu nehmen, um zu ihrem Wesen vorzudringen. Der englische Humor, viel gepriesen, ist eine Form der Vermeidung, in der das Wichtigste durch eine Pointe ersetzt wird, damit man sich nicht den Mühen des Begriffs zu unterziehen braucht. Der französische esprit ist, wie schon dargelegt, eine Verfrühung. Der jüdische Witz, so geistreich er sein mag, ist eine Verzweiflungsform, geboren aus der Lage einer verfolgten Minderheit, also kein universelles Modell. Was bleibt, ist der deutsche Humor, der es vorzieht, sich nicht in jedem Halbsatz zu zeigen, sondern erst dann, wenn der Gegenstand ihn auch verträgt. Es ist ein verspäteter Humor, ein hintergründiger, einer, der erst aufgeht, wenn der Andere ihn sich selbst erarbeitet hat. Eben darum lachen Ausländer nicht. Sie haben das Vorgespräch nicht geführt.
Das gleiche gilt für die viel beschworene LEICHTIGKEIT. Man sagt uns, wir seien schwer. Das stimmt, und es ist gut so. Schwer sein heißt, Gewicht haben. Wer leicht ist, fliegt davon. Der italienische Mensch fliegt davon, sobald ein Wind weht, weshalb seine Geschichte aus einer Folge von Tyrannen, Päpsten und Modedichtern besteht, die einander ablösen, ohne dass etwas sich vertieft. Der französische Mensch fliegt davon, sobald eine neue Idee aufkommt, weshalb er alle hundertfünfzig Jahre eine Revolution braucht, die er dann literarisch umrahmt. Der Deutsche bleibt. Er bleibt sitzen, er bleibt denken, er bleibt verlässlich. Es ist das, was ihn von den Spreuvölkern unterscheidet. Wir sind ein Weizenvolk. Es ist nicht unsere Schuld, dass die anderen das nicht wissen.

Hier ist nun ein Wort über die GESELLIGKEIT zu verlieren, denn auch sie wird uns abgesprochen. Es ist freilich zu unterscheiden zwischen wahrer und unechter Geselligkeit. Die unechte Geselligkeit, wie sie der Romane pflegt, lebt vom Geräusch. Sie ist eine Auffüllung des Schweigens, weil das Schweigen unerträglich geworden ist. Die wahre Geselligkeit dagegen ist eine Geselligkeit, in der das Schweigen mit gemeint ist, in der man stundenlang an einem Tisch sitzen kann, ohne ein Wort zu sagen, und doch verbunden ist durch das gemeinsame Schweigen vor einer Sache. Diese Form der Geselligkeit ist die höhere. Sie setzt voraus, dass man die Sache hat. Wer die Sache nicht hat, muss reden. Wer sie hat, kann schweigen. Es ist nicht überraschend, dass die ärmeren Kulturen die größeren Schwätzer hervorbringen.

Man wird mir vorhalten, dies klinge alles nach Hochmut. Es ist kein Hochmut, sondern eine Pflicht. Wenn man weiß, dass man recht hat, und schweigt, ist das Feigheit. Wenn man weiß, dass die anderen sich täuschen, und nichts sagt, ist das Verrat an der Wahrheit. Es gehört zu unserem Wesen, dass wir die Bequemlichkeit der Selbstbescheidung verschmähen. Andere Völker haben sich in den letzten Jahrzehnten in eine ironische Selbstdistanz hineingerettet, die ihnen den Vorteil verschafft, von niemandem mehr beim Wort genommen zu werden. Wir nehmen uns beim Wort. Das ist anstrengend. Aber es ist die einzige Form der Existenz, die sich vor dem Gewissen rechtfertigen lässt.
Ein letztes Wort zum Vorwurf der mangelnden IMPROVISATIONSFÄHIGKEIT. Man wirft uns vor, wir könnten nicht improvisieren. Das ist halb richtig. Wir wollen nicht. Improvisation ist nämlich nichts anderes als die Bereitschaft, sich vom Augenblick überraschen zu lassen, weil man den Plan nicht hat. Wir aber haben den Plan. Wer den Plan hat, wird vom Augenblick nicht überrascht; er weiß ohnehin, was kommen wird, weil er es vorbereitet hat. Die viel gerühmte Improvisationskunst der südlichen Völker ist also nichts als der ästhetische Glanz einer fehlenden Vorbereitung. Sie wird zur Tugend gemacht, weil man sich der Mängel schämt, aus denen sie hervorgeht. Bei uns gibt es keine Improvisation, weil es bei uns keine Mängel gibt, die sie nötig machten. Eine Eisenbahn, die fährt, wann sie soll, braucht keine Improvisation. Eine Verfassung, die hält, was sie verspricht, braucht keine Improvisation. Eine Philosophie, die zu Ende gedacht ist, braucht keine Improvisation. Improvisation ist das Notpflaster der Unvorbereiteten.

Es bleibt zuletzt die Frage, was wir aus alldem zu lernen hätten. Ich antworte: nichts. Nicht aus Stolz, sondern aus Einsicht. Wir können von den anderen nichts lernen, was wir nicht schon hätten, nur wäre es bei uns gründlicher, tiefer, reicher an Begriff. Was die anderen können, ist eine Vorform dessen, was wir können. Es wäre wie wenn ein Universitätsprofessor von einem Volksschullehrer lernen sollte, weil dieser anschaulicher unterrichtet. Anschaulichkeit ist ein Behelf für jene, die den Begriff nicht haben. Wir haben den Begriff. Es wäre eine Selbstverkleinerung, ihn aufzugeben um des Beifalls willen, den wir bei anderen einsammeln könnten, wenn wir uns ihnen anähnelten.

Ich beende diesen Aufsatz mit einem Bekenntnis, das ich für das einzig redliche halte. Wir Deutschen sind, was wir sind, durch eine lange und sehr ernsthafte Arbeit an uns selbst geworden. Wir haben uns die Tiefe nicht geschenkt; wir haben uns die Gründlichkeit nicht angedichtet; wir haben den Ernst nicht aus Verlegenheit gewählt, sondern aus der Erkenntnis, dass alles andere unter unserer Würde wäre. Wenn andere Völker sich das Leben leichter machen, ist das ihre Sache. Wir machen es uns nicht leichter, weil wir wissen, dass es nicht leichter ist. Es ist schwer. Wer es leichter macht, lügt. Wir lügen nicht. Das ist das Geheimnis unserer Stellung in der Welt, und es ist auch der Grund, warum die anderen, sobald sie aufrichtig nachdenken, zu uns aufschauen müssen, ob sie wollen oder nicht. Sie schauen meist ungern. Aber sie schauen.