Hölle der Wahlfreiheit

In der Nähe meiner Wohnung gibt es einen „Subway“-Sandwichladen, der mich zur Verzweiflungs treibt. Er liefert keine Sandwiches, sondern eine Weltanschauung.
Man betritt den Laden, hungrig, vielleicht ein wenig zerstreut, und sieht sich einem Tresen gegenüber, hinter dem ein Mensch in Schürze steht, der „Sandwich-Techniker“. Ein Titel, der Kompetenz verspricht und zugleich entlastet: Technik klingt nach System, nach Ablauf. Aber genau das fehlt. Der Techniker darf kein Sandwich machen. Er wartet. Auf dich. Weißbrot oder Honey Oat? Sechs Inch oder Footlong? Getoastet? Welcher Käse? Welches Fleisch? Welches Gemüse? Welche Soße? Und plötzlich stehst du da, als müsstest du ein kleines Verfassungsdokument über deine Essenspräferenzen ausarbeiten. Jede einzelne Entscheidung liegt bei dir. Du wolltest nur etwas essen.
Dieser Zustand gilt als normal. Man hat sich daran gewöhnt, dass selbst die banalsten Handlungen in eine Kaskade von Mikro-Entscheidungen zerfallen. Es gilt als Ausdruck von Freiheit, wenn niemand für dich auswählt. Keiner nimmt dir etwas ab, sagt: Das ist das Sandwich. Nimm es oder lass es. Stattdessen wird die Verantwortung in hauchdünnen Scheiben zurückgereicht, bis sie bei dir liegt, garniert mit der Illusion von Souveränität.
Dahinter steckt eine gesellschaftliche Grundhaltung: dass das Individuum permanent wählen muss, selbst dort, wo die Wahl kaum Bedeutung hat. Die Freiheit wird zur Pflicht. Du darfst nicht einfach konsumieren; du musst konfigurieren. Dagegen ist oder war McDonald’s – zumindest früher – sozialistische Planwirtschaft. Du kriegst schlicht einen Big Mac. Kein Gespräch über Gurkenscheiben. Keine existenzielle Prüfung am Saucenspender. Man sagte die Nummer, bezahlt, isst. Das hat etwas Entlastendes, fast Fürsorgliches, selbst wenn es sich einer ganz anderen Ideologie verdankt.
Niemand geht an der Salatbar zugrunde. Und doch schleicht sich eine Müdigkeit ein, wenn jede Kleinigkeit zur Entscheidungssache wird. Die permanente Selbstbestimmung franst aus. Man merkt es vielleicht erst später, auf der Straße, wenn man sich fragt, warum man zehn Minuten über die richtige Senfmenge nachgedacht hat, als hinge davon das eigene Lebensglück ab.
Subway hat ein Treueprogrammen, mit Sammelkarten, Punkten, digitalen Belohnungen. Ein Sandwich bringt Stempel, zehn Stempel bringen ein Gratis-Sandwich, und plötzlich ist man in einem Kreislauf gefangen, der unentwegt lächelt. Das System funktioniert nicht über Zwang, sondern über Boni. Bleib bei uns, iss weiter, sammle weiter. Es ist eine sanfte Form der Bindung, die sich wie Freiheit anfühlt. Niemand zwingt dich. Du könntest jederzeit gehen. Aber da ist diese fast volle Karte in deiner App.
So geht freier Markt. Kunden werden durch kleine Versprechen an Konzerne geknüpft, während sie gleichzeitig mit Wahlmöglichkeiten überschüttet werden, die sie beschäftigen und beschäftigen sollen. Freiheit erscheint hier nicht als offener Horizont, sondern als ein Raum, der bis in die letzte Ecke möbliert ist. Du darfst alles wählen, nur nicht die Bedingungen, unter denen du wählst.
Eine Gesellschaft, die dir unablässig Optionen anbietet, präsentiert sich als großzügig. In Wahrheit verlangt sie, dass du dich ständig positionierst, selbst bei Nebensächlichkeiten. Die Überfülle wirkt oberflächlich fast verspielt, und ist doch belastend. Man trägt sie mit sich herum wie eine unsichtbare Einkaufstüte, die nie ganz leer wird.
Die freie Gesellschaft als Tresen, an dem alles möglich ist, solange du dich entscheidest. Und entscheidest. Und noch einmal entscheidest. Das Sandwich ist irgendwann aufgegessen. Die Struktur, die es hervorgebracht hat, bleibt unersättlich.